Coburg
Missbrauch

Erlöse mich von dem Bösen: Coburger (74) wurde als Kind vom Priester missbraucht

Ein Senior aus dem Kreis Coburg wurde im Alter von zehn Jahren im Kinderheim missbraucht. Der Täter: ein katholischer Priester. Die Vergewaltigungen verfolgen Wilhelm * sein ganzes Leben. Erst 60 Jahre später findet er den Mut, seine Geschichte zu erzählen.
Höllische Qualen in einem Haus, das ein Haus Gottes sein sollte - sie haben das Leben eines Mannes aus unserer Region zerstört.     Seine Geschichte ist ein erschütterndes Dokument der Peinigungen, die jahrzehntelang unter den Augen der katholischen Kirche geschahen.
Höllische Qualen in einem Haus, das ein Haus Gottes sein sollte - sie haben das Leben eines Mannes aus unserer Region zerstört. Seine Geschichte ist ein erschütterndes Dokument der Peinigungen, die jahrzehntelang unter den Augen der katholischen Kirche geschahen. Foto: milosluz, adobe stock

Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele...Psalm 121,7

Es ist drei Uhr morgens, Wilhelm* liegt wieder wach. Nacht für Nacht, seit 64 Jahren, wenn der Teufel seine Seele quält, fleht er Gott um Gnade an. Aber Gott antwortet nicht. "Jedes Mal, wenn ich mich dann frage, warum ich so bin, kehre ich wieder an diesen Ort zurück."

Ein magerer Senior mit gekämmtem, grauem Haar sitzt zum dritten Mal binnen kurzer Zeit auf der Anklagebank im Amtsgericht. Wilhelm hat sein Leben lang nie gestohlen, doch jetzt, im Alter von 74 Jahren, wurde er deshalb schon zweimal zu einer Geldstrafe verurteilt. Diesmal - er soll ein Handy aus der Verpackung genommen und versucht haben, es im Laden zu verstecken - wird ein psychiatrisches Gutachten angefertigt. Denn jedes Mal gibt er an, sich nicht an die Tat erinnern zu können. Was der Psychiater bei Gericht über den alten Mann erzählt, erschüttert die Richterin, wie sie betont, und doch verurteilt sie Wilhelm zu einer Geldstrafe in Höhe von 4000 Euro. Gesetz ist Gesetz...

Während er spricht, rinnen Tränen über sein Gesicht. Der Anblick dieses gebrochenes Mannes zerreißt das Herz. Doch zum ersten Mal nach über 50 Jahren findet er den Mut, seine Geschichte zu erzählen, die in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele führt.

Es sind die 50er Jahre, Nachkriegszeit. Wilhelm und seine acht Geschwister sind auf sich alleine gestellt. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt, die fünf Jüngsten sind alle von verschiedenen Männern. "Meine Mutter war eine Lebefrau, hat uns manchmal wochenlang alleine gelassen, seit ihr erster Mann im Krieg gefallen war." Wilhelm lebt mittlerweile seit über 60 Jahren im Kreis Coburg, doch sein Martyrium beginnt im kleinen Ort Kallmünz, 30 Kilometer vor den Toren des erzkatholischen Regensburg. "Wenn wir es vor Hunger nicht mehr ausgehalten haben, sind wir bei den Leuten im Ort betteln gegangen."

Hebr 12,6 Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er.

Das Jugendamt wird auf die Kinderschar aufmerksam, Wilhelm kommt mit neun Jahren in das Kinderheim in Kallmünz, das 1862 vom örtlichen Pfarrer gegründet wurde. Knapp 100 Jahre später leitet es der Priester Johann Baptist Mehler zusammen mit etwa 20 Ordensschwestern. Doch ein schützendes Zuhause für die verlassenen Kinder Gottes ist es nicht. Hunger, Prügel und Kinderarbeit prägen den Alltag. Nach der morgendlichen Messe in der angrenzenden Kirche gibt es eine Scheibe Brot und ein wenig Butter, bevor es zur Arbeit hinaus aufs Feld geht.

Immer, wenn der Kopf von Ordensschwester Sigismunda rot anläuft und ihre Lippen blau, wissen die Kinder, dass es schlimm wird. Sie prügelt sie mit dem Rohrstock so lange, bis ihre Schmerzensschreie durch das ganze Haus hallen.

Schwester Sigismunda, so haben es Wilhelm andere ehemalige Heimkinder berichtet, soll im Alter von 95 Jahren gestorben sein. "Nicht einmal der Teufel wollte sie", hätten sie gesagt.

Joh, 8,44 Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Begierden wollt ihr tun.

Doch es ist nicht Sigismundas Rohrstock, der Wilhelm bis heute keinen Frieden lässt. Etwa ein Jahr nach seinem Einzug ins Heim fällt der sonst stille Junge durch sein Zeichentalent auf. Als er zehn Jahre alt ist, sagt ihm Schwester Sigismunda, dass er in das Büro des Direktors kommen soll. "Ich habe davor schon bemerkt, dass er die Ministranten immer so komisch getätschelt hat." Als Wilhelm das Büro betritt, schließt Direktor Mehler die Tür ab, sagt dem Jungen, er soll sich ausziehen und über den Ledersessel beugen. "Dann hat er seine Hose heruntergezogen und meine Arme nach unten gedrückt."

Endlose Minuten später. Als der ältere Mann mit ihm fertig ist, warnt er Wilhelm: "Wenn du jemandem davon erzählst, passiert dir noch Schlimmeres."

Eine zeitlang hat Wilhelm vor dem Priester Ruhe. Doch dann wird er wieder zu ihm gerufen, diesmal in dessen private Wohnung im Obergeschoss. Wilhelm erinnert sich an das Bett im Schrank, bereits ausgeklappt. Der Direktor empfängt ihn in Kutte und ohne Beinkleid. "Er war schon bereit." Wilhelm soll sich aufs Bett legen, der Direktor streift seine Kutte nach oben...

Nach dem zweiten Mal beginnt Wilhelm zu stottern. "Ich konnte aus Angst nicht mehr schlafen, und mich im Unterricht nicht mehr konzentrieren." Einmal die Woche hat er bei seinem Peiniger Religionsunterricht. Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen." Weil Wilhelm "Gott" nicht ohne zu stottern aussprechen kann, sagt er "Lieber Gott". Das erzürnt seinen Peiniger, wieder setzt es Prügel. "Er war ein eiskalter Mann." Dem Teufel schutzlos ausgeliefert, schweigt Wilhelm. Die wenigen Briefe, die er seiner Mutter schreibt, werden von den Ordensschwestern gelesen. "Ich durfte nur schreiben, dass es mir gut geht." Wäre nur einmal ein Mitarbeiter vom Jugendamt gekommen und hätte gefragt, ob alles in Ordnung ist, sagt Wilhelm heute, "hätte ich ihm erzählt, was passiert ist. Aber es hat sich nie jemand blicken lassen."

Ein paar Wochen später wird Wilhelms bester Freund zum Direktor gerufen. "Ich dachte nur: Jetzt macht er das auch mit ihm." Wilhelm soll recht behalten: Ein paar Tage später offenbart sich ihm der Freund. "Er hatte es immer auf die ruhigen, stillen Jungs abgesehen, die eh nichts sagen."

Wilhelm weiß nicht warum, aber der Direktor lässt nach den zwei Vergewaltigungen von ihm ab. Vielleicht, vermutet er, hat er sich andere Jungs geholt. Außerdem sei seine Entlassung aus dem Heim nähergerückt. "Immer, wenn Kinder bald gingen, ist es auch mit den Schlägen weniger geworden." Mit 14 Jahren kommt Wilhelm nach Hause zu seiner Mutter und seinen Geschwistern. Aber der Teufel in seinem Kopf verfolgt ihn auch dorthin. Der ohnehin stille Junge zieht sich zurück. Seine Mutter bemerkt nichts. Oder es interessiert sie nicht. "Ich saß tagelang nur am Fenster in meinem Zimmer. Ich hatte auch keine Freunde."

Kor 13,13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Als Wilhelm 22 ist, trifft er Heidi. Sie ist gerade 18. "Als wir uns kennengelernt haben, hat er noch immer gestottert", erinnert sie sich. Den Grund dafür soll sie aber erst Jahrzehnte später erfahren. Heidis Eltern sind gegen die Beziehung. "Weil sie seine Mutter kannten und dachten, dass er nichts taugt." Die Beziehung wird dennoch ernster, da sagen Heidis Eltern: "Du kannst ihn heiraten, aber dann brauchst du nicht mehr nach Hause kommen." Als Heidi schwanger wird, heiratet das Paar trotzdem. Wilhelm arbeitet in Schuhfabriken, um die kleine Familie zu ernähren. Als er eine Stelle im Kreis Coburg angeboten bekommt, ziehen sie dorthin und bauen ein Haus, in dem sie bis heute leben.

Eph 4,2 In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe.

Das Kinderheim ist weit weg, doch Wilhelms Seele ist dort geblieben. Mit den Jahren bemerkt Heidi, das mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. "Manchmal war er grundlos gemein zu mir, ist plötzlich ausgerastet. Ich habe vermutet, dass damals im Heim irgend etwas passiert ist. Aber er hat immer nur vage Andeutungen gemacht." Schließlich ist es Wilhelms Schwägerin, die vor wenigen Jahren zu Heidi sagt: "Mensch, ich kann nicht mehr still sein." Denn auch Wilhelms Bruder kam Jahre später in das Kinderheim - und wurde misshandelt.

Es dauert ein weiteres Jahr, bis Heidi den Mut findet, ihren Mann auf das, was er erlebt hat, anzusprechen.

"Ich habe mein Leben lang alles in mich hineingefressen", sagt er. "Ich habe all die Jahre nichts davon gewusst", sagt sie.

Das Paar sitzt nebeneinander auf der Couch, nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, aber getrennt durch eine tiefe Kluft. "Unsere Ehe hat einen Knacks bekommen. Ich kann ihm nicht mehr vertrauen." Wenn es Wilhelm zuhause nicht aushält, macht er lange Spaziergänge. Und Heidi weiß nie, ob er zurückkommt. Einmal verkroch er sich zwei Tage lang in einem Stall. Heidi suchte vergebens die ganze Umgebung nach ihm ab. Ein anderes Mal kommt Wilhelm stundenlang nicht von einer Gassirunde mit dem Hund zurück. Seine Frau durchlebt zuhause Höllenqualen. Als er endlich heim kommt, setzt sich Wilhelm auf die Treppe im Flur. In seinem Blick: nur Leere. Als Heidi fragt, was passiert ist, sagt er: "Wenn ich den Hund nicht dabei gehabt hätte, hätte ich mich jetzt umgebracht."

Vor ein paar Monaten beginnen die Diebstähle. "Ich weiß nur noch, dass ich spazieren war und mir ein Leberkäsebrötchen geholt habe", beschreibt Wilhelm den jüngsten Vorfall. "Wie ich in den Handyladen gekommen bin, daran kann ich mich nicht mehr erinnern." Der Psychiater beschreibt Wilhelms Blackouts als Abfuhr von Emotionen. Wilhelms Strafverteidiger Alexander Schmidtgall wird deutlich: "Es ist ein Systemversagen, in dem die Opfer zusätzlich bestraft werden."

Die katholische Kirche versucht inzwischen, die Missbrauchsfälle aufzuarbeiten. "Die Kirche verurteilt diese Taten zutiefst und will durch die Bereitstellung von materiellen und immateriellen Leistungen zum Ausdruck bringen, dass sie das Leid der Opfer sieht und anerkennt. Diese Hilfen haben das Ziel, zur Heilung der Folgen des sexuellen Missbrauchs beizutragen und bei der Bewältigung belastender Lebensumstände zu unterstützen", heißt es auf der Webseite des Bistums Regensburg. Wolfgang Sill ist dort seit März 2021 unabhängiger Ansprechpartner für Missbrauchsopfer - über 300 Fälle alleine in seinem Zuständigkeitsbereich sind seitdem auf seinem Schreibtisch gelandet. "Das besagte Kinderheim in Kallmünz mit seinem damaligen Direktor ist in den Gesprächen schon einige Male genannt worden", bestätigt er auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Taten liegen, wie in Wilhelms Fall, oftmals Jahrzehnte zurück, die Täter sind oft schon gestorben. In wie weit kann die Richtigkeit der Angaben potenzieller Opfer da noch überprüft werden? Wolfgang Sill: "Wenn jemand, wie in diesem Fall, nach so vielen Jahren mit so einer Geschichte kommt, ist es sehr schwer vorstellbar, dass er sie sich nur ausgedacht hat."

Spr 11,4 Reichtum hilft nicht am Tage des Zorns; aber Gerechtigkeit errettet vom Tode.

Die sogenannten Ausgleichszahlungen betragen, je nach Schwere des Missbrauchs, maximal 50 000 Euro. Wilhelm musste seine Geschichte einem Rechtsanwalt erzählen, den das Bistum beauftragt hat. Anschließend ist der alte Mann so aufgelöst, dass er sich kaum mehr auf den Beinen halten kann.

Wilhelm erhält die volle Entschädigungssumme und ein maschinell unterschriebenes Entschuldigungsschreiben vom Generalvikar. Weil das Paar das Geld eigentlich nicht braucht, kauft es sich eine kostspielige Schrankwand für das Wohnzimmer mit einem Platz für den Fernseher. Abend für Abend sitzt Wilhelm vor dem Fernseher. Und blickt auf diese Schrankwand. Jeden Abend. Wenn die Dunkelheit dann droht ihn zu erdrücken, steht er auf, geht in den Garten, raucht zwei, drei Zigaretten. "Es wäre besser gewesen, wenn ich das Geld nie bekommen hätte", sagt er leise.

Im hohen Alter einen Psychologen zu finden, ist schwer. Es gibt lange Wartezeiten, und Wilhelm hat keine Kraft. Manche fragen: "Warum haben Sie so viele Jahre geschwiegen?" Einer hat ihm geraten, die Sache "wegzupacken". Wie es in der Seele ausschaut, glaubt Wilhelm, interessiert niemanden.

Wilhelm und Heidi sind bis heute Mitglieder der katholischen Kirche. Doch in der Kirche gewesen sind sie schon viele Jahre nicht mehr. Ob es ihn gibt, diesen Gott, mit dieser Frage hadert der alte Mann schon sein ganzes Leben. "Wenn er irgendwo dort oben ist, warum lässt er solche Dinge zu?" Vor ein paar Wochen hat Wilhelm im tiefsten Winter den ganzen Tag lang alleine im Wald Holz gehackt. Als er einen Baum fällt, rutscht der ab und trifft seinen Rumpf. "Ich dachte, jetzt ist es vorbei mit mir." Doch ein anderer Baum fängt den fallenden auf, nimmt dem Aufprall die Wucht. Wilhelm bricht sich "nur" zwei Rippen. Wäre er an diesem Tag gestorben, hätte er seine Geschichte nicht mehr erzählen können.

Röm 11,33 Die Wege des Herrn sind unergründlich.

Vielleicht war Wilhelms Zeit noch nicht gekommen. Vielleicht hat Gott seine eigene Art zu antworten. Denn wer lange genug in Wilhelms leere Augen blickt, entdeckt ihn, diesen kleinen Funken Hoffnung auf Seelenfrieden...

Vielleicht, sagen Wilhelm und Heidi am Ende, wird es Zeit, aus der Kirche auszutreten.