Das Orchester der Gesellschaft der Musikfreunde Neustadt steht vor einem Umbruch. Denn im November war der langjährige Chefdirigent Hans Stähli im Alter von 71 Jahren verstorben. Mitte Februar wurde Manuel P. Grund von den Musikfreunden Neustadt offiziell zu Stählis Nachfolger gewählt. Grund hatte bereits seit Herbst zunächst interimsweise die Probenarbeit geleitet. Die Wahl von Grund, der seit Herbst2021 stellvertretender Leiter der Berufsfachschule für Musik in Kronach ist, soll zugleich Signal sein für eine teilweise Neuausrichtung des Orchesters. Wie die Musikfreunde durch zwei Jahre Corona-Krise gekommen sind und wie die Weichenstellung Richtung Zukunft gelingen soll, erläutern Manuel P. Grund und Musikfreunde-Vorsitzender Bernd Frittrang im Interview.

Sie haben bereits vielfältige Erfahrungen als Dirigent auch in der Arbeit mit Profi-Orchestern gesammelt Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Manuel P. Grund: Vor allem reizt mich die Arbeit mit Amateuren und mit Semi-Profis. Wenn ich damit die Arbeit mit Profis aus Sicht eines Bergführer vergleichen würde: Profis kennen die Alpen, die kennen die Aussicht. Aber einen Amateur mitzunehmen und ihm die Aussicht zu zeigen, vielleicht auch mal eine Sturm zu überwinden, die Anstrengung, die man hat, um die schöne Aussicht hinterher zu genießen, das macht die Sache eigentlich noch schöner.

Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen für einen Dirigenten bei diesem Orchester?

Manuel P. Grund: Es ist eine ähnliche Herangehensweise wie bei einem Profiorchester, wir benötigen einfach mehr Zeit, um Dinge zu erarbeiten. Aber am Ende kommen wir auch ans Ziel. Der Weg zum Ziel ist der anstrengendere Weg. Wer zur Probe in einem Amateurorchester kommt, kommt aus Freude, aus Zuneigung zur Musik. Bei einem Profiorchester ist die Probe Dienst. Hier haben die Musiker den Reiz, dass sie es wollen. Wenn ich ein Orchester dirigiere, das Beethovens "Fünfte" vielleicht schon 20 Mal gespielt hat, ist es nicht einfach, einen neuen Weg zu gehen. Das ist hier komplett anders. Man startet meistens bei Null. Das ist wie ein leeres Blatt - wir fangen komplett neu an zu zeichnen. Das ist für einen Dirigenten eine schöne Aufgabe.

Wie ist aktuell der Probenbesuch? Wie gut ist das Orchester durch zwei Jahre Corona-Krise gekommen?

Bernd Frittrang: Der Probenbesuch ist gut. Nach fast zwei Jahren Abstinenz war das für uns alle ein Risiko. Wir wussten alle nicht: wie wird das jetzt werden? Wer wird dann noch auftauchen bei der Probe? Da war ich absolut positiv überrascht. Wir sind tatsächlich als Orchester zusammengeblieben - und das meint nicht nur den Kern. Fast das gesamte Orchester ist bestehen geblieben, obwohl wir anderthalb Jahre überhaupt nicht geprobt haben.

Sie sind seit Herbst stellvertretender Leiter der Berufsfachschule für Musik in Kronach. Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit könnten sich in dieser Konstellation ergeben?

Manuel P. Grund: Wir haben schon zwei junge Musiker von der Berufsfachschule im Orchester - das ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Die jungen Musiker können hier Erfahrungen sammeln. An der Berufsfachschule gibt es ein Kammerorchester, jede Menge Chorerfahrung, Ensembleerfahrung sicherlich auch, aber kein Sinfonieorchester.

Wie hat das Anforderungsprofil der Musikfreunde bei der Dirigentensuche ausgesehen?

Bernd Frittrang: Wir wollten natürlich einen Dirigier-Profi, aber wir wollten auch einen Dirigenten, der schon Erfahrung hatte mit der Arbeit mit Amateuren. Schon bei unserem ersten Telefonat hatten wir darüber gesprochen, dass eine Kooperation mit der Berufsfachschule für beide Seiten sinnvoll wäre.

Was können Sie tun, um die Musikfreunde auch in Zukunft attraktiv zu erhalten?

Bernd Frittrang: Der Nachwuchs ist das A und O. Wir müssen attraktiv bleiben für junge Leute, egal, ob die jetzt von der Berufsfachschule kommen.

Manuel P. Grund: Die Atmosphäre bei der Probenarbeit ist ein entscheidender Aspekt. Gleichzeitig müssen wir überlegen: Was nimmt die jungen Leute mit? Was begeistert sie?

Wie groß ist aktuell das Einzugsgebiet der Musikfreunde?

Bernd Frittrang: Wir haben immer schon Mitspieler aus Kronach, Lichtenfels, Sonneberg, Burgkunstadt, Bamberg.

In den letzten Jahren hat das Orchester der Musikfreunde Neustadt immer wieder mit ungewöhnlichen Programmen Aufmerksamkeit gefunden. Welche Akzente wollen Sie setzen?

Manuel P. Grund: Es geht darum, den Schritt zu wagen, neue Formate auszuprobieren.

Bernd Frittrang: Wir sind dafür sehr offen. Trotzdem glaube ich, dass viele auch deshalb zu uns kommen, weil sie die Gelegenheit haben, die großen klassischen und romantischen Stücke zu spielen. Das ist, glaube ich, nach wie vor ein wichtiger Auftrag für uns. Konkret haben wir noch keine Pläne für neue Formate, aber was wir uns wünschen ist ein Orchester, das flexibler wird auch in der Besetzung, das vielleicht auch breiter aufgestellt ist.

Wie konkret sind die Pläne für die nächsten Konzerte nach dem Sommer 2022?

Manuel P. Grund: In meinem Kopf steht auch schon das Programm für das nächste Jahr, das nächste Sinfoniekonzert. Was ich gerne mache würde, wäre eine Sinfonie, die auch die Bläser noch mehr fordert - Dvoráks 8. Sinfonie. Und im ersten Teil vielleicht die Rokoko-Variationen von Tschaikowsky, vielleicht noch eine Mozart-Ouvertüre dazu. Als neues Format könnten wir ein Stummfilm-Konzert ausprobieren - vielleicht an einem schönen Sommerabend.

Bernd Frittrang: Ich stelle mir auch die Zusammenarbeit mit einer Band sehr interessant vor. Wichtig ist, dass man den Kontakt zu anderen Ensembles sucht. Da denke ich nicht nur an Chöre, das können auch Instrumentalensembles sein. Eines haben ja alle Verein gemeinsam: Alle haben Probleme, Nachwuchs zu finden. Wir können ein attraktiver Partner sein auch für andere Ensembles, die vielleicht gemeinsam mit uns etwas auf die Beine stellen wollen.

Rund um die Gesellschaft der Musikfreunde Neustadt

Geschichte Die Gesellschaft der Musikfreunde Neustadt wurde 1925 gegründet. Nach dem schwierigen Wiederbeginn nach Kriegsende begann 1952 die Ära von Rudolf Potyra als Chefdirigent des Orchesters. Bis in die 50er Jahre waren die Musikfreunde ein Orchester aus Neustadtern und für Neustadter. Nach dem Fall der innerdeutschen Grenze 1989 fanden auch Musikliebhaber aus Sonneberg den Weg in das Orchester. Nachfolger Potyras als Leiter wurde Rolf Otto. Seit April 2013 war Hans Stähli, langjähriger ehemaliger Erster Kapellmeister des Landestheaters, Chefdirigent des Orchesters und profilierte den Klangkörper durch entdeckungsfreudige Programme. Nach Stählis Tod Anfang November 2021 wurde Manuel P. Grund Mitte Februar offiziell zum neuen Dirigenten berufen.

Konzert-Tipp Sinfoniekonzert - Samstag, 12. März, 19 Uhr, Sonneberg, Gesellschaftshaus; Samstag, 19. März, 20 Uhr, Mehrzweckhalle Heubischer Straße - Werke von Mendelssohn, Mozart, Schubert, Grieg - Interpreten: Gertrud Schilde (Violine), Monika Henschel (Viola), Orchester der Gesellschaft der Musikfreunde Neustadt - Leitung: Manuel P. Grund

Manuel P. Grund, 1988 in St. Ingbert geboren, studierte Schlagzeug und Dirigieren an der Berufsfachschule für Musik in Sulzbach-Rosenberg sowie Instrumentalpädagogik Schlagwerk, Orchesterdirigieren und Chorleitung an der Hochschule für Musik und Theater Rostock sowie an der Musikhochschule Mannheim. An der Musikhochschule Saarbrücken absolvierte er das Masterstudium Musikpädagogik. Zudem absolvierte er zahlreiche Meisterkurse und Workshops in Schlagwerk, Chor- und Orchesterleitung, Gastverträge führten Manuel Grund an nationale und internationale Opernhäuser, Sinfonieorchester und Festivals. Als Gastdirigent leitete er national und international diverse Chöre und Orchester. Seit September 2021 ist Manuel Grund stellvertretender Leiter der Berufsfachschule für Musik Oberfranken. Er unterrichtet in den Fächern Ensembleleitung, Musiktheorie, Arrangement sowie Musikpädagogik und ist Leiter des Konzertchores. Im Herbst 2021 wurde ihm die Leitung des Sinfonieorchesters der Gesellschaft der Musikfreunde Neustadt bei Coburg zunächst kommissarisch und inzwischen offiziell übertragen.

Tourneen, CD- Rundfunk- und Fernsehaufnahmen runden seine umfangreiche künstlerische Tätigkeit ab.

Daneben tritt er als Verfasser von Lehrwerken, Kompositionen und Fachaufsätzen in Erscheinung und beschäftigt sich im Bereich der musikpädagogischen Forschung. Manuel Grund komponiert überwiegend für Percussion.