Wo immer ein Einsatz mit Blaulicht stattfindet, gibt es Schaulustige. Egal, ob bei einem Verkehrsunfall, einem Feuerwehr- oder Rettungseinsatz: sogenannte Gaffer finden sich fast immer hinter der Absperrung. Auch wenn größere Ansammlungen von Schaulustigen in Coburg die Ausnahme sind, gab es auch hier schon Situationen, in denen Einsatzkräfte von Unbeteiligten behindert wurden.

Das Problem mit Gaffern ist aktueller denn je. Spätestens seit dem Brückenunglück in Werneck und dem Lkw-Unfall auf der Autobahn bei Höchstadt, wo sich durch Gaffer auf der Gegenfahrbahn ein kilometerlanger Stau gebildet hat, steht fest: Schaulustige bei Unfällen gibt es auch bei uns in der Region.


"Das Gaffen hat eine neue Dimension angenommen"

Die Verkehrspolizei Coburg ist vor allem für die Straßen zwischen Ebensfeld und Eisfeld zuständig, die zwei Spuren oder mehr haben. "Neugierige Blicke gab es bei Unglücken schon immer, das liegt in der Natur der Menschen", sagt Bernhard Schmitt. Der Leiter der Verkehrspolizei Coburg gibt aber auch zu: "Seit jeder ein kamerafähiges Smartphone mit sich führt, hat das Gaffen eine neue Dimension angenommen." Eine tatsächliche Behinderung der Einsatzfahrzeuge konnte Bernhard Schmitt bis jetzt aber nicht erkennen und rät dazu, die Kirche im Dorf zu lassen. "Glücklicherweise arbeiten unsere Feuerwehren sehr schnell und bauen immer sofort Sichtschutze auf, so dass es für Schaulustige wenig zu sehen gibt", erklärt Bernhard Schmitt.

Trotzdem gibt es immer wieder Vorbeifahrende, die auf der Gegenfahrbahn die Geschwindigkeit reduzieren, um einen Blick auf das Unfallgeschehen zu erhaschen. "Das kann gefährlich werden und im schlimmsten Fall einen Unfall auf der Gegenspur provozieren, was wirklich niemand in so einer Situation braucht", sagt Bernhard Schmitt. Etwas anders als auf den Straßen sieht es im Stadtgebiet aus. Zwar hält sich das Gaffen nach Angaben von Stadtbrandrat Ingolf Stökl in Coburg in Grenzen. Aber auch ihm ist aufgefallen, dass Außenstehende immer öfter das Handy zücken. "Wir werden zwar nicht behindert, aber unter den Schaulustigen gibt es immer mehr, die Fotos oder sogar Videos machen", sagt er. Ingolf Stökl erinnert sich daran, als nach dem Flugzeugabsturz im November 2013 in der Nähe des Verkehrslandeplatzes Leute sogar durch den Wald gekommen sind, um Fotos von der verunglückten Maschine zu machen, in der drei Menschen ums Leben gekommen waren.


Gefährliche Situation

Auch beim Häuserbrand in der Herrengasse hatte es 2012 einen Vorfall gegeben, bei dem sich ein besonders neugieriger Gaffer selbst in Gefahr gebracht hat, als er plötzlich innerhalb des abgesperrten Bereichs stand. "Als ich ihn angesprochen habe, hat er gesagt, dass wir uns von ihm nicht stören lassen sollen, weil er nur mal schauen wolle", erinnert sich Ingolf Stökl.

Schauen ist die eine Sache, fotografieren die andere. Ingolf Stökl sagt: "Niemand wird gerne dabei gefilmt, wie er nur seine Arbeit machen will." Zwar machen Polizei und Feuerwehr auch Fotos und Videos von Einsätzen. "Bei uns dient das Material aber Schulungszwecken und taucht später nicht auf Internetplattformen auf", sagt der Kommandant. Ingolf Stökl appelliert deshalb an die Vernunft der Bürger: "Jeder sollte sich fragen, wie er sich in der Situation als Opfer oder Helfer fühlen würde."


Durch Ins-Netz-Stellen werden Persönlichkeitsrechte verletzt

Zwar ist das Fotografieren von Feuerwehr-, Polizei- oder Notarzteinsätzen nicht verboten. "Wenn aber jemand Fotos der Retter oder gar der Geschädigten ins Internet stellt, verletzt das deren Persönlichkeitsrechte", erklärt Bernhard Schmitt. Weil die Polizei befugt ist, Platzverweise auszusprechen und störende Personen auch mit körperlichem Einsatz zu entfernen, wird bei vielen Rettungseinsätzen des Bayerischen Roten Kreuzes von der Leitstelle gleich zusätzlich eine Polizeistreife angefordert.

"Leider gibt es vor allem im Steinweg oft Rettungseinsätze, die Polizeipräsenz notwendig machen", sagt der Rettungsdienstleiter Volker Drexler-Löffler. Gerade abends und am Wochenende, wenn Alkohol im Spiel ist, würden außenstehende Personen versuchen, die medizinische Behandlung durch den Notarzt zu behindern. "Es wurden auch schon Helfer körperlich attackiert", sagt Volker Drexler-Löffler. Dass von Passanten ständig Fotos gemacht werden, daran haben sich die Rettungskräfte mittlerweile schon gewöhnt. "Es ist nicht schön, aber bei einem Einsatz kümmern wir uns um die Verletzten und nicht um fotografierende Zuschauer", sagt Volker Drexler-Löffler. Falls ein Gaffer doch zu aufdringlich wird, sei es laut dem Rettungsdienstleiter fast immer mit ein paar mahnenden Worten getan.

Andere sehen einen Rettungswagen als Spielzeug an. "Es gab schon Leute, die sich hinten an den Einsatzwagen gehängt oder hinter dem Lenkrad Fotos gemacht haben", erinnert er sich. Auch in der eher ländlichen Region Coburg sei festzustellen, dass Dreistigkeit und Aggressionspotenzial zunehmen. "Früher hatten die Leute mehr Respekt und hätten sich so etwas nicht getraut", sagt Volker Drexler-Löffler.


Nowak: Helfen, statt sich am Unglück zu ergötzen

Der Dritte Bürgermeister der Stadt Coburg, Thomas Nowak (SPD), findet es schade, dass mahnende Worte überhaupt nötig sind. Er sagt: "Wenn man dahin kommt, wo offensichtlich etwas passiert ist, sollte man schauen, ob man helfen kann, anstatt Fotos zu machen und sich am Unglück zu ergötzen." Wenn der Einsatz schon im Gange ist, rät Thomas Nowak: "Weitergehen und die Helfer ihre Arbeit machen lassen." Das sieht auch der Kommandant der Feuerwehr Coburg so: "Wenn sich die Leute in so einer Situation auf ihre gute Erziehung besinnen und sich zurückhalten, kann jeder seine Arbeit machen."