Kaum betreten Mirja Küchenknecht und Dieter Schwämmlein das Gästehaus im ehemaligen Grenzgasthof Bätz, kommen die Kinder schon angerannt. Gleich dahinter: Saabi, Nada, Kenan und Sadwon. Die Männer und Frauen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak führen uns in die helle Loggia, wo alle auf den Sofas Platz nehmen. Es gibt immer viel zu besprechen - meist Formalitäten, aber eben auch ganz Alltägliches. Diesmal steht das gemeinsame Kaffeetrinken mit den Bürgern aus Fürth auf dem Plan.
Für Samstag hat der Arbeitskreis "Flüchtlinge Fürth am Berg" ab 15 Uhr in das Gästehaus eingeladen. "Wir möchten Berührungsängste nehmen und Vorurteile abbauen", sagt Mirja Küchenknecht. Jeder soll die Möglichkeit haben, die Menschen und ihre Schicksale kennen zu lernen.


Übersetzer aus Plesten

Reza aus Plesten (ursprünglich aus dem Iran) lebt schon viele Jahre in Deutschland und ist auch hier verheiratet. Er engagiert sich im Arbeitskreis als Übersetzer. Morgen wird er von den Geschichten der 39 Flüchtlinge erzählen.
Nada aus Syrien beispielsweise ist zusammen mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in acht Tagen durch acht Länder gereist, um hier in Frieden leben zu können. "Daheim ist alles von den Bomben zerstört."
Fürth sei ein "peaceful place", sagt Saabi im Namen aller. Denn er spricht recht gut Englisch. Es gebe wohl ein paar kleine Probleme - wenn es ums Fußballspielen geht, das WLAN oder bei der Busanbindung - aber das sei nicht wichtig, meint er. Das wichtigste sei, dass sie jetzt erst mal in Sicherheit seien.


Trauer in den Gesichtern

Der Sozialpädagoge und Erziehungsberater Dieter Schwämmlein weiß um das Leid der Menschen, die teilweise traumatisiert und tief traurig hier ankommen. "Ich habe schon Trauergespräche geführt, weil Brüder oder Väter kurz vor oder während der Flucht gestorben sind." Bei den Kindern "liest" er in den Gesichtern. "Viele lachen schon wieder befreiter als noch am Anfang", beschreibt er seine Beobachtungen.
Vor einigen Wochen hatte der Arbeitskreis intern schon einen Basar organisiert, bei dem ein Basarteam aus Fürther Frauen Kleidung und Spielsachen für die neuen Dorfbewohner gespendet hatten. "Das kam ganz gut an." Nada strahlt. Mit ein bisschen Englisch und schon ein bisschen Deutsch sagt sie, wie dankbar und glücklich sie und die anderen Flüchtlinge hier sind. Wenn sie mit den Kindern auf den Spielplatz geht, kämen ihr die Leute lächelnd entgegen: "We are so grateful, be happy".
Dieter Schwämmlein ist ganz sicher, dass die Begegnung hilft, damit einerseits die Flüchtlinge hier besser ankommen und andererseits die Fürther Menschen erleben, vor denen sie keine Angst haben müssen.
Gegen die Langeweile und das verordnete Nichtstun hat der Arbeitskreis alte Fahrräder gesammelt, die sich die Flüchtlinge in den nächsten Wochen herrichten dürfen. Da strahlt Saabi übers ganze Gesicht...
Mirja Küchenknecht wünscht sich, dass die Fürther am Samstag aufgeschlossen und offen in das Gästehaus kommen. Bei Kaffee und Kuchen, auch der ein oder anderen Überraschung aus der internationalen Küche werde sich - hoffentlich - so manches Vorurteil abbauen, Probleme lösen und Ängste nehmen lassen.



Angemerkt

Offene Grenzen - offene Herzen

Fürth am Berg ist nicht mehr das, was es einmal war. Bedauern manche. Fürth am Berg ist kein vom Grenzzaun umzingeltes Dorf mehr, mit Grenzgasthof und Hotel, in dem einst Touristen den deutsch-deutschen Todesstreifen besichtigt haben. Jubeln andere.
Seit der Grenzöffnung ist Fürth am Berg jetzt nach allen Seiten offen. Daran mussten sich die Fürther in den vergangenen 26 Jahren gewöhnen. Allein der Verkehr aus dem Landkreis Sonneberg hat so manche Mehrbelastung gebracht. Doch die Fürther haben es geschafft. Für ihren Zusammenhalt und ihren Gemeinschaftssinn sind sie bekannt (Beispiele: Weinfest, Antennenverein). Dass sie humorvoll und offen Neuem begegnen, haben sie mit einer opulenten Badenixe auf ihrer Ufermauer in der Ortsmitte bekundet...
Eine neue Herausforderung für die Dorfgemeinschaft sind die 39 Flüchtlinge, die zur Zeit im Gästehaus des ehemaligen Grenzgasthofs leben. Auch das noch, mag so mancher konservative Geist denken und sich an die gute alte Grenzzaunzeit zurück erinnern. Da haben viele Fürther ruhiger geschlafen, fürchteten nicht um Haus und Hof.
Der Dorffrieden scheint in Gefahr. Angst, Wut und Vorurteile machen die Runde und ziehen erneut Grenzen. Im Kopf, am Gartenzaun, vor der Bustür! Gut, dass es Menschen gibt, die wissen, dass ein Stück selbstgebackener Kuchen, eine Tasse Kaffee und ein gutes Gespräch manches Problem besser lösen kann als ein Anruf im Landratsamt.
Deshalb: Nach dem Begegnungsfest am Samstag wird Fürth am Berg wieder ein bisschen anders sein als heute. Nur Mut.