Seit Juli schlagen die Glocken der Trinitatiskirche zwischen Mitternacht und sechs Uhr früh nicht mehr. Das hat der Kirchenvorstand der Gemeinde im Lautertal infolge der Beschwerde eines Anwohners entschieden. Auf den Artikel unserer Zeitung am Samstag haben sich weitere Bewohner Unterlauters mit einem Leserbrief gemeldet (siehe unten). Außerdem haben wir Experten dazu befragt, was es aus kultureller und theologischer Sicht mit dem Glockenschlag auf sich hat.

Der Glockenschlag ist ein Zeitzeichen und stammt aus dem Mittelalter. "Damals hatten die meisten Menschen noch keine Uhr. Der Großteil der Bevölkerung war von der Turmuhr der Kirche abhängig", sagt Isolde Kalter, Heimatpflegerin der Stadt Neustadt. Durch das Schlagen der Kirchenglocken sollte eine Norm für die Zeit in einem Ort geschaffen werden, erklärt Bezirksheimatpfleger Günter Dippold den Hintergrund: "Im Zweifel entschied die Kirchturmuhr, wann nach der Arbeit auf dem Feld Feierabend war oder wann die Kinder daheim sein mussten. Das Uhrschlagen war auch eine soziale Maßnahme für alle, die sich keine Uhr leisten konnten."

Verbindliche Uhrzeiten

Uhrzeiten, die über die Ortsgrenzen hinaus gültig waren, wurden erst mit dem Aufkommen der Eisenbahn festgelegt. "Eine Normierung war notwendig. Wenn die Uhren in Bamberg anders als in Lichtenfels gegangen wären, hätte es Probleme gegeben", sagt Dippold. Im Grunde habe die Notwendigkeit eines akustisch übermittelten Zeitsignals erst ab dem 20. Jahrhundert nicht mehr bestanden, weil es zunehmend mehr Uhren gab. Neben dem Schlagen zur Uhrzeit wurde morgens, mittags und abends zusätzlich zu den Gebetszeiten geläutet. Früher hatte das Läuten noch weitere Funktionen. "Es war üblich, wenn ein Sturm aufzog, ein Feuer ausgebrochen ist oder in Kriegszeiten als Alarmsignal zu läuten", ergänzt Isolde Kalter.

Mechanische Uhrwerke wurden abgelöst

Wie Sigurd Knopp, Glockensachverständiger, erzählt, diente der Uhrschlag den Menschen einst als Orientierung. "Die Straßen und Orte waren damals nicht so beleucht wie heute. Außerorts waren alle möglichen Menschen unterwegs, zum Beispiel Wandergesellen, die unterwegs die Lehre gemacht haben und in den Ort wollten. Um sich zu orientieren haben sie gehört, wo etwas schlägt." Die alten Turmuhrwerke aus dem Mittelalter sind laut Sigurd Knopp so lange erhalten geblieben, wie möglich. "In den letzten 50 Jahren hat die Elektronik Einzug gehalten, die Uhren wurden nach und nach stillgelegt, weil sich täglich jemand darum kümmern musste, sie aufzuziehen", erklärt er die Entwicklung.

In der Region gibt es trotzdem noch Kirchen, deren Uhrwerk erhalten ist. Ein Beispiel ist die Kirche in Seidmannsdorf. "Die Uhr schlägt Tag und Nacht. Das Nachtschlagen lässt sich auch nicht abstellen, weil es mechanisch ist", sagt Knopp. Weil der Nachtschlag immer häufiger als störend empfunden wird, gibt es mittlerweile elektronische Werke, bei denen dieser abgestellt werden kann.

Während der Uhrschlag als profan gilt, hat das Läuten eine liturgische Bedeutung. "Beim Läuten bewegt sich die Glocke und schlagen an den Klöppel. Beim Uhrschlag schlägt ein Hammer von außen auf die Glocke", erklärt Knopp den mechanischen Unterschied.

Das Geläut als Aufruf zum Gebet

Was den theologischen Aspekt anbelangt, sei man sich bezüglich des Uhrschlags noch nicht einig. "Die Tatsache, dass man den Uhrschlag für die Zeit nicht mehr braucht, ist gegeben. Weil es nach wie vor Beschwerden gibt, wie zum Beispiel in Unterlauter, muss man sich rechtfertigen." Die Glocke ist ein Instrument, das die Gegenwart Gottes signalisieren soll, sagt Dekan Andreas Kleefeld: "Auf der einen Seite erinnert das Geläut daran, dass man eine Beziehung zu ihm aufnehmen kann. Das Tagesgeläut ist ein Aufruf zum Gebet und eine Einladung zum Gottesdienst." Vom Tagesgeläut ist der Stundenschlag, der auch das Nachtschlagen mit einschließt, zu unterscheiden. Dieser soll die Menschen daran erinnern, dass die Zeit ein Geschenk ist und vorbei geht. "Der Stundenschlag ist ein Hinweis, dass das Leben wertvoll ist und Gott uns Zeit schenkt. Wir sollen auf eine gute Art und Weise leben", sagt Andreas Kleefeld. In Hinblick darauf freut es den Dekan, dass in vielen Orten des Dekanats noch Kirchenglocken schlagen dürfen.

Leserbrie: Sollten wir nicht mal die Kirche im Dorf lassen?

Mit Bedauern und Unverständnis nehmen wir die Entscheidung des Kirchenvorstandes der Kirchengemeinde Unterlauter zur Kenntnis. Wie auch Familie Kramer, hätten wir uns eine bedachte und professionelle Entscheidung vom Kirchenvorstand hinsichtlich der Abschaltung des Stundenschlags der Kirchenglocken in den Nachtstunden erhofft.

Es ist schon äußerst vermessen, dem Antrag eines Beschwerdeführers unterwürfig zu folgen und die Auffassung der anderen Mitbürger zu ignorieren.

Für eine große Anzahl alteingesessener Familien in Unterlauter gehören die Glockenschläge der Trinitatiskirche schon immer zum Leben. Sie begleiten die Tage und Nächte, sind ebenso Erinnerung und Mahnung zugleich an die Vergänglichkeit der Zeit, somit unseres Daseins. Insbesondere den Anliegern der Durchgangsstraße, die Tag und Nacht dem Straßenlärm ausgesetzt sind, ist dieser Beschluss befremdlich; vielleicht sollte dann auch ab Mitternacht bis sechs Uhr eine Straßensperrung verfügt werden?

Sollten wir nicht mal die "Kirche im Dorf lassen" und die wenigen Traditionen bewahren? Viele sind schon für immer verloren: Bauernhöfe, alte Gasthäuser, etc.

Neubürger könnten sich schon mal über örtliche Gegebenheiten und das Leben vor Ort vor dem Zuzug informieren, anstatt den Fokus aufs ständige "anders haben wollen" zu richten. Auch Familie Kramer brachte dies deutlich zum Ausdruck.

Sigrid Ehrlicher, Erdmute und Gero Oppel,

Helene und Gerhard Welsch, Christa Deusing, Horst Menzel, Isolde Merkel,

Doris und Friedhelm Gertz, Monika Deuse,

Silke Rau, Rosi Wachenbrunner, Renate Schmidt, Edelgard und Walter Vieweg

alle aus Unterlauter