Ein bisschen Revolution muss sein. Zumindest bei Dario Fo, zumindest in dessen Komödie "Bezahlt wird nicht" - auch wenn der 1974 entstandene Bühnentext auf das heutige Publikum eigentlich längst unverstellt nostalgisch wirkt. Und in unverstellt nostalgischer Optik bringt Gast-Regisseur Thorsten Köhler diese Komödie auf die Bühne des Landestheaters Coburg.

Wenn das Proletariat den Aufstand probt

Nostalgisch die Kostüme, nostalgisch die Kulissen (Ausstattung Justus Saretz), nostalgisch auch die politisch deutbare Botschaft, die Dario Fo einst formulierte. Denn das Proletariat probt in diesem Zweiakter ein klein wenig den Aufstand - freilich eher zufällig und beinahe aus einer Laune heraus. Aus Protest gegen eine als unverschämt empfundene Preiserhöhung im Supermarkt werden Hausfrauen beim Einkauf eher auf Versehen zu Rädelsführerinnen eines Anti-Bezahl-Aufstandes. Mit vollbepackten Einkaufswägen verlassen die streitbaren Frauen das Geschäft - ohne den lästigen Umweg über die Kasse.

Harmlose Provokation

Was dann folgt, ist freilich kein revolutionärer Umsturz des auf der Ausbeutung des Proletariats gegründeten kapitalistischen System, sondern ein immer mehr ins Absurde sich entwickelndes Crescendo der Missverständnisse. Dieses Crescendo der immer grotesker anmutenden Situationen bringt Thorsten Köhler mit unverhülltem Spaß an lautstarker, letztlich aber harmloser Provokation auf die Bühne.

Pathos im XXL-Format

Als Regisseur hat Köhler ein ausgesprochenes Faible für Stoffe, mit denen sich die ganze Mechanik des Theaterspielens bedienen lässt. Verwechslungen und Täuschungen, Auf- und Abtritte in raschem Wechsel, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Provokation - das sind die Zutaten, die Köhler routiniert anzurichten versteht.

In bester Commedia dell'arte-Tradition darf das Darsteller-Quintett der Lust am karikierenden Übertreiben frönen. Eva Marianne Berger als kurzzeitig umstürzlerisch gestimmte Antonia und Solveig Schomers als ihre eher ängstlich gesinnte Freundin Margherita, dazu Nils Liebscher als Antonias Ehemann Giovanni und Florian Graf als Margheritas Gatte Luigi, schließlich Frederik Leberle in einer Fülle rasch wechselnder Rollen vom Carabinieri bis zum Bestatter - sie alle halten das Premieren-Publikum durch ihr temporeiches Spiel bei bester Laune.

Allerlei aktuelle Anspielungen

Wer gerne noch eine politische Botschaft mit auf den Heimweg nehmen will, kann dies mit allerlei aktuell wirkendenden Anspielungen durchaus tun. Wirklich wichtig jedoch für das Stück ist diese Botschaft letztlich nicht.

Vielmehr gönnt sich Thorsten Köhler das Vergnügen, ungeniert seiner Vorliebe für grelle Übertreibungen ausgiebig zu frönen. Dabei helfen ihm natürlich die genüsslich karikierenden Kostüme von Justus Saretz, die in jedem Zeichentrickfilm in 70er-Jahre-Optik Furore machen würden.

Bühnennebel und Theaterdonner, übergroße Gesten, Pathos im XXL-Format, unterstützt durch geschickt ausgewählte Musik- und Geräuscheinspielungen - Köhlers Regie treibt die Darsteller von einer Übertreibung in die nächste.

Sorgen-Vertreiber auf der Theaterbühne

Immer grotesker werden die Situationen - und immer vergnügter reagiert das Publikum im Angesicht einer abstrusen Scheinschwangerschaft. Am Ende triumphiert die Komik einer absurden Logik.

Amüsement in Corona-Zeiten trotz Maskenzwang und Abstandsgebot beim Gang ins Theater - Thorsten Köhler wird für zwei temporeiche Theaterstunden zum einfallsreichen Sorgen-Vertreiber auf der Coburger Theaterbühne. Heftiger Beifall.

Rund um die Komödie "Bezahlt wird nicht!" am Landestheater Coburg

Theater-Tipp "Bezahlt wird nicht!", Komödie von Dario Fo, ins Deutsche übertragen von Peter O. Chotjewitz, 23. Oktober, 19.30 Uhr, 19. November, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Produktionsteam Inszenierung: Thorsten Köhler; Bühne und Kostüme: Justus Saretz; Dramaturgie: Carola von Gradulewski / Fabian Appelshäuser

Darsteller

Antonia - Eva Marianne Berger

Margherita - Solvejg Schomers

Giovanni - Nils Liebscher

Luigi - Florian Graf

Polizist, Carabiniere, Leichenbestatter - Frederik Leberle

Die Story Mit einer Meute Hausfrauen, die wegen gestiegener Lebensmittelpreise einen Supermarkt ausrauben und dabei "Bezahlt wird nicht!" skandieren, beginnt Dario Fos gleichnamige Farce. Die spontane antikapitalistische Aktion, die Antonia im Supermarkt noch als eine gute und gerechte Idee erscheint, wächst sich zuhause und im Abgleich mit dem Alltag schnell zum Problem aus.

Der Stolz über ihren Beutezug verlässt die Hausfrau Antonia schnell, als ihr Mann Giovanni nach Hause kommt. Sie nötigt ihre etwas naive Freundin Margeritha die Beute zu verstecken und macht sie so gegen ihren Willen zur Komplizin. Ganz in der Tradition der italienischen Commedia dell'arte mit ihrer scharf konturierten und typisierenden Figurenzeichnung und einer Verkettung von Aktion und vorschneller Reaktion werden die Figuren in eine Spirale von Ereignissen geworfen, die sich immer schneller dreht und immer absurdere Situationen hervorruft. "Bezahlt wird nicht!" ist dennoch eine pointierte und zutiefst liebevolle Auseinandersetzung mit der menschlichen Sehnsucht nach Gerechtigkeit und dem Wunsch nach einem Leben, in dem man sich keine Gedanken machen muss, wie Mieten gezahlt und Kühlschränke gefüllt werden.

Tickets gibt es nur an der Theaterkasse: Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag 10 bis 12 Uhr (Tel.: 09561/8989-89; E-Mail: theaterkasse@landestheater.coburg.de; Internet: www.landestheater-coburg.de)