Nach genau einem Jahrzehnt geht die Ära von Generalmusikdirektor Roland Kluttig am Landestheater Coburg zu Ende - Zeit für einen Rück- und Ausblick inmitten der Corona-Krise.

Vor zehn Jahren haben Sie das Amt als GMD am Landestheater Coburg angetreten. Jetzt geht die Ära Kluttig unter den besonderen Vorzeichen der Corona-Krise zu Ende. Wie haben Sie die letzten Wochen mit Theater-Schließung, abgesagten Premieren und Konzerten erlebt?

Roland Kluttig: Zu Beginn habe ich den plötzlichen Stop aller Aktivitäten auch als Befreiung erlebt. Man bekam einen anderen Blickwinkel auf vieles, was zu unserem künstlerischen Dasein gehört, und ich habe mich schon auch gefragt, ob das alles immer notwendig ist - beispielsweise hektische Betriebsamkeit, um mehrere Gastspiele miteinander zu verbinden, der ganze "Klassikrummel" sozusagen. Seit einigen Wochen bestimmen aber mehr und mehr Unsicherheit und Unklarheit den Tag. Wann können wir wieder spielen, unter welchen Bedingungen. Da herrscht leider große Ahnungslosigkeit und Unentschiedenheit auf allen Seiten. Es sind wirklich schwierige Fragen, die anstehen und niemand hat ein Patentrezept, aber etwas mehr Mut wäre meiner Meinung nach nicht verkehrt.

Wunsch und Wirklichkeit: Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen sind Sie 2010 nach Coburg gekommen? Welche wurden erfüllt?

Ich habe das Philharmonische Orchester Coburg in einer Probe mit Musik aus der "Zauberflöte" und dem "Fliegenden Holländer" kennengelernt und sofort als ein freundliches, offenes und leistungsfähiges Orchester erlebt. Insofern gab es eine sehr positive Grundstimmung meinerseits und da die Chemie mit Bodo Busse stimmte und wir gleich zu Anfang vieles richtig gemacht haben - beispielsweise die Wahl der ersten gemeinsamen Musiktheaterproduktion mit Glucks "Iphigenie auf Tauris" - hat sich insgesamt am Theater eine sehr positive Dynamik entwickelt. Viele gute Personalentscheidungen im Laufe der Zeit - auf den Positionen des Chordirektors, der Kapellmeister, auf vielen Orchesterpositionen - haben schon bald Leistungen möglich gemacht, an die ich zu Anfang meiner Zeit nicht zu glauben wagte, beispielsweise "Pelleas und Melisande" einmal von Debussy und Jahre später auch noch einmal von Schönberg, die das Orchester mit einer staunenswerten klanglichen Präzision gespielt hat. Auch die Entwicklung von Konzertformen wie die von mir moderierte Samstagsreihe "Concertino" und vor allem die gemeinsam mit meiner Frau Carmen Schmidt und Sören Schrader aus Berlin entwickelten anspruchsvollen "COmpose" Projekte gipfelnd im letzten Projekt zu Richard Ayres "In the Alps" - einem auch für das Orchester aberwitzig virtuosem Stück - haben meine Vorstellungen weit übertroffen.

Welche Wünsche sind unerfüllt geblieben?

Was ich am meisten bedauere, ist, dass es mir in den Jahren mit Ausnahme der Gastspiele in Bad Kissingen und London nicht gelungen ist, das Orchester häufiger oder kontinuierlich in wirklich gut klingenden Sälen auftreten zu lassen. Die Ausgangsposition vor zehn Jahren war sicher schwierig, es wurden noch die Wunden geleckt nach der Abstimmung über das neue Innenstadtkonzept, und Forderungen nach einem großen Saal, der auch als Konzertsaal dient, waren mehr oder weniger obsolet. Ich bin froh, gemeinsam mit Bodo Busse und vielen Helfern aus der Stadt und vor allem der Hochschule Coburg mit zu dem Wettbewerb beigetragen zu haben, der jetzt hoffentlich bald in der Errichtung des Globe mündet. Ich wünsche dem Orchester und den Coburgern nichts sehnlicher, als dass dieser Ort ein würdiger Ort auch für Sinfoniekonzerte wird. Wer das Philharmonische Orchester Coburg in der Londoner Cadogan Hall gehört hat, weiß, zu welchen Leistungen das Orchester im entsprechenden akustischen Rahmen in der Lage ist.

Welches Konzert, welche Opern-Produktion ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich war vor meiner Coburger Zeit ein vehementer Gegner von Aufführungen der Wagner- oder Strauss-Opern an so kleinen Bühnen wie Coburg und muss gestehen, dass die Zeit in Coburg mich da radikal bekehrt hat: "Lohengrin" und "Parsifal" und auch "Salome" und der "Rosenkavalier" waren schon die Höhepunkte dieser Zeit, hinzu kommt als eine der besten Gesamtproduktionen Brittens "Peter Grimes", sowie viele Produktionen, bei denen ich insbesondere über die Arbeit des Orchesters besonders glücklich war, wie "Rusalka", "Das schlaue Füchslein" oder eben "Pelleas und Melisande". Dass ich den Ring nach dem erfolgreichen "Rheingold"-Debüt hier nicht fortsetzen kann, schmerzt schon besonders. Im Konzertbereich waren die genannten Gastspiele die eindeutigen Höhepunkte, neben den Bruckner- und Mahler-Sinfonien in der Morizkirche. Außerdem hatte ich ungemein viel Freude an der Zusammenarbeit mit Solisten wie Antje Weithaas oder Amihai Grosz und war immer wieder begeistert, wie inspiriert unser Orchester die Anregungen von Musikern wie Georg Kallweit, Daniel Sepec oder Sergei Malov in den Barockkonzerten aufgenommen und umgesetzt hat.

Welches Potenzial sehen Sie für die weitere Entwicklung des Philharmonischen Orchesters?

Ich sehe generell sehr großes Potenzial in diesem Orchester. Die Offenheit hatte ich schon zu Beginn beschrieben, es herrscht eine sehr gute Mischung der Generationen und sämtliche Musikerengagements der letzten Jahre haben einen enorm positiven Einfluss auf die weitere Entwicklung des Orchesters genommen. Das Wichtigste ist jetzt, dass das Globe auch als Konzertsaal funktioniert und als solcher eine Heimstätte des Orchesters wird. Allein die akustischen Verbesserungen durch den Umzug in einen anderen Probensaal haben schon enorm positive Spuren hinterlassen. Das Orchester hat sehr viele engagierte Mitglieder, die Öffnung des Orchesters in die Stadt und Region hinein muss noch mehr verstärkt werden und medial - also in Aufnahmen und Aktivitäten im Internet - steckt noch viel mehr Potenzial.

Wie wird die Corona-Krise mit Ihren noch längst nicht völlig absehbaren Auswirkungen das Kulturleben in der Region, aber auch generell verändern?

Ich habe eben das Potenzial der neuen Medien für die Musik und die Entwicklung von Musiktheater und Konzert erwähnt. Die Innovationen, aber auch die Redundanz der Darbietungen im Netz in den letzten Wochen hat das Potenzial, aber auch die Grenzen dieser Medien aufgezeigt. Die reale Begegnung der Hörer, der Fans und der ausführenden Künstler, das gemeinsame Erlebnis lässt sich durch kein mediales Äquivalent ersetzen - auch das hat diese Krise gezeigt. Eine große Herausforderung ist, dass unsere Theater eng gebaut sind, um besonders viel Publikum in die Säle zu bekommen. Nicht nur unter hygienischen Aspekten würde man sich da mehr Platz und Bequemlichkeit wünschen. Das widerspricht natürlich völlig der zu erhaltenden historischen Struktur und ist nur einer von vielen Konflikten, vor denen wir stehen. In den ersten Konzerten, die gerade wieder stattfinden, spürt man aber einen so großen Hunger der Besucher, auch insbesondere der älteren Generationen, dass ich die Angst vor dem Fernbleiben derselben nicht teile.

Was können klassische Kultureinrichtungen tun, um sich den veränderten Herausforderungen zu stellen?

Die Folgen der Corona-Krise haben die Herausforderungen, vor denen klassische Kultureinrichtungen stehen, quasi enorm beschleunigt. Dass wir uns zu oft um uns selbst drehen, einen Status quo behaupten, der eigentlich obsolet ist, wusste jeder aufmerksame Beobachter schon lange. Die vielen Aktivitäten, die es im Bereich Education, Vermittlung, aktiver Arbeit mit dem Publikum real und virtuell gibt, müssen noch viel mehr als integraler Bestandteil unserer Arbeit begriffen werden. Sie sind nicht das notwendige Extra oder gar Alibi, sondern sie müssen das Zentrum unserer Arbeit sein.

Wenn Sie als Dirigent zum Abschied einen Wunsch frei hätten: was würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir, dass der Bau des Globe gelingt, auch und vor allem akustisch und dass auch nach der gelungenen Renovierung des Theaters am Schloßplatz das Globe ein Ort wunderbarer Konzerte des Philharmonischen Orchesters bleibt und ich für ein Dirigat eines solchen Konzertes dann auch noch einmal zurückkommen kann. Als neugieriger Hörer werde ich in jedem Fall die Eröffnung des Globe wie auch die Wiedereröffnung des Theaters besuchen!

Im Mai letzten Jahres gastierte das Philharmonische Orchester zum Doppeljubiläum von Prinz Albert und Queen Victoria sehr erfolgreich in London. Damals wünschten Sie dem Orchester weitere überregionale Auftritte für die Zukunft. Könnten Sie sich ein Coburg-Gastspiel an Ihrer neuen Wirkungsstätte, der Grazer Oper, vorstellen?

Die Erfahrung zeigt, dass solche Unternehmungen sehr schwierig in Gang zu bringen sind und es immer sehr klug und engagiert handelnder Partner bedarf. Im Falle des London Gastspiels waren das vor allem die Royal Choral Society, Fritz Frömming, Bernhard Loges, Claudia Scheibe, sowie viele Vertreter der Stadt Coburg. Gastspiele in dem Sinne gibt es in der Grazer Oper nicht, aber wer weiß, vielleicht ergeben sich ja Möglichkeiten.

Was werden Sie nach Ihrem Abschied aus Coburg am meisten vermissen?

Sehr vieles: den Schloßplatz, die täglichen Spaziergänge im Hofgarten, die Liebenswürdigkeit der Coburger, alle Mitarbeiter des Landestheaters Coburg und nicht zuletzt mein fantastisches Philharmonisches Orchester. Die Fragen stellte Jochen Berger.

Aus dem Leben eines Dirigenten

Roland Kluttig wurde 1968 als Sohn des Dirigenten Christian Kluttig und Enkel des Kantors und Kirchenmusikdirektors Gottfried Kluttig in Radeberg geboren. Er studierte Klavier und Dirigieren an der Musikhochschule Dresden, war Dirigent des Kammerensembles Neue Musik Berlin und Kapellmeister und Assistent von Lothar Zagrosek an der Staatsoper Stuttgart. Im Herbst 2020 tritt er sein neues Amt als Chefdirigent der Grazer Oper und des Grazer Philharmonischen Orchesters an.

Als Gastdirigent stand Kluttig am Pult zahlreicher renommierter Orchester. Unter seiner Leitung entstanden zahlreiche CD-Aufnahmen und Rundfunk-Einspielungen.

Radio-Tipp

Montag, 13. Juli, 20.05 bis 21.30 Uhr - BR Klassik: "Farewell", Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Kora Pavelic (Sopran), Dirigent: Roland Kluttig