Was erwarten die Bauern vom künftigen Landrat? Respekt, Verständnis, Lösungen, das Ausloten von Handlungsspielräumen und Gesprächsbereitschaft. Letzteres nicht nur einmal jährlich bei der politischen Schlachtschüssel. Solche Wünsche finden in der recht harmonischen Runde der Landratskandidaten einen gemeinsamen Nenner. Rede und Antwort stehen im Sportlerheim Ottowind die Bewerber um den Landratsposten Sebastian Straubel (CSU), Martin Stingl (SPD), Christian Gunsenheimer (Freie Wähler), Dagmar Escher (Grüne), Martin Truckenbrodt (ÖDP) und Michael Höpflinger (AfD). BBV-Kreisobmann Martin Flohrschütz hat wie schon bei der Podiumsdiskussion mit den Landtagskandidaten einen Fragenkatalog zur Hand mit all den Problemen, die den Bauern auf den Nägeln brennen. Bei dieser Veranstaltung stellten die Bauern des Landkreises Coburg am Dienstag die sechs Landratskandidaten auf den Prüfstand. Eingeladen hatte der BBV-Kreisverband nach Ottowind, wo ein neuer Schweinemaststall gebaut wird, übrigens einer von derzeit nur zwei in ganz Oberfranken.

Wie sich das Ziel Entbürokratisierung letztlich zulasten von Bauherren verkehrt, davon kann Axel Backert ein Lied singen. Er und Jan Schrijer, dessen Schweinezuchtbetrieb Backert übernommen hat, bauen derzeit diesen neuen Schweinemaststall für 1100 Tiere und investieren rund 650 000 Euro in den Außenklimastall. Die Genehmigungsverfahren, berichtet Backert, seien zwar in akzeptablem Zeitrahmen gelaufen, aber der Aufwand bei Gutachten und Gutachtern sei enorm gewesen - sowohl von der Zeit als auch von den Kosten her. Dazu sei während des Bauablaufs eine neue Anlagenverordnung gekommen, was zu viel Unsicherheit geführt habe. Ohnehin, erklärt Rüdiger Wintersperger als Schweinesachverständiger im AELF, würden die höheren Auflagen dazu führen, dass Landwirte vor allem in der Schweineproduktion sehr zurückhaltend investierten. Die Auflagen beträfen die Güllegruben und die Leitungen, was jeweils zu einer Kostensteigerung zwischen 35 und 50 Prozent führe. Harald Weber, Leitender Landwirtschaftsdirektor, setzt die Marke sogar bei bis zu 100 Prozent mehr Kosten. An solchen Verordnungen freilich kann ein Landrat nicht vorbei. Aber die gutachterlichen Aufgaben, meint Flohrschütz, könnten durchaus wieder beim Landratsamt angesiedelt werden. Schließlich, sagt der Kreisobmann, würden Bauherren eine Fachbetriebspflicht haben, heißt, dass nur dafür zertifizierte Betriebe auch solche Anlagen bauen dürfen. Wenn dann die Fachbehörde im Landratsamt die letzte Unterschrift leiste, würde der Schritt über Gutachter überflüssig werden. Hier könnten sich die gewünschten Ermessensspielräume einer Landkreisbehörde auftun.

Es geht um die Existenz

Martin Stingl sieht Landrat und Landratsamt als Dienstleister und plädiert dafür, diesen Sektor zur Entlastung der Bürger auszubauen. Straubel fragt in diesem Zusammenhang nach entsprechenden Qualifikationen und Kompetenzen im Landratsamt, um gutachterliche Aufgaben zu übernehmen und sieht hier eine Möglichkeit, Investitionen zu vereinfachen. Grundsätzlich kritisieren die Landwirte aber auch die hohen Auflagen, die in anderen Ländern nicht gelten und für die hiesigen Bauern den Wettbewerb auf den Weltmärkten ungleich schwerer machen, ja, bis hin zu Existenzaufgaben. Jedes vierte Ferkel in Deutschland, wirft Weber hier ein, werde ohnehin bereits importiert, und anderenorts gebe es bei weitem weniger Auflagen.

Diese berechtigten Klagen an die richtige Adresse zu bringen, meint Gunsenheimer, sei eine der Aufgaben eines Landrats, dem sicher die Regierungs- und Parlamentstüren offener stehen würden.

Die drohende Wolfsproblematik

Und schon liegt die nächste Gretchenfrage auf dem Tisch: Wie halten Sie's mit Biber, Wolf & Co.? Vorsichtigen Schätzungen zufolge, sagt Flohrschütz, gebe es rund 300 Biber im Landkreis, und das sei genug. Als Lautertaler sei er, sagt Straubel, "leidgeprüft". "Das muss Chefsache im Landratsamt werden", meint er und fordert, alles mit Maß und Ziel anzugehen. Christian Gunsenheimer kennt die Probleme, beispielsweise entlang des Tambach, auch, er fordert Regelwerke im Umgang mit dem Nager und will Interessen abwägen. "Wenn der Schutz der Biber gesellschaftliche Aufgabe ist, brauchen wir im Gegenzug eine 100-prozentige Entschädigung für betroffene Landwirte und Bürger."

In den ehrenamtlichen Biberbeauftragten sieht Martin Stingl den richtigen Weg. Ohne eine Obergrenze werde es nicht gehen. Dafür spricht sich auch Michael Höpflinger aus. Dagegen meint Dagmar Escher, dass sich die Biber in ihrer Population auch selbst regulieren würden und bei trockenen Sommern durchaus von Nutzen seien. Die ÖDP, versichert Martin Truckenbrodt, habe bei diesem Problem keine rosa Brille auf und sei ebenfalls dafür, die Anzahl der Tiere zu reduzieren. Was vielmehr auf den Landkreis zukomme, sei die "Wolfsproblematik". Darauf müsse man rechtzeitig vorbereitet sein und die Öffentlichkeit vorbereiten, fügt Escher an. Gunsenheimer fordert Risikobewertung und -analyse und eine sachliche Diskussion mit Fachleuten, ohne Angst und Schrecken zu verbreiten.

Vertrauensbruch bei der B 303

Wichtig ist den Landwirten aber auch und vor allem ein vertrauensvolles Verhältnis zu Landrat und Landratsamt. Christine Heyder spricht hier den Vertrauensbruch bei der B 303 an, die jetzt urplötzlich entgegen den vorherigen Aussagen auf 1,4 Kilometern zur Kraftfahrstraße gemacht worden sei, so dass sie nicht mit Traktoren befahren werden darf. Die Begleitwege seien in den Kurvenradien für große landwirtschaftliche Fahrzeuge schwer zu nutzen. Als Konsequenz formuliert Jürgen Angermüller es so: Man werde Land künftig nicht mehr so einfach zur Verfügung stellen.

Solche Fehler will natürlich keiner der Kandidaten machen, wie sie signalisieren. Auf gegenseitiges Vertrauen will jeder setzen, Sachverhalte prüfen und - wenn möglich und falls nötig - auch korrigieren.

Überbreite Landmaschinen während der Erntezeit auf den Straßen sind das nächste Thema der Podiumsdiskussion. Im Landkreis Coburg wird für das Umsetzen von Feld zu Feld ein Begleitfahrzeug gefordert, in benachbarten Landkreisen nicht. Das, meint Flohrschütz, sei wieder ein Beispiel für einen Ermessensspielraum eines Landrats. Er fordert ein einheitliches Vorgehen und Absprachen. Hier, meint Truckenbrodt, seien wohl die Zuständigkeit schlecht geregelt. Aber bei der Umsetzung des einfachsten Gebots der gegenseitigen Rücksichtnahme im Straßenverkehr wolle er das Problem auch nicht überbewerten. Für Stingl ist eine landkreisübergreifende Zusammenarbeit in der Lösungsfindung das A und O. Gunsenheimer stellt die Sinnhaftigkeit solcher Regelungen grundsätzlich infrage und will das geprüft wissen.

Flächenverbrauch und Ausgleichsflächen sind seit Jahren ein Dorn im Auge der Landwirtschaft. "Wir sind auf Grund und Boden angewiesen, und Ausgleichsflächen sind für uns nicht sinnvoll", erklärt Christine Heyder und fordert in den Ausweisungen solcher Flächen mehr Achtsamkeit. Photovoltaik gehört für Truckenbrodt grundsätzlich auf Dächer und nicht auf Ackerflächen, und dann bringt er mit einem Zungenschlag Zündstoff in die Debatte: das Volksbegehren "Rettet die Bienen". Dem es an Fachlichkeit fehle, kontert der Kreisobmann. Sein Vize Wolfgang Schultheiß mahnt vorsichtshalber zur Ruhe, und hat auch schon das kurze Luftknistern vom Tisch. Bei Ausgleichsflächen sehen Straubel, Stingl und Gunsenheimer durchaus Handlungsspielraum für Landrat und Landratsamt, und Gunsenheimer zudem Potenziale in der Innen- vor Außenentwicklung. Escher meint, Kompromisse und Lösungen fänden sich immer, und - darin sind sich wieder alle einig: Kommunikation ist alles. Im Gespräch bleiben mit den Landwirten, das versprechen schon mal alle, auch wenn nur einer Landrat wird.