Mit 20 ist's eigentlich vorbei. Das Glück, jener kurze rauschartige Extremzustand, hat in der Jugend eine wichtige biologische Funktion: "Es lässt uns Abenteuer suchen, Situationen, die aufregend und herausfordernd sind - und im besten Fall lösbar. Dann gehen sie mit einem heftigen Glücksgefühl einher", erklärt Tobias Esch. Der Neurowissenschaftler erforscht das Glück als biochemischen Prozess, mit dem der Körper menschliches Verhalten beeinflusst.

Das "Glückshormon" Dopamin gehört zum Belohnungssystem. Es wird ausgeschüttet, wenn ein junger Mensch eine Herausforderung meistert. Doch das Gefühl hält nicht lange an. "Es ist wie ein Magnet, es zieht uns zu neuen Abenteuern, treibt uns an. Außerdem macht Dopamin das Hirn formbar." So passt sich der Mensch den Lebensumständen an. "Irgendwann sind wir optimal angepasst. Zuviel vom Abenteuerhormon Dopamin ist dann nicht gut, sonst kommt die fünfte Trennung, die sechste Beziehung geht auch gleich in die Brüche." Das hat die Natur so nicht vorgesehen. Die Dopamin-Ausschüttung nimmt ab dem 20. Lebensjahr deutlich ab. Mit Mitte 30 gibt's kaum noch Abenteuerglück. "Ganz verloren geht es aber nie. Wenn ältere Menschen zum Beispiel Jonglieren lernen, können sie auch mit 50 oder 60 noch Dopaminstöße haben."

Ab 60 steigt der Glückshormonpegel wieder

Das ist zum Glück nicht der einzige Trost, den der Professor für Integrative Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg für ältere Semester hat. Beim Wissenschaftstag der Metropolregion spricht er am Freitag im Panel "Vorsorgen und heilen" über den Zusammenhang von Glück und Gesundheit. "Das jugendliche Glück ist ziemlich überschätzt", sagt er. "Der Gegenpol ist das, was wir Lebenszufriedenheit nennen. Das kommt nicht so spektakulär um die Ecke, dafür ist es anhaltend: das Gefühl, Zusammenhänge zu sehen." Eine Art Altersweisheit, die um die 60 einsetzt. Esch nennt es die "Königsdisziplin" des Glücks. "Es geht nicht mehr darum, irgendwohin zu kommen. Nur darum, da zu sein. Darauf läuft - auch biologisch - alles hinaus."

Gesteuert wird auch diese angenehme Empfindung von Neurotransmittern. Die Botenstoffe ermöglichen die Kommunikation der grauen Zellen untereinander. Dopamin hat nun weniger Bedeutung, entscheidend sind Acetylcholin, endogene Opioide (eine Art körpereigenes Morphium) oder Oxytocin. "Dieses Hormon ist der Botenstoff der Verbundenheit." Er spielt z.B. bei der Bindung zwischen Mutter und Kind eine große Rolle, aber auch im Alter. "Wenn's um die Frage geht, was der Sinn des Ganzen ist. Wer jung ist, sieht den Sinn im Ich, im Sein an sich. Später geht's mehr um das Wir: Manch einer fühlt Verbundenheit in spirituellen Dingen, in Glaube, Natur. Auch die Verbindungen zur Familie, zu den Enkeln, ist besonders tragend."

Eine lange hormonelle Durststrecke

Viele finden aber keinen Sinn und kommen nicht aus der Übergangsphase heraus. Das ist eigentlich die "lange Durststrecke" von Mitte 30 bis Ende 50. "Die Phase, wo wir kaum wissen, wo oben und unten ist. Job machen, Geld verdienen, Kinder erziehen, irgendwie durchkommen." Im Hirn dominieren Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol. "Da geht's im Wesentlichen ums Überleben, das ist dann schon ein Glück." Und funktioniert nur, wenn auch mal abgeschalten wird. "Früher war das gesellschaftlich ritualisiert", sagt Esch. In der Mittagspause wurde Mittag gemacht, am Wochenende waren die Geschäfte zu, ein Nine-to-five-Job war normal und Arbeit und Freizeit klar getrennt. "Abends wurde gemeinsam gegessen, gebetet. All diese Dinge haben wir wegrationalisiert, weil sie vordergründig nicht produktiv sind." Wer sich nicht die Zeit nimmt, den Arbeitsspeicher zu leeren, kann die Informationen nicht mehr verarbeiten, nicht mehr zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden, nicht mehr schlafen. "Irgendwann kommt der Burnout."

Es gibt Methoden, um vorzubeugen. Esch sagt, die Fähigkeit, glücklich zu sein, sei etwa zur Hälfte von den Genen bestimmt. Nur zehn Prozent hängen von äußeren Umständen ab. Zu 40 Prozent können wir das Glücksempfinden beeinflussen. Die unten stehende "Anleitung zum Glücklichsein" fasst die wichtigsten Bewältigungs- und Schutzmechanismen vereinfacht zusammen.


Der Wissenschaftstag der Metropolregion

Ort Der siebte Wissenschaftstag der Europäischen Metropolregion Nürnberg findet heuer in Coburg statt und beginnt am Freitag um 13 Uhr in der Aula der Hochschule.

Motto Thema ist "Das Ganze im Blick", ab 15.15 diskutieren Experten in vier Fachpanels über "Ankommen und leben", "Vorsorgen und heilen", "Forschen und vernetzen", "Lehren und lernen". Das Eröffnungsplenum zwischen 13 Uhr und 14.30 Uhr wird als Livestream im Internet übertragen. Weitere Informationen unter www.wissenschaftstag.metropolregion.nuernberg.de.

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