Bei Norbert Tessmer sind es in erster Linie Terminprobleme, die ihn bewogen haben, das Amt als Außenstellenleiter des Weißen Rings abzugeben. Vor zehn Jahren hatte er es übernommen; damals war der SPD-Politiker noch Dritter Bürgermeister und Sozialreferent und konnte das Ehrenamt mit seinen anderen Tätigkeiten unter einen Hut bringen.
Doch seit Mai 2014 ist er Oberbürgermeister, und selbst, wenn er sich nur als "Türöffner" versteht, fand er nicht mehr genug Zeit für die Organisation, die sich Kriminalitätsopfern widmet. Hinzu kam, dass etliche ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Außenstelle aus verschiedenen Gründen aufhörten. Derzeit gibt es nur noch eine. Seit Oktober suchen Tessmer und der Vorsitzende des Landesverbands Nordbayern, Josef Wittmann, nach möglichen Mitarbeitern für die Außenstelle. Bisher geschah das im Stillen.
Nun gehen Tessmer und Wittmann an die Öffentlichkeit.
"Man muss Zeit haben, ein gesundes Nervenkostüm, man sollte mit Menschen umgehen können, Kontakte herstellen und Vorträge halten", beschreibt Wittmann die Ideal-Mitarbeier. Sie kümmern sich um Opfer von Delikten, von versuchtem Mord über Vergewaltigung bis hin zu Raub und Einbruchdiebstahl. "Durch all diese Taten werden Menschen traumatisiert", sagt Wittmann. Die Ehrenamtlichen des Weißen Rings helfen: Sie hören zu, unterstützen beim Umgang mit Behörden oder vor Gericht, vermitteln Kontakte zu Beratungsstellen und Anwälten.
Bis in Coburg und Umgebung wieder Ehrenamtliche gefunden sind, hilft Helmut Will, der Außenstellenleiter Haßberge, das "Vakuum" (Wittmann) zu überbrücken. An Helmut Will können sich nicht nur Kriminalitätsopfer wenden, sondern auch Menschen, die helfen wollen. Interessierte begleiten zunächst erfahrene Mitarbeiter zu einigen Opfergesprächen, erläutert Will. Wenn sie dann der Meinung sind, dass sie selbst einsteigen wollen, können die Interessenten das zweitägige Grundseminar des Weißen Rings besuchen, das meist in Schloss Schney bei Lichtenfels stattfindet.
Dass von den Ehrenamtlichen viel verlangt wird, ist Tessmer, Wittmann und Helmut Will wohl bewusst. Will, selbst ehemaliger Kriminalbeamter, ist seit 18 Jahren für die Hilfsorganisation aktiv, davon zwölf Jahre neben dem Beruf. "Ich engagiere mich wie andere bei einem Sportverein", sagt er.
Dank des Weißen Rings können die Mitarbeiter in akuten Notfällen auch materiell helfen, sei es mit einer kleinen Überbrückungshilfe oder einem Beratungsscheck für einen Rechtsanwalt oder Therapeuten. Der vor 40 Jahren gegründete Weiße Ring finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Erbschaften sowie Geldauflagen und Bußgeldern, die die Justizbehörden gemeinnützigen Organisationen zuweisen.