Eigentlich hatte Siegfried Kaiser überhaupt keine Zeit, sonntags seinen 90. Geburtstag zu feiern. Ärgerlich, ausgerechnet an diesem Wochenende musste sein Lieblingsclub, der FC Bayern, Sonntagnachmittag antreten, zur besten Kaffeezeit. Aber weil Fußballprofi Kaiser mit dreizehn Geschwistern aufwuchs, war Verwandtenbesuch zum runden Ehrentag vorprogrammiert."Und wenn mein FC Bayern verliert, dann habe ich immer äußerst schlechte Laune", kündigte der rüstige Jubilar vorsichtshalber an.

Am 18. Dezember 1926 in Zwickau geboren, war bei Familie Kaiser mit 14 Kindern gleich eine ganze Fußballmannschaft zu Hause und die kickten immer draußen. "Wenn der Vater gepfiffen hatte, war die Straße gleich leergefegt", schmunzelte Kaiser bei diesen Erinnerungen.

Der talentierte Siegfried fiel "Talente-Suchern" auf. Mit 13 Jahren spielte er bei den "Reichsbahnern Zwickau" Fußball. Nach der Volksschule erlernte er das Bäckerhandwerk. Kaum ausgelernt, noch nicht mal 18, wurde er 1944 eingezogen, Ostpreußen. Es war Krieg. Am 11. Februar 1945 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. "Und dann habe ich mein Geld nur mit dem Fußball verdient", sagte Kaiser.

1951 spielte der temperamentvolle Torjäger bei "Chemie Jena", man wurde auf ihn aufmerksam, Angebote kamen. Schnell zählte der Linksaußen zur "Thüringer Auswahl". 1953 interessierte sich dann "Motor Zwickau" für ihn. "Und 1954 habe ich bei der Einweihung des Rostocker Ostseestadions in der DDR-Mannschaft gegen Polen gespielt, das wir mit 0:1 verloren hatten." Er spielte bei "Wismut Aue", jetzt Erzgebirge Aue.

"Zu meiner Zeit damals haben wir drei Mal DDR-Meister gemacht, 1957/58/59. Ich war da aktiv mit dabei." Im Europa-Pokal gegen Ajax Amsterdam hatte Kaiser mitgespielt. "Da war die DDR erstmals zu internationalen Fußballspielen zugelassen worden." Berufsamateure nannte man in der DDR Fußballprofis, "den Fußball als Beruf gab es in der DDR, obwohl wir nicht gearbeitet haben und nur Fußball spielten. Wir hatten als Fußballer alles in der DDR".

Als ein Gegenspieler ihm beim Spiel gegen die "Young Boys Bern" das linke Bein brach, folgte ein Disput. Wismut Aue schloss ihn daraufhin aus. Privat wollte man ihn belangen, "und da bin ich 1960 dann mit meiner Frau ausgerissen, über Berlin-West nach Wolfratshausen und von dort ins Fichtelgebirge nach Weißenstadt, weil ich dort Verwandtschaft hatte". Der Neustadter Heinrich Schuster, der früher bei Babelsberg Fußball spielte, holte ihn nach Neustadt. "Und da habe ich noch drei Jahre von 1960-63 beim VfL Fußball gespielt, mit 34 Jahren." Der VfL Neustadt stand in der 2. Liga. Mit 36 Jahren und einem kaputten Bein beendete Kaiser seine aktive Fußballerkarriere.

Bei Siemens fand er als Kabelmonteur bis zum Ruhestand eine Arbeit. Den Fußball behielt Kaiser immer im Herzen und brauchte keine weiteren Hobbys. Als Trainer gab er sein Wissen und Können den erwachsenen Jungs vom ASV Neustadt weiter, während seine Frau die Sportlergaststätte betrieb.

Als seine Frau Ursula vor Jahren von heute auf morgen auf seine Hilfe angewiesen war, übernahm der vitale Senior alle "hausfraulichen" Tätigkeiten, bis heute. Mit den Hühnern steht er auf und braucht dann erst einmal eine Stunde fürs "Schönmachen". Wenn Tochter Elke Mutter morgens beim Fertigmachen hilft, bereitet "Butler Siegfried" das Frühstück und serviert es seiner Gattin auf einem Tablett. Dann ist Einkaufen angesagt, Mittagessen und der Hausmann hat wieder Küchendienst.

Und dann kommt der gemütliche Teil: Zeitung lesen "und ich lese jeden Artikel"! Die fängt der Jubilar allerdings von hinten an, mit dem Sportteil natürlich. Gegen 22 Uhr wird der Tag beendet. "Aber wenn Boxkampf im Fernsehen ist, und da verpasse ich keinen, dann kann es schon mal Mitternacht werden, bis ich in die Federn komme. Und kein Fußballspiel entgeht mir, ich gucke alle."

Durch den Fußball durfte Kaiser große Momente erleben, reiste viel und hatte viel gesehen. Zufrieden blickte der Jubilar zurück. Zum runden Geburtstag überreicht zweite Bürgermeisterin Elke Protzmann Glückwünsche der Stadt Neustadt. Von fünf Kindern, zwei Enkeln und einem Urenkel hat sich das Geburtstagskind bestimmt vom Bayernspiel gegen Darmstadt gern ablenken lassen.