Immerhin: Rund 45000 Unterstützer hat die Petition, bei der es darum geht, die "ortsüblichen Emissionen des Landlebens" als kulturelles Erbe zu schützen. Das hieße: Klagen, etwa gegen krähende Hähne oder muhende Kühe, hätten in ländlichen Regionen keine rechtliche Basis mehr. Den gerne zitierten Fall, dass Zugezogene in ländlichen Gebieten ihre Ruhe durch tierische Laute gestört sehen und auf die Barrikaden gehen, soll es nicht mehr geben. Das wünschen sich die Initiatoren der Petition, die beim Erreichen der Mindestzahl von 50000 Unterstützern an die Kultusministerien der Bundesländer gehen soll.

Das Internet ist voll mit Verweisen auf Urteile in Verfahren, bei denen über die vermeintliche Lärmbelästigung durch krähende Hähne gestritten wurde. Einen klaren Trend in der Rechtssprechung gibt es dabei aber nicht: Gerichte in München (1989) und Hildesheim (1990) stuften krähende Hähne eher als Lärmbelästigung ein; in Koblenz (2019) und in Neustadt an der Weinstraße (2017) war man bei Streitfällen in ländlichen Gebieten anderer Meinung: Dort wurde der Hahnenschrei als ortstypisch und damit schützenswert bewertet.

Wer schon unterschrieben hat

Einen bekannten Unterstützer vor Ort hat die Petition (im Internet zu finden unter: https://openpetition.de/!hahn) schon mal: Michael Busch. Der Coburger SPD-Landtagsabgeordnete hat die Online-Petition bereits unterschrieben. Und dem Tageblatt auf Nachfrage auch erklärt, warum: "Ich bin aufgewachsen mit meckernden Ziegen, gackernden Hühnern, krähenden Hähnen und blökenden Schafen. Ich habe es geliebt." Deshalb könne er es ganz und gar nicht verstehen, wenn es in ländlichen Gebieten zu Rechtsstreitigkeiten komme, nur weil zum Beispiel ein Hahn ein paar Mal krähe. Da fehle es an nachbarschaftlicher Rücksicht. Immerhin: Im Coburger Land scheint es keinen akuten Bedarf für einen besonderen Schutz von tierischen Lauten zu geben. Aus seiner Zeit als Coburger Landrat (2008 bis 2018) kann sich Busch jedenfalls an keinen Streitfall erinnern, mit dem man sich in der Behörde habe beschäftigen müssen.

Grundsätzlich gelassen sieht die Sache mit den nachbarschaftlichen Konflikten Norbert Wittmann, der als Vorsitzender des Neuensorger Kleintierzuchtvereins mit seinen Mitstreitern das Krähen der Hähne vor einigen Jahren zum Event gemacht hat. Im Weidhäuser Gemeindeteil hat das Wettkrähen anlässlich der Kirchweih schon längst Kult-Charakter. "Das ist der Wahnsinn, was da normal bei uns los ist", sagt Wittmann und bedauert, dass das im August geplante Wettkrähen pandemiebedingt ausfällt. Auch wenn die Petition bei den Züchtern in der Region "jetzt nicht das ganz große Thema" ist, freut sich der Neuensorger darüber, dass der Umgang mit Tierhaltern öffentlich diskutiert wird. Gestartet wurde die Aktion von einer Hahn-Halterin aus dem hessischen Hofheim, die mit einem Nachbarn im Clinch war. Wittmann selbst hat 15 Hähne in seiner Zucht und gibt ehrlich zu: "Pünktlich um 4.30 Uhr legt der erste Hahn los." Ärger mit den Nachbarn hat der Vorsitzende des Kleintierzuchtvereins deshalb nicht. Es sei schon so, dass bei den Menschen die Einstellung vorhanden sei, dass ein krähender Hahn ganz einfach zum Leben auf dem Land dazu gehöre, sagt Norbert Wittmann.

Nach einer kurzen Nachdenkpause sieht der Neuensorger Kleintierzüchter die Aussichten für das Federvieh sogar richtig positiv. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben die Kleintierzüchter in der Region nämlich in zunehmender Zahl Anfragen bekommen, weil sich Menschen Hühner zur Selbstversorgung mit Eiern anschaffen wollen. Das findet ein Mann wie Norbert Wittmann natürlich gut, wobei er ungern nur Hennen an die Interessenten weitergibt. Die sind zwar im alltäglichen Verhalten leiser als ihre männlichen Artgenossen, aber ohne Hahn halt ein bisschen einsam. Deshalb wirbt der Vorsitzende der Neuensorger Kleintierzüchter: "Ein Hahn gehört für mich auf jeden Fall immer dazu."