Was gehen uns die Ernestiner tatsächlich an? Viiiel, sagen die Coburger und blicken stolz auf ihr Herzogshaus. Seehr viel, sagen die Gothaer erst Recht, heute, nachdem ihnen Jahrzehnte verboten war, auf ihre eigene, vermaledeit feudale, Geschichte zu blicken.

Die eben eröffnete Thüringer Landesausstellung "Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa" geht in diesem Jahr in Gotha und Weimar der Bedeutung dieses Adelsgeschlechtes nach. Das Herzogshaus Sachsen, Coburg und Gotha gehört wesentlich zum Identifikationsgeflecht der Coburger, haben sie den Ernestinern doch seit Herzog Casimir den Aufstieg vom Ackerbürger-Städtchen zur Regionalmacht und zur heutigen Kulturstadt zu verdanken.

Woher die Ernestiner insgesamt, nicht nur der Coburger Zweig, tatsächlich kommen, welche Rolle sie vom 16. bis ins 19. Jahrhundert im deutschen Kaiserreich spielten, das zu erfassen, dürfte den meisten hier schon schwerer fallen. Und über Coburg hinaus sind die Ernestiner weitgehend vergessen. Die Kunstsammlungen auf der Veste Coburg zeigten bei der bayerischen Landesausstellung 1997 "Ein Herzogtum und viele Kronen", wie die Coburger mittels Heiratspolitik quer durch Europa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts über dynastischen Zusammenhalt ein nicht unbedeutender Politikfaktor wurden.


Über 400 Jahre lang

Die Thüringer Landesausstellung geht nun auf spannende Weise, auf 4000 Quadratmetern mit 600 Exponaten, darunter Leihgaben aus Madrid, Wien oder Stockholm und selbstverständlich auch aus Coburg, zurück bis in die Anfänge, als sich das alte Herrscherhaus Wettin 1485 bei der Leipziger Teilung in die albertinische und die ernestinische Linie trennte. Erstmals werden - an Originalschauplätzen, den Stadtschlössern und den herzoglichen Kunstmuseen - die einstige Macht und der Glanz der Ernestiner aufgezeigt. Über 400 Jahre lang, von der Reformation bis zum Abdanken der Monarchie 1918 prägten sie Politik, Religion, Kultur und Wissenschaft Europas maßgeblich mit. Was heute kaum mehr bewusst ist, von der Traumhochzeiterei, insbesondere zwischen Prinz Albert und Queen Victoria, abgesehen.

Während in Gotha die Familie der Ernestiner seit Ernst und Albrecht und deren Vernetzung in den Königshäusern von Großbritannien, Belgien und Griechenland, das Territorium und die Kunst Schwerpunkte sind, widmet sich Weimar dem Einfluss des Fürstenhauses unter anderem auf Religion und Wissenschaft.
Die Kapitel auf Schloss Friedenstein haben viel mit Coburg zu tun, waren es doch schließlich die in Coburg aufgewachsenen Kinder von Herzog Franz von Sachsen-Coburg-Saalfeld, die mit Juliane beginnend quer durch Europa verheiratet wurden.


Kuratorin aus Coburg

Die Gothaer Kuratorin ist übrigens eine Coburgerin, Friedegund Freitag. Die Historikerin hat zusammen mit ihrer Kollegin Karin Kolb in Weimar auch den prächtigen Bildband herausgegeben, der als Katalog dient. Das aufschlussreiche Bilder-Buch vermittelt nach einer hilfreichen Einführung in kurzen, wohl konzipierten Artikeln zu den markanten Ausstellungsstücken die wesentlichen Aussagen der Landesausstellung - zum bequemen Nachlesen, nachdem man die anschaulich arrangierten Dokumente im Original und in effektvoller Inszenierung gesehen hat.

Noch im Anfang hängt auf Schloss Friedenstein das Kurschwert des albertinischen Herzogs Moritz von Sachsen in der Glasvitrine. Moritz, der "Judas von Meißen", verhalf 1547 im Schmalkaldischen Krieg dem Kaiser zum Sieg über die protestantische Sache. Was den politischen Niedergang der Ernestiner einleitete. Johann Friedrich der Großmütige verlor damals die Kurfürstenwürde an den Albertiner. Um die eigene Bedeutung aber aufrecht zu erhalten, wurden die zunehmend liberaler gesinnten Ernestiner zu großen Förderern von Kunst und Kultur.
An späterer Stelle blicken wir dann auf den doch arg schräg stehenden, aber aufrecht bleibenden Thronsessel Herzog Ernst II. Der nämlich kam den neuen liberalen Kräften entgegen, 1852 hatten Coburg und Gotha das freisinnigste Staatsgrundgesetz in ganz Deutschland.
Eines stellt diese Ausstellung ebenfalls heraus, wie es bisher noch nicht geschehen ist: Ohne die Ernestiner kein Luthertum. Sie waren es, die den Protestantismus gegen den Kaiser verteidigten, Luther Unterschlupf gewähren, so ja auch auf der Veste Coburg, und maßgeblich - mittels der mächtigen Bildschöpfungen der Cranach-Werkstatt - für die Verbreitung seiner Lehre sorgten.

Der geschasste Johann Friedrich gründete 1548 auch eine neue Hohe Schule, um die lutherische Lehre zu bewahren - die spätere Universität Jena. "Nie war eine Dynastie so wichtig für das Luthertum wie die der Ernestiner", fasst der Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar, Wolfgang Holler, diesen Aspekt zusammen.


Landesausstellung Thüringen 2016 Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa. Gotha zeigt in Schloss Friedenstein und im Herzoglichen Museum die Kapitel Familie, Land und Künste. Im Neuen Museum und im Residenzschloss in Weimar geht es um Glaube, Reich und Wissenschaft. Die 2,4 Millionen Euro teure Ausstellung wurde gemeinsam von der Klassik Stiftung Weimar und der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha entwickelte und ist bis zum 28. August zu sehen. Zahlreiche Veranstaltungen und Angebote begleiten die Landesausstellung (detaillierte Informationen im Internet).

Der Katalog zur Landesausstellung greift in kompakter Form alle Themen der beiden Ausstellungsorte auf. -
Friedegund Freitag und Karin Kolb (Hrsg.): Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa. Sandstein Verlag Dresden, 510 Seiten, ca. 350 Abbildungen, 34,90 Euro.

Ein Comic "Die Ernestiner. Abenteuer einer großen Familie" erklärt die Bedeutung der Ernestiner in leicht lesbaren Textbeiträgen und anschaulichen Comic-Kapiteln. Auf der Web-Seite www.ernestiner2016.de gibt es Hinweise und Handreichungen für Lehrkräfte.