Die erste Besonderheit ist schon, dass die Schützengesellschaft Coburg 1354 in diesem Jahr überhaupt ein Königsschießen veranstalten konnte. Das letzte liegt nun schon zwei Jahre zurück. Dem nunmehrigen Ehren-Oberschützenmeister Hans-Herbert Hartan nützte es zum Beispiel wenig, dass er die Kette des 1. Ritters zwei Jahre lang behalten durfte: Es gab ja keine Gelegenheit, wo er sie in der Öffentlichkeit hätte tragen können. Kein Schützenfest, keine Festumzüge - "das einzige war unser Schützenauszug vor zwei Jahren", fasste er zusammen.

Die SG Coburg hatte sich deshalb auf eine Tradition besonnen, die seit 70 Jahren ruhte. Früher wurde beim Vogelschießen tatsächlich auf einen hölzernen Vogel geschossen, und zwar im Freien. Doch so etwas ist wegen der durchaus vorhandenen Unfallgefahr nicht so einfach möglich, zumindest nicht nahe dem Schützenfest auf dem Anger. "Ich bräuchte ja eine 20 Meter hohe Wand", sagt Oberschützenmeister Stefan Stahl. Vor dieser Wand muss der hölzerne Adler nämlich stehen, damit kein Schuss ins Leere geht. Die Veste mit ihren hohen Mauern bietet diese Wand und den historisch passenden Rahmen für das Vogel-Schießen.

Denn geschossen wird auf den Adler mit einer speziellen Armbrust. Fünf Kilogramm Zugkraft hat sie, denn dieBolzen sollen gut 25 Meter weit und in die Höhe fliegen. Zwei Mann sind nötig, um die Armbrust zu spannen. Vorteil: Es herrscht im Sinne des Wortes Waffengleichheit, denn es gibt nur diese eine Waffe fürs Königsschießen. Jeder hat nur einen Schuss. Gewertet wird nicht die Zielgenauigkeit, sondern das Gewicht der Holzstücke, die wegen des Schusses herunterfallen. "Es gab auch einige Treffer am Körper, bei denen kein Holz weggeflogen ist. Der Bolzen hat hier lediglich kreisrunde rund fünf Millimeter tiefe Löcher gestanzt", berichtet Detlef Beil, als 1. Schützenmeister für die Organisation des Königsschießens zuständig.

380 Gramm wogen die drei hölzernen Federn aus der linken Schwinge, die Klaus Probst mit seinem Schuss vom Adler fetzte. Damit ließ er alle anderen Wettbewerber hinter sich. Selbst Rainer Reißenweber, immerhin neunmaliger Schützenkönig, schaffte "nur" 268 Gramm. Doch das waren immer noch 110 Gramm mehr als der Drittplatzierte aufweisen konnte: Andreas Mais Stücke wogen 158 Gramm. Die Nächstplatzierten liegen dann freilich dicht beieinander. 100 Gramm genügten Ulrich Petzold, um noch unter die ersten Zehn zu kommen.

Schützenkönig Klaus Probst ist auch der erste, der in der Amtszeit von Oberbürgermeister Dominik Sauerteig (SPD) proklamiert wurde. Der OB verband die Hoffnung darauf, dass das Schützenfest im nächsten Jahr wie gewohnt auf dem Anger stattfinden kann, mit dem Appell, sich impfen zu lassen. Weil es ohnehin kein Festzelt gab, fand die Feier auf der Veste statt, was das Selbstbewusstsein und den Stellenwert der Schützen in Coburg markiere, wie Sauerteig anmerkte: Der Stadtrat habe sein Sommerfest eine Woche zuvor auf der wesentlich kleineren Burg Callenberg gefeiert.

Die Veste wird auf jeden Fall Ort des Vogel-Schießens bleiben, wenn es noch einmal stattfinden sollte. Stefan Stahl ist sehr dafür, es im nächsten Jahr wieder durchzuführen. Ein Problem hat er allerdings: Der Adler muss auf ein Gerüst montiert werden, und die Miete ist teuer. Stahl möchte ein Gerüst kaufen und sucht dafür noch einen Sponsor. Sven Hauschke, Leiter der Kunstsammlungen und Hausherr auf der Veste, wäre bereit, das Schießen wieder stattfinden zu lassen. Der Ziel-Vogel wurde schließlich von den Experten der Kunstsammlungen mit entwickelt. Im nächsten Jahr soll es außerdem wieder eine "Zeitreise" auf der Veste geben, mit Gruppen, die historisches Lagerleben nachstellen.

Und noch eine ungewöhnliche Ehrung gab es am Sonntagabend bei den Schützen: Ingrid Raab managte fast 30 Jahre lang das Casino im Schützenhaus. Jeden Mittwoch und bei allen Veranstaltungen war die Buchenroderin da und versorgte ihre Schützen. Doch Mitglied der SG Coburg wurde sie nie. Deshalb konnte sie nicht zur Ehrenschützin ernannt werden. Aber zum Ehren-Mitglied, wie Stahl sagte. Das Casino im Schützenhaus will Ingrid Raab indes nicht mehr betreuen. Es habe ihr zwar immer Freude gemacht, aber mit fast 80 Jahren sei ihr die Fahrerei am Abend und im Winter zu viel, sagt sie. Weil wegen Corona auch bei den Schützen nichts lief, musste sie ohnehin schon eineinhalb Jahre pausieren.

Vergeben wurde bei dieser Gelegenheit auch das Protektoratsabzeichen, die höchste vereinsinterne Auszeichnung, die ein SG-Mitglied erhalten kann. Frank Reinhardt trat mit 20 Jahren der SG Coburg bei und ist seit 2008 zweiter Schatzmeister. In dieser Funktion ist er für die Mitgliederverwaltung zuständig. Für seine Verdienste um das Schützenwesen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet.