Landwirte und Naturschützer sind sich nicht immer ganz grün. Beide Seiten sehen die jeweils andere oft auf einem komplett gegenteiligen Standpunkt stehen. Ist der Graben zwischen den Interessengruppen, denen doch beiden unsere Landschaft am Herzen liegen sollte, denn wirklich so tief? Wir sprachen mit dem Geschäftsführer im Landesbund für Vogelschutz (LBV) Coburg, Alexander Ulmer.

Die Landwirtschaft wirft dem Naturschutz häufig vor, Flächen der Bewirtschaftung zu entziehen, wie weit trifft das aus Sicht des LBV zu?
Alexander Ulmer: Der LBV Coburg besitzt über 180 Hektar an Fläche im Coburger Land. Diese Flächen werden landwirtschaftlich bewirtschaftet. Das bedeutet, dass sie nicht der Landwirtschaft entzogen wurden, sondern größtenteils sogar unentgeltlich ökologisch wirtschaftenden Betrieben zur Verfügung gestellt werden. Von diesen Flächen profitiert also nicht nur die Natur, sondern auch die Landwirtschaft. Die Flächen liegen zudem fast alle auf Grenzertragsböden, weil der LBV es bevorzugt, Lebensräume mit hoher Artenvielfalt zu sichern, wie Magerrasen und Kalkscherbenäcker, auf denen dann zum Beispiel Linsen, Emmer und Einkorn angebaut werden.

Was ist aber mit Ausgleichsflächen, etwa für große Verkehrsprojekte? Dafür werden doch oft gute Ackerflächen herangezogen, wie gerade im Coburger Land nach dem Bau von Autobahn, ICE und Umgehungsstraßen zu beobachten?
Bei der Wahl dieser Flächen haben Naturschutzverbände wie der LBV wenig mitzureden. Ich persönlich bin ein Freund der Sicherung altgewachsener intakter Lebensräume mit hoher Artenvielfalt. Die werden aber oft von den Bauträgern nicht ausgewählt, weil sie nach dem Bewertungsschlüssel dann eine viel größere Fläche als Ausgleich ankaufen müssten. Ein Acker, der zu einer Wiese umgewandelt wird, bringt den höchsten Umrechnungsschlüssel. Nichts desto Trotz gibt es schon auch in diesem Bereich gelungene Ausgleichsprojekte wie etwa bei Schweighof, wo die Wertigkeit darin besteht, dass eine sehr große zusammenhängende Kulisse geschaffen werden konnte. Große zusammenhängende Gebiete entwickeln eine viel größere Artenvielfalt und sind weniger stark negativen Effekten von außen ausgesetzt.

Ist der Unterschied in der Artenvielfalt bei Flora und Fauna bei den intensiv genutzten Flächen denn so viel geringer als auf Flächen, die schon sehr lange nicht intensiv bewirtschaftet werden?
Unsere Erhebungen zeigen, dass Arten angefangen bei Pflanzen über Insekten bis zu Wiesenvögeln auf intensiv genutzten Flächen wie zum Beispiel Wiesen fast vollständig fehlen. Das gilt auch für intensiv genutzte Teiche, ganz zu schweigen von Äckern. Das Motto "schützen durch nützen" hat in unserer intensiv genutzten Landschaft keine Gültigkeit mehr. Heute gibt es fast nur noch "Nutz- oder Schutz". Mit dem Wegfall der kleinräumigen Kulturlandschaft und dem Drang zu immer größeren Maschinen und dem Einsatz chemischer Mittel sind bunt strukturierte unterschiedliche Landschaften monoton geworden. Wenn das Motto "schützen durch nützen" wieder seine Gültigkeit bekommen soll, dann geht das nur mit einer extensiven Landwirtschaft mit Fokus auf Natur- und Artenschutz. Das schließt ja nicht aus, dass geeignete Flächen trotzdem auch weiterhin intensiv genutzt werden.

Landwirte sehen in der intensiven Nutzung ihrer Flächen aber den besten Weg zu einem gesicherten und akzeptablen Einkommen. Darauf werden sie nicht verzichten wollen.
Derzeit fließen rund 40 Prozent des EU-Haushaltes, jährlich rund 60 Milliarden Euro, in die Landwirtschaft. Die Förderung erfolgt dabei zum größten Teil nach dem Gießkannenprinzip, mittels pauschaler Flächenprämien ohne viel konkrete Gegenleistung. Von Agrarökonomen und -ökologen des NABU wurde jetzt ein neues Modell entwickelt, das den Bedürfnissen von nachhaltig wirtschaftenden Landwirten und dem Naturschutz gleichermaßen gerecht wird. Das Modell, das im Herbst 2016 in Berlin und Brüssel vorgestellt wurde, setzt auf wesentlich stärkere Zahlungen an Landwirte, die ihre Flächen naturverträglich bewirtschaften und besondere Maßnahmen für die Artenvielfalt umsetzen. Betriebe, die nur Mindeststandards der Umweltgesetze einhalten wollen, sollen keine Steuergelder mehr erhalten. Insgesamt erwarten die Autoren der Studie, dass damit künftig 75 Prozent der deutschen Agrarfläche besonders naturverträglich bewirtschaftet werden könnten und das mit höherem Einkommen der teilnehmenden Landwirte.

Wird es nicht trotzdem schwer sein, die Landwirte davon zu überzeugen, so einen Wandel mit zu tragen, sie müssten ja ihre Arbeitsweise schon deutlich ändern, wenn sie in den Genuss der höheren Förderung kommen wollen?
Es geht nicht darum, auf dem Rücken der Landwirtschaft etwas auszutragen, sondern es geht um Umverteilung von Direktzahlungsmitteln wie derzeit 270 Euro je Hektar, damit unsere Landwirte auch bei mehr Naturschutzleistung auf gleicher Fläche ein gutes wenn nicht besseres Einkommen als bisher haben. Das sollte eigentlich in ihrem eigenen Interesse sein. Daher wäre es doch nur vernünftig, wenn uns möglichst viele Landwirte dabei unterstützen würden, diesen Wandel herbeizuführen. Sie können übrigens ihre Zustimmung für dieses neue, "Living Land" genannte Modell im Internet ganz einfach kund tun. Das geht zum Beispiel auf der Site des LBV unter http://www.lbv.de/abstimmen.