Wohnraum schaffen in der Stadt ist ein erklärtes Ziel aller Stadtratsfraktionen. Und: Es wäre wichtig, eine Nachnutzung fürs Diakonisch-soziale Zentrum (DSZ) am Hofgarten zu finden, nachdem die Schule für Körperbehinderte ausgezogen ist und das Diakonische Werk den Gebäudekomplex im Sommer verkauft hat.

Doch es geht nicht mehr allein um das ehemalige DSZ, wie es im Sommer noch den Anschein hatte. Ende Juni präsentierte Thomas Siebenhaar, Geschäftsführer der Hirschaider Firma Projekt Bauart ImmoInvest, die Ideen für den Betonbau aus den frühen 70er Jahren: 70 bis 80 Wohnungen unterschiedlicher Größe sollten dort entstehen, ein großer Teil der Bausubstanz erhalten bleiben. Lediglich im unteren Bereich, Richtung Leopoldstraße, sollten Gebäude abgerissen und dafür neue errichtet werden.


Nun 90 Wohnungen

Inzwischen aber erstrecken sich die Planungen über das ehemalige Diakonie-Areal hinaus, und das sorgt für Ärger: Am 9. Dezember stellte Siebenhaar diese neuen Planungen im Bau- und Umweltsenat vor und zeigte dabei einen Gebäuderiegel, der sich von der Zufahrt zum ehemaligen DSZ bis über den Parkplatz unterhalb des Pavillons vom Kunstverein erstreckt. 90 Wohnungen, alle barrierefrei, ein Investitionsvolumen von 15 Millionen Euro. Auch dafür habe er die einhellige Zustimmung der Bausenatsmitglieder erhalten, teilte Siebenhaar noch am gleichen Tag mit.

Allerdings noch keine Baugenehmigung, wie zum Beispiel Petra Schneider (SPD) und Jürgen Oehm (CSU) betonen. Dem Senat seien lediglich die Entwürfe präsentiert worden, und die Projekt Bauart habe den Auftrag erhalten, die Pläne in Absprache mit dem Stadtplanungsamt zu überarbeiten. Einen Bauantrag habe die Projekt Bauart noch nicht eingereicht, sagen die beiden Stadtratsmitglieder.

Auf der Homepage der Projekt Bauart ist eine undatierte Mitteilung zu finden, dass die Bauvoranfrage für das DSZ genehmigt wurde. Die Rede ist da noch von 62 Wohnungen mit Tiefgarage, die Bilder dazu zeigen Wohngebäude allein auf dem DSZ-Areal.

Nun aber, nach den im Dezember präsentierten Plänen, sollen es 90 Wohneinheiten werden, da ja das Gefängnis-Grundstück einbezogen wurde. Dagegen regt sich jedoch Widerstand bei den Anwohnern und beim Kunstverein: Der Parkplatz fiele weg, die Sichtbeziehung vom Hofgarten zur Leopoldstraße würde unterbrochen. Der Kunstverein drohte gar schon mit Wegzug.


Orientieren an der Umgebung?

Auch Ingeborg Bachmann, die in der Leopoldstraße wohnt, stört sich an den Plänen. "Die gesamte Leopoldstraße bis zum DSZ steht unter Ensembleschutz, dazwischen auch denkmalgeschützte Häuser", schreibt sie ans Tageblatt. "Dem Gesetz nach müsste sich die Neubebauung in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen, das heißt, auf vorhandene Strukturen und Charakteristika Rücksicht nehmen."

Petra Schneider geht davon aus, dass diese Kriterien bei der Überplanung in Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt beachtet werden. "Meiner Meinung nach muss man auf Blickbeziehungen Rücksicht nehmen", betont sie. Denn das Gebäude des Kunstvereins, das derzeit noch von der Leopoldstraße her gut zu sehen ist, würde dann hinter dem "Penthousekasten" verschwinden, wie Ingeborg Bachmann sagt.


Stadt müsste verkaufen

Laut Petra Schneider gehört das Grundstück des ehemaligen Gefängnisses der Stadt, die dann nicht nur die Bebauung genehmigen, sondern die fragliche Fläche auch verkaufen müsste. Den Grundstücksverkauf müsste nach Lage der Dinge der Finanzsenat genehmigen. Bislang ist vorgesehen, dass die Wohnbau dort Wohnungen baut. Doch weil das Geld fehlte und andere Sanierungsprojekte Vorrang erhielten, wurde das Sanierungsgebiet Leopoldstraße hintangestellt.

Die fragliche Fläche "wurde vor einiger Zeit zusammen mit einer imposanten Sandsteinmauer aufwändig zu einem begrünten Freiraum und Parkplatz umgestaltet, der einen offenen Blick auf den Kunstverein, den Hofgarten und die Reihe denkmalgeschützter Häuser der Leopoldstraße als Entree in den historischen Stadtkern freigibt", wie es Ingeborg Bachmann beschreibt. "Das würde alles von der riesigen Fassade des Neubaus verdeckt, der Kunstverein führte ein Schattendasein, die Sandsteinmauer würde verschwinden, Tausende an Steuergeldern wären verschwendet und Fördergelder müssten möglicherweise zurückerstattet werden."

Das könnte durchaus sein, wie die Regierung von Oberfranken bestätigt: Städtebaufördermittel unterliegen einer Bindungsfrist von 25 Jahren. Allerdings liege die neue Planung für DSZ und Leopoldstraße der Regierung von Oberfranken noch nicht vor, sodass eine konkrete Auskunft nicht möglich sei, teilte ein Sprecher der Behörde mit. infranken.de-Informationen zufolge soll das Wohngebäude auf dem zur Straße gelegenen Teil des Grundstücks entstehen, noch vor der genannten Sandsteinmauer. Damit wäre der Teil, der mit Hilfe von Städtebaufördermitteln neu gestaltet wurde, nicht direkt betroffen.


Geht nur die große Lösung?

Inwieweit der Investor die Umgestaltung des DSZ-Gebäudes mit dem Neubau der 28 weiteren Wohnungen auf dem Gefängnis-Grundstück verknüpft hat, ist unklar. In der Firma Projekt Bauart ist urlaubsbedingt niemand zu erreichen. Jürgen Oehm und Petra Schneider verweisen beide unabhängig voneinander darauf, wie wichtig es wäre, eine sinnvolle Nachnutzung für das DSZ zu finden.

Ingeborg Bachmann indes bittet "die Entscheidungsträger des Stadtrates um mehr Einfühlsamkeit bei der Gestaltung des historischen Stadtbildes, damit sich Bausünden früherer Jahre nicht wiederholen".