Wer Michael Hilscher in Schlettach besuchen will, muss bergauf: Von der Straße bis zur Haustür sind es locker 50 Meter. Kein leichter Weg im Winter bei Eis und Schnee.

Für Michael Hilscher war die Strecke bis zu seinem Haus vor einem Jahr fast unüberwindlich. Er hatte im September 2013 wegen einer schmerzhaften Arthrose sein Fußgelenk versteifen lassen. Leider ging die Operation nicht gut: Sein linker Fuß zeigt nun nach oben, Hilscher steht immer auf der Ferse. Um die Fehlstellung auszugleichen, hatte ihm die Ärzte einer Spezialklinik zu einer Orthese geraten. Nach mehreren Sitzungen konnte Hilscher endlich eine Orthese angepasst werden. Die trug er nun und humpelte am Rosenmontagabend zum Schlettacher Backhaus.
Dort treffen sich die Freunde des Backhauses zum Kartenspielen. Nichts Aufregendes, wie Hilscher sich erinnert. Seit 2012, von Anfang an, engagiert sich der 58-Jährige bei dem Verein. Doch sein Knie schmerzte, bis es kaum mehr aushielt, auch wenn äußerlich nichts zu sehen war. Hilscher konnte nicht mehr auftreten, auf dem Allerwertesten robbend schaffte er es seinen Hügel hinauf nach Hause.


Ins Krankenhaus um Mitternacht

Inzwischen schwoll sein Knie an. Seine Mutter rief einen Krankenwagen. Der brachte ihn in die Notaufnahme des Coburger Klinikums. Dort wurde Hilscher in einen Rollstuhl gesetzt und in Zimmer Nummer 3 geschoben. "Ich saß da und hab mir weiter keine Gedanken gemacht", sagt er. Er hatte nur sein Portmonee mitgenommen, wegen der Versicherungskarte. Sein Handy hatte er zu Hause gelassen, warme Kleidung hatte er auch nicht dabei.
Wie lange er wartete, kann Hilscher nicht mehr sagen. Irgendwann sei ein Arzt an ihm vorbei ins Zimmer gestürzt, fragte ihn etwas, wartete nicht mal die Antwort ab, sah ihn kaum an und schrie plötzlich "raus hier!" So schildert es der Schlettacher, der sich verbal zu Wehr gesetzt haben will: "Sie sind kein Arzt", habe er dem Mediziner gesagt, und sich den Namen geben lassen. Hilscher zeigt die Visitenkarte des Chefarztes, auf der handschriftlich ein zweiter Name steht.

Hilscher, schmerzgeplagt und ratlos, wandte sich an Pfleger in der Nähe: "Was soll ich machen? Ich kann nicht auftreten." Doch niemand habe helfen wollen, "der an der Rezeption rief ständig: ,Das ist ein Simulant, das sind alles Simulanten!‘" Am Ende will es Hilscher gewesen sein, der verlangte, dass die Polizei geholt wird.


Polizei, Freund und Helfer

Angehörige anrufen konnte er nicht: "Meine Tochter arbeitet Nachtschicht, da herrscht Handyverbot. Meine Mutter ist schwerhörig." Die inzwischen eingetroffenen Polizisten versuchten, die Lage zu beruhigen. Der Arzt habe Hausrecht, erklärten sie Hilscher. Bleiben könne er also nicht. Heimlaufen konnte Hilscher auch nicht; die Polizisten besorgten ihm ein Taxi. "Dadurch haben die mir das Leben gerettet. Ich wäre sonst nie heimgekommen, bei 14 Kilometern Strecke und sechs bis acht Grad minus!"

In Schlettach angekommen, war das Hoftor verschlossen. Hilscher stieg am Dorfplatz aus und hatte nur noch den Weg bis zu seiner Tür vor sich. Ohne Geh-Hilfe, auf einem Bein den Hang hinauf - das ging nicht. Hilscher setzte sich wieder auf den Boden und robbte rückwärts seine Einfahrt hinauf. Wie lange er dafür brauchte, weiß er nicht mehr. Nur, dass seine Mutter glücklicherweise hörte, wie er ans Fenster klopfte, als er halb erfroren und erschöpft endlich das Haus erreicht hatte. Da war es etwa 5 Uhr morgens.

Der 58-Jährige führt es auf sein Abhärtungstraining zurück, dass er die Strapaze in der Kälte ohne Folgeschäden überstanden hat. "Bis vormittags um 11 hab ich gezittert", sagt er. Den Faschingsdienstag brauchte er, um sich zu erholen. Am Aschermittwoch rief er das Beschwerdemanagement am Klinikum an und trug seine Geschichte vor. Das erwies sich später als Vorteil.

Erst am Donnerstag ging Michael Hilscher zum Orthopäden, der sofort eine MRT-Untersuchung veranlasste, die freilich erst eine Woche später und in Tennenlohe stattfand. Vorher war nirgends ein Termin zu bekommen, sagt Hilscher.

Die Aufnahmen zeigten , dass sein Oberschenkelknochen kurz überm Knie gebrochen war, vermutlich durch die Orthese. Normalerweise bricht der Knochen an dieser Stelle nur durch äußere Einwirkung, erklärten ihm die Ärzte. Doch der Orthopäde, bei dem Hilscher in Behandlung war, konnte ihn nicht operieren.


Zu spät für Operation

Hilscher musste ins Coburger Klinikum, wo sein Fall nun schon bekannt war. "Das war dann auch gleich Chefsache", betont er, und lobt die Beschwerdemanagerin, die sich "super" gekümmert habe. Nur: Helfen konnte ihm der Arzt auch nicht. Der Bruch war zu diesem Zeitpunkt schon elf Tage her; eine Operation war im Klinikum nicht möglich. Außerdem hätte die Operation den Heilungsprozess wieder unterbrochen, der schon eingesetzt hatte. Hilscher durfte - wie schon nach der Fußoperation - das Bein sechs Wochen lang nicht belasten.

Er trage den Ärzten im Klinikum nichts nach, sagt er. Seine Geschichte habe er erzählen wollen, weil er die Realität zeigen wollte in einem Gesundheitssystem, das nicht nur an seinen eigenen Schwächen krankt. Sondern manchmal auch an denen der Menschen, die darin arbeiten.


Das sagt das Klinikum

Zum konkreten Fall konnte das Klinikum Coburg aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht Stellung nehmen. Aber grundsätzlich gelte: "Wer kommt, wird behandelt", betont Klinikdirektorin Astrid Wagner, die seit Juli 2015 am Klinikum tätig ist.

Vor einigen Monaten wurde die Behandlung in der Notaufnahme auf das "Manchester Triage System" umgestellt: Erfahrene Pflegekräfte schätzen bei jedem Patienten die Dringlichkeit der Behandlung ein. Schwere oder lebensbedrohliche Erkrankungen werden vordringlich behandelt, auch wenn die Patienten später ankommen. Dieses System gewährleiste auch, dass sich kurz nach deren Eintreffen jemand um die Patienten kümmert, sagt Regiomed-Sprecherin Birgit Schwabe.

Das Klinikum hat eine eigene Beschwerdestelle, an die sich Patienten jederzeit wenden können. Außerdem gibt es die ehrenamtlichen Patientenfürsprecher außerhalb des Klinikums, derzeit Heidi Bauersachs und Mathias Langbein.