"Wir Jungen sind vorne gerannt wie die Verrückten. Wir haben ja von nichts gewusst. Hinten haben Schwenzl, Wittig und Pohl die Sache schon geritzt. Aber einen schicken Anzug haben wir später alle bekommen." Roland Wittmann, besser bekannt als "der Brüxer", hat jede Menge dieser legendären Fußball-Anekdoten auf Lager. Morgen feiert er seinen Achtzigsten.

Um die Story zu Ende zu erzählen: Es war eines der letzten Punktspiele in der Saison 1955/56 in der 1. Division. Der Meisterschaftszug Richtung Oberliga fuhr ohne die bärenstarken Neustadter "Löwen" los und der VfB Helmbrechts brauchte im Abstiegskampf jeden Punkt. Da war eben oberfränkische Schützenhilfe angesagt!


Plötzlich vier Tore in 28 Minuten...

Weil der VfL im Sturm "überraschenderweise ausgezeichnet kombinierte" (Originalzitat aus dem Coburger Tageblatt von damals) führte der Favorit mit 2:0, doch innerhalb der letzten 28 Minuten gelangen den Helmbrechtsern plötzlich vier Tore - die waren für den Klassenerhalt entscheidend. Das Tageblatt schrieb 1956: "Die Neustadter hatten plötzlich einfach keine Kondition mehr."

Roland Wittmann macht aus diesem Schmu kein Hehl, zumal er nach eigenen Worten nichts davon wusste. Im Gegenteil, er ist ein alter Mann der klaren Worte, nimmt ungern ein Blatt vor den Mund: "Ich war sehr unbeliebt. Die Neustadter hatten es mir übel genommen, dass ich nach Coburg bin. Und für die Coburger war ich eben immer ein Neustadter!"

Vor allem war "der Brüxer" aber ein ausgezeichneter Fußballer, egal ob er für den VfL Neustadt, für den VfB Coburg, für den SV Darmstadt 98, Saarbrücken 05 oder den FC Homburg-Saar spielte. Er war schnell, schoss beidfüßig und hatte Kondition wie kaum ein Zweiter.

Den gelernten Baumaschinenschlosser führte der Fußball 1957 nach Darmstadt. Dort studierte er Maschinenbau. "Da gab es 4000 Mark Handgeld und pro Monat bekam ich regelmäßig 240."
 


28 000 Mark für ersten Jaguar

Später, nämlich von 1962 bis 1966 waren es bereits monatlich stolze 480 Mark, plus Extraprämien für gute Tabellenplätze oder Tore. Dazu sein Arbeitslohn von 680 Mark - "der Brüxer" war ein Lebemann. Er gönnte sich für 28 000 Mark sogar einen silbernen Jaguar, an dem er in diesen Tagen mit Herzenslust herumbastelt. "Eigentlich wollte ich ja den mit den Flügeltüren, doch der koste 32 000 Mark." Später kam ein zweiter Jaguar dazu.


Backsteine für jedes Tor

Zwischen seiner Darmstadter und Saarbrücker Zeit ging er für die "Mohrenköpfe" auf Torejagd. Das waren damals die "Erzfeinde" der Neustadter. "Der Eux Stocke und der Langguths Karl haben mir dann mein Häuschen finanziert", erzählt der Fast-Achtziger unverblümt. "Das war damals ganz einfach: Vor dem Spiel kam der Karl zu mir und meinte, wenn Du heute ein Tor schießt, dann bekommst Du wieder Backsteine..." 1966 erwarb er unter Jupp Derwall, dem späteren Nationaltrainer, die A-Lizenz als Trainer.


"Mit den Weibern in den Betten"

Obwohl er als Coach kaum in Erscheinung trat, erinnert er sich noch ganz genau an sein abruptes Ende 1973 beim FC Lichtenfels während eines Trainingslagers: "Die lagen oben im 1. Stock mit den Weibern in den Betten. Da habe ich sofort Schluss gemacht." Wittmann schmunzelt, wenn er in solchen Erinnerungen schwelgt. Schön waren die Zeiten, als er mit Posavec "in der Kiste", Müller, Holzer, Sollmann oder "Erbse" Köhler kickte. Oder auch mit Hansi Kotschenreuther - "der konnte aber nur spielen, wenn es nicht über 20 Grad warm war."

Besonders heiß wurde es für ihn 1995 - das allerdings im wahrsten Sinne des Wortes. Als er mit den befreundeten Familien Dressely und Maiwald beim Abendessen war, bekam er einen Anruf: "Deine Villa in Meschenbach brennt." Sein Domizil brannte völlig ab. Doch Wittmann wäre nicht Wittmann, wenn er sein Haus für 1,6 Millionen Mark und mit Hilfe der Versicherung ("Die wollten mich erst mit 800 000 abspeisen") nicht wieder aufgebaut hätte.


Chef der Firma Erdbau GmbH

Auch von diesem Rückschlag erholte sich der vierfache Vater (vier Töchter), denn "der Brüxer" war nicht nur auf, sondern auch neben dem Feld zeitlebens ein Kämpfer. Der Chef der Firma Erdbau GmbH setzte sich nach der Wende für den Tiefbau in der Region ein: "Ostfirmen treiben unsere Betriebe mit Dumpingpreisen in den Ruin."

Viele namhafte Firmen gäbe es schon lange nicht mehr. "Sie sind untergegangen im Preiskampf, der nach der Grenzöffnung mit ungleichen Mitteln geführt wurde", sagt der Firmenchef, der einst rund 70 Mitarbeiter beschäftigte und die Landebahn auf der Brandensteinsebene baute. Jetzt hat Wittmann nur noch eine Handvoll Männer "und am Montag verkaufe ich den nächsten Bagger..."

Frust schiebt der vitale Achtziger deshalb aber keinen. Mit seiner 30 Jahre jüngeren Frau Kerstin, die im Gegensatz zum eingefleischten Bayern-Fan den Gladbacher Borussen die Daumen drückt, freut er sich ab heute auf einen Kurztrip nach Bodenmais und "dann natürlich auf die nächsten zehn Jahre".