Das Gefühl, ein bisschen Geschichte mitgeschrieben zu haben, kennt Sue Neuhauser. Die Chief-Designerin von Faraday Future, dem Revolutions-Unternehmen für Elektro-Autos, lebt und arbeitet seit sieben Jahren in den USA und designet Fahrzeuge der Zukunft.

Frau Neuhauser, gleich vorneweg: Woher kommt Ihre Leidenschaft für Autos?
Sue Neuhauser: Meine Leidenschaft für Autos kommt von meinem Vater Werner Neuhauser, der bei Mercedes, BMW, Audi, aber auch bei Brose in Coburg erfolgreich war. Als kleines Mädchen konnte ich die Automarken an den Lichtern und Konturen erkennen. Schon damals hab' ich gesagt: "Ich will mal Autos machen."

Erzählen Sie uns doch, wie Sie zu Tesla gekommen sind und warum Sie zu Faraday Future gewechselt haben?
Tesla wollte ein internationales Design-Team aufbauen und ich war auf der Kandidatenliste. Ich entschied mich, die Herausforderung anzunehmen und wanderte nach Amerika aus. Ich arbeitete an Details für die letzten Roadster, an Model S und war Lead Designerin für CMF ( Color Material & Finish Design) für Model X betreffend Showcars und Produktionsautos. Außerdem war ich Teil der frühen Markenentwicklung.
Tesla ist ein sehr innovatives Unternehmen. Ich bin stolz, dass ich ein Teil der Geburt und des Erfolgs von Tesla bin. Flache Hierarchien mit schnellen Entscheidungswegen erlaubten mir, persönlich mit Franz von Holzhausen und Elon Musk zu arbeiten und zu präsentieren. Ich entschied mich nach 4,5 Jahren, Tesla zu verlassen, um eine Pause einzulegen.
Kurz darauf wurde ich von einer Ex-Kollegin kontaktiert, die mich Faraday Future vorstellen wollte. Mein Gedanke, bei FF als Chief Designerin für CMF (Color, Material, Finish) ein kreatives Team aufzubauen, noch einmal mit einem weißen Blatt anzufangen und meine gesammelte Erfahrung in das neue Team einzubringen, war der Grund, weshalb ich den Job annahm. Auch das Designteam bei FF ist super motiviert. Es möchte ein tolles Produkt entwickeln, was die Welt wieder ein Stückchen besser macht und das automobile Konzept und Design revolutioniert.

Wie muss man sich Ihre Arbeit als Chefdesignerin bei Faraday Future vorstellen?
Man hat täglich ständig wechselnde Herausforderungen. Ich habe ein Team von sechs CMF- Designern aufgebaut, delegierte und managte alle anstehenden Projekte betreffend CMF Design für Vorentwicklung, Konzept Studien, Showcar Design und Produktionsfahrzeuge als auch Trend & Innovation Research und Entwicklung.
Man entwickelt Design-Konzepte, neue Strategien, Zeitpläne für Projekte, neue Prozesse, die den täglichen Arbeitsablauf erleichtern. Man optimiert Kommunikationswege mit anderen Abteilungen und generiert und überblickt alle Aktivitäten, die anfallen.

Sie leben jetzt seit einigen Jahren in Los Angeles. Was bedeuten für Sie Heimatgefühle?
Natürlich vermisst man die Heimat und Freunde und Familie. Wenn man auswandert, ist man oft der Meinung, dass das Gras woanders grüner ist. Man lernt aber schnell, dass das Gras nur ein "anderes" Grün hat als das daheim. Seit ich in Kalifornien lebe, arbeite ich wesentlich mehr Stunden und unter viel mehr Stress und Verantwortung als in Deutschland. Man nimmt hier generell eine Woche bis zehn Tage Urlaub im Jahr. Dennoch bin ich hier sehr viel glücklicher.
Der Unterschied zu vielen deutschen und europäischen Unternehmen, in denen ich tätig war, ist, dass fast jeder hier seine Arbeit gerne macht, lächelt und gut drauf ist. Die "Beschwerde-Kultur" ist nicht so etabliert.

Wenn Sie an Ihre Zeit in Coburg zurückdenken, was fällt Ihnen da ganz spontan ein?
Coburg ist eine wundervolle kleine Stadt und ich bin froh, dass ich dort aufwachsen durfte. Man weiß, was man hatte, wenn man es aus einer anderen Perspektive sieht. Coburg hat großes Potenzial mit seiner erfolgreichen Industrie und der Hochschule. Es ist ein idealer Startpunkt für eine Karriere. Ich vermisse die schönen alten Gebäude - eine gute Bratwurst.

Und im Hinblick auf Ihr Studium an der Hochschule? Welchen Erfolgstipp würden Sie Studenten des integrativen Produktdesigns gerne mit auf den Weg geben?
Ich denke, am wichtigsten ist es, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Man muss Freude haben an dem, was macht. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man nicht zögern, sondern den Mut haben, sich zu verändern. Positives Denken und Teamarbeit sind sehr wichtig - viele guten Ideen werden in Teams geboren und nur ein gut funktionierendes Team, das sich gegenseitig mit Respekt behandelt, kann dies in die Realität umsetzten. Oft hat man als junger Designer einen starken Dickkopf und weiß alles besser. Das ist nicht sehr hilfreich. Es ist gut, wenn man mit Kritik und Hilfe gut umgehen kann und das eigene Ego zurücksteckt. Ich empfehle, Diplom-Shows in anderen Universitäten mit ähnlichen Studiengängen zu besuchen, um zu sehen, was die künftige Job-Konkurrenz zu bieten hat. Ich trage immer ein kleines Notebook mit mir, um Ideen, Kommentare von Freunden und interessante Fragen aufzuschreiben. Manchmal sitzt man auf einen Kaffee mit Freunden und diskutiert, was man verbessern könnte - neue Ideen entstehen meistens aus guten Diskussionen und Brainstorms über Dinge, die uns stören.

Was war Ihr bisher größter persönlicher Erfolg?
Tesla wird in die Geschichte eingehen, da Elon das Automobildesign revolutionierte und allen eingefahrenen Automobilherstellern Feuer unter dem Hintern machte, um endlich ihre elektrischen Design-Konzepte aus den Schubladen zu holen. Es brauchte einen starken Visionär wie Elon Musk, der mit Tesla die alte Automobilwelt auf den Kopf stellte und die etablierte Autoindustrie aus der gemütlichen Komfortzone herausscheuchte.
Model X Show- und Produktionsfahrzeuge waren meine größten Projekte bei Tesla als verantwortlicher leitender Senior CMF-Designer. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich Tesla-Fahrzeuge auf der Straße sehe, da sie ein Teil von mir sind. Ich bin sehr dankbar, dass ich in meinem Leben die Möglichkeit hatte, an etwas so großartigem und revolutionärem teilzuhaben. Ich bin ebenso sehr stolz, dass ich ein Rockstarteam von CMF-Designern bei FF aufbauen konnte und mit diesem Team erfolgreich für Faraday Future spannende und innovative Projekte wie FFZero1-Concept, FF91 als auch markenübergreifende Projekte, wie LeSEE und LeSee-Pro für LeEco entwerfen und umsetzen konnte. Nach einer verdienten Auszeit, die ich mir gerade nehme, freue ich mich schon auf meine nächste Herausforderung.

Wohin wird sich die Automobilindustrie entwickeln?
Das Automobildesign wird sich viel stärker an neue zukünftige Bedürfnisse der Verbraucher anpassen. Innovative, autonome-AI (Artifical Intelligence) Fahrzeug-Konzepte und neue Infrastrukturen sind der nächste Schritt. Technologien in diesem Bereich evolvieren täglich. Ein sehr großer Fokus wird auf dem ökologischen Design liegen und C2C Design (Cradle to Cradle) wird eine Notwendigkeit mit neuen Herausforderungen darstellen. Der automobile Nutzer und Kunde der Zukunft wird hinterfragen, wie und wo ein Fahrzeug hergestellt wird, welchen ökologischen Einfluss die Produktion und die Materialen darstellen und wie umweltfreundlich das Fahrzeug und der komplette Entwicklungs- und Herstellungsprozess sein wird.
Der ökologische "Footprint" einer Firma und eines Produktes als auch die Werte, für die eine Firma steht, werden die Nutzung und zukünftige Kaufkraft der Kunden sehr stark beeinflussen. Das Fahrzeug als ein diskreter Butler, der die Wünsche des Fahrgasts versteht und direkt und diskret reagieren wird.
Unterstützt durch transformierende Oberflächen und Materialien werden sich neue Technologien und Hightech optisch im Fahrzeug-Innenraum reduzieren und sich versteckt im Design ansiedeln. Eine exklusive Wohnraum-Atmosphäre, diskret mit High Tech vernetzt, kombiniert mit allen Möglichkeiten, ein entspanntes oder produktives Reisen zu erschaffen, wird an Wichtigkeit gewinnen, und kostbare Zeit kann effektiver genutzt werden.
Äußerlich wird sich das Fahrzeug der Zukunft an Infrastrukturen, Wetter und Klimabedingungen anpassen und verändern können. Intelligente Materialien werden eine kontinuierliche Verbindung zwischen Mensch und Maschine schaffen. Mit neuen AI-Konzepten wird das Fahrzeug täglich dazulernen und sich selbst verbessern, um sich ideal in unser Leben zu integrieren.

Fahren Sie selbst ein Elektroauto - und wenn ja welches?
Momentan fahre ich noch kein elektrisches Fahrzeug, habe aber ein Tesla Model 3 bestellt.

Die Fragen stellte
Christiane Lehmann.



Die Erfolgsgeschichte
Vita
Sue Neuhauser ist 1976 in München geboren, wuchs aber in Coburg auf. Stationen: Grundschule Weidach, Hauptschule Weidach, Abitur am Alexandrinum, Hochschule Coburg. Hier gehörte sie zum ersten Studiengang Integriertes Produktdesign. Studium an der Uni München Industriedesign mit Schwerpunkt Fahrzeugdesign. Ihre Praktika während des Studiums absolvierte sie bei Audi design. Seit 2011 lebt sie in den USA und war für Tesla und Faraday Future tätig.

Weitere Infos dazu:

Faraday Future

Tesla Motors