Die Rahmenbedingungen für den Aufbau partnerschaftlicher Beziehungen zwischen Regionen in Deutschland und der Türkei sind momentan nicht gerade ideal. Und dennoch: Erst jüngst hat der für kulturelle Dinge zuständige Kreisausschuss beschlossen, die Partnerschaft mit der westtürkischen Region Manisa voran zu treiben. Mittendrin Kanat Akin.
Der 29-Jährige aus Neustadt sitzt seit 2014 für die SPD im Coburger Kreistag und kümmert sich seitdem um den Aufbau der Partnerschaft. Im Gespräch mit dem Tageblatt erklärt der studierte Jurist, wie - und insbesondere: warum - die Partnerschaft trotz politischer Widrigkeiten vorangetrieben werden soll.

Fangen wir doch mal ganz einfach für den Laien an: Was ist Manisa und wo liegt es?
Kanat Akin: Manisa ist eine Großstadtkommune, so nennt man das in der Türkei, an der Westküste. Es liegt 30 Kilometer vom Meer entfernt, ist gut erschlossen und hat hohes wirtschaftliches Potenzial. Große internationale Betriebe wie Pepsi, Ferrero und Bosch haben dort Werke. Ebenso ist in Manisa eine Universität mit über 50.000 Studierenden. Die nächste große Stadt ist Izmir, der viertgrößte Flughafen des Landes liegt nur 40 Minuten entfernt.

Was ist denn eine Großstadtkommune?
Das ist eine kommunale Verwaltungseinheit. Manisa ist vor ein paar Jahren dazu aufgestuft worden. An der Spitze einer Großstadtkommune steht ein vom Volk gewählter Oberbürgermeister, der aber mehr Kompetenzen und Macht als ein Oberbürgermeister in Deutschland hat.

Wie läuft der Weg bei der Suche nach einer Partnerregion für den Landkreis?
Wir in Coburg hatten mehrere Ideen - unter anderem auch eine Region in der Nähe von Antalya und Gaziantep. Ich hatte den Auftrag, mich um Manisa zu kümmern. Okay (grinst), meine Großeltern leben im Großraum Manisa. Über sie haben wir einen Bekannten, der sich dort um die Weiterentwicklung im Tourismus kümmert. Auf die ersten Anfragen hat der Landkreis Coburg sofort Rückmeldung bekommen, deshalb war es logisch, dass wir das Projekt Manisa vorangetrieben haben.

Wie ist nach dem Putschversuch die Lage für die Kommunalpolitik in der Türkei?
Wenn es um unsere Partnerschaft geht, ist die Offenheit immer noch da. Es herrscht unvermindert großes Interesse. Aber klar ist auch, dass die innenpolitische Lage derzeit allgemein nicht einfach ist. Gerade deshalb müssen wir schauen, dass wir den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen. Das sieht übrigens auch das Auswärtige Amt so und stellt deshalb erhebliche Fördermittel für deutsch-türkische Projekte in vielen Bereichen zur Verfügung.


Ist das Coburger Land in Manisa schon irgendwie Teil der öffentlichen Wahrnehmung?
Und wie! Erinnern Sie sich an die Geschichte von Nadine Schirmer aus Neustadt, die mit ihrer Knochenmarkspende einem Mädchen in der Türkei geholfen hat? Da haben bestimmt 15 verschiedene Medien darüber berichtet. Das Bild aus dem Tageblatt mit OB Rebhan und Frau Schirmer war rund um Manisa in mehreren Zeitungen zu sehen. Das Interesse an dem, was bei uns passiert, ist riesig.

Jetzt brauchen wir noch einmal Aufklärung: Was ist denn das eigentlich das "Manisa Mesir Paste Festival", das die Coburger Delegation im vergangenen Jahr besuchen durfte?
Das gibt es seit gut 470 Jahren, also in etwa so lang wie unser Neustadter Kinderfest...

Sie sind halt ein waschechter Neustadter, wie?
(lacht) Das kann man so sagen. Ich bin ein Neustadter, das passt scho. Das Festival geht auf eine Geschichte aus dem osmanischen Reich zurück, wo die kranke Mutter des Sultans durch eine spezielle Kräuter- und Gewürzmischung geheilt wurde. Um diese Mischung dreht sich beim Festival alles. Heute gibt es anlässlich des Festes viele Konzerte und Ausstellungen - das wäre zum Beispiel eine Chance für Coburger Künstler im Rahmen der Partnerschaft.

Würde sich für den Otto-Normal-Bürger denn ein Besuch der Region Manisa auch lohnen?
Auf jeden Fall! Auf religiöser Ebene ist das zum Beispiel eine sehr spannende Region, in der sich mehrere Kirchen befinden, die in der Bibel Erwähnung finden. Dazu muss man wissen, dass Manisa auch christlich geprägt ist.

Wobei es heuer keinen offiziellen Besuch des Manisa-Festivals geben wird. Auch, weil Sicherheitsaspekte eine Rolle spielen, oder?
Erst mal kriegen wir es zeitlich nicht unter, aber natürlich: Wir können nicht für oder über jemand entscheiden, dass er mit einer Delegation da runter soll. Wobei ich persönlich keine Angst hätte, auch wenn die Situation in der Türkei so angespannt wie lange nicht mehr ist. Dass die Touristenzahlen um mindestens ein Drittel eingebrochen sind, sagt mehr als genug.

Gibt es in Manisa touristische Strukturen?
Sie wachsen. Durch die Nähe zu Izmir sowie die wertvollen kulturellen Stätten ist Potenzial dafür da. Zudem gibt es seit kurzer Zeit eine staatlich anerkannte Therme. Das ist auch so ein Bereich, wo ich mir vorstellen könnte, dass sich da gemeinsame Felder für eine Partnerschaft auftun.


Bei regionalen Partnerschaften ist bekanntlich aller Anfang schwer. Sind sie mit dem bisherigen Tempo der Annäherung zufrieden?
Mir persönlich kann es nicht schnell genug gehen (grinst). Aber dass der Kreisausschuss für Kultur jetzt fast einstimmig ein deutliches Zeichen für den Aufbau eines Vereins gesetzt hat, spricht für das Gremium. Denn nicht immer sind in politisch besetzten Gremien differenzierte Betrachtungsweisen die Regel.

Wie stehen Sie zum Weg, dass die Partnerschaft mit Manisa künftig über einen Verein strukturiert werden soll? Und: Würden Sie den Vorsitz übernehmen?
Der Weg über einen Verein ist gut, wenn der Landkreis und möglichst viele wichtige Institutionen da Mitglied werden. Sehr Erfreulich wäre auch eine Beteiligung der Stadt Coburg. Wir können uns das Städtepartnerschaftskomitee aus Neustadt zum Vorbild nehmen. Ich habe mir schon dessen Satzung besorgt. Zuletzt hatte ich ein bisschen Luft, um mich um wichtige Fragen zur Regionen-Partnerschaft zu kümmern. Allerdings beginne ich am 1. März als Jurist beim Freistaat Bayern. Da muss ich schauen, wie es mit der Zeit ausschaut. Wenn es sich ausgeht, würde ich den Vorsitz gerne übernehmen.

Der Landkreis wird eine offizielle Einladung nach Manisa entsenden. Was könnten Themen für einen Gegenbesuch werden?
Ein Arbeitstreffen wäre auf jeden Fall sinnvoller als eine Sightseeing-Tour. Ein Thema wäre sicherlich der Regiomed-Klinikverbund, der in der Türkei Pflegekräfte anwerben könnte. In Izmir bietet das Goethe-Institut schon länger Deutsch-Kurse an, um türkischen Arbeitnehmern, insbesondere medizinischem Personal, den Wechsel nach Deutschland zu erleichtern. Langfristig wäre auch zu prüfen, ob Allgemeinmediziner mit entsprechenden Deutschkenntnissen angeworben werden können.

Aber ein bisschen Sightseeing im schönen Coburger Land wird es auch schon geben, oder?
Freilich - die Veste ist ein Muss, Schloss Callenberg, Schloss Hohenstein, der Tambacher Wildpark und das Thermalbad Bad Rodach... Wir haben genug, was wir zeigen sollten. Und natürlich auch den Freizeitpark in Neustadt. Mich persönlich würde als Termin für den Besuch der Delegation aus Manisa das Neustadter Kinderfest-Wochenende freuen. Da ist ja auch das große Neustadt-Treffen und zeitgleich das Coburger Schlossplatzfest. Allerdings habe ich gehört, dass es da mit Unterkünften in unserer Region schon sehr knapp ausschaut.

Ist in ihrem persönlichen Umfeld die Partnerschaft mit Manisa ein Thema?
In Neustadt werde ich schon ab und zu angesprochen. Aber ich glaube, dass es mehr wird, wenn die ersten Projekte laufen. Und das ist ja das, was wir sollen. Einen bloßen Mandatsträger-Tourismus soll es auf keinen Fall geben. So etwas ist von beiden Seiten aber auch wirklich nicht gewollt.

Das Gespräch führte
Berthold Köhler