Die Quastenflosser gehören zum Coburger Sambafestival wie Federschmuck und Caipirinha. Seit 20 Jahren ist die Schweizer "Guggenmusik" fester Programmbestandteil und für viele Besucher das musikalische Ereignis am Sambafestival schlechthin. Der musikalische Leiter der Truppe, Oskar Lützow, hatte seinerzeit nicht nur die Idee, die Quastenflosser zum Sambafestival zu bringen, er hat auch noch ganz andere Verbindungen nach Coburg. Welche das sind und wie überhaupt alles begann, erzählt er im Interview mit dem Tageblatt.

Tageblatt:Erkläre doch bitte mal einem Laien den Begriff "Guggenmusik".
Oskar Lützow: Nicht ganz einfach. Die Guggenmusik ist in der Schweiz - die Chronisten streiten sich drum - vor 60, 70, 80 Jahren entstanden. Sie wird hauptsächlich in der Fastnacht gespielte und setzt bewusst einen Kontrapunkt zum normalen Musikbetrieb. Sie soll und darf schräg sein. Früher waren das Leute, die eigentlich gar keine Instrumente spielen konnten, die sich nur während der Fastnacht zusammengetan haben und dann wirklich schräg Musik gemacht haben. Der Begriff Gugge ist im Schweizerdeutsch so ein bisschen geringschätzig das Wort für Blechinstrument.

Du bist aber kein Schweizer, oder?
Nein, ich bin gebürtiger Oberfranke, einer aus der Heimat. Ich lebe seit Oktober 1990 in der Schweiz und arbeite dort als Sonderschullehrer.

Wie beschreibst Du die Musik der "Quastis"?
In der Schweiz gibt es so circa 700 bis 800 Guggenmusiken. Inzwischen ist das ja auch in Deutschland verbreitet - je weiter man nach Norden kommt, desto weniger. Unsere Art, Guggenmusik zu machen, ist hier in der Schweizer Szene fast einmalig. Wir sind eigentlich eine Weltmusikgruppe. Wir spielen Songs aus Brasilien, wir haben was aus Afrika, vom Balkan, wir haben einen russischen Rocksong drin, wir haben was Japanisches - querbeet. Wir spielen nicht, wie die meisten Gruppen hier, die aktuellen Hitparaden rauf und runter oder diese Humtata-Musik. Oktoberfeststimmung... das machen wir nicht. Aber sonst: Breit aufgestellt, rund um die Welt. Wir haben Blechbläser, eine relativ starke Saxophon-Fraktion. Und dann Percussion. Im Moment sind wir 28 Frauen und Männer, kunterbunt gemixt. Der Jüngste ist 22, der Älteste ist 60.

Die Quastenflosser gibt es seit 30 Jahren...
Ja, genau. Die Gründung war im Ort Fischingen, im hintersten Zipfel des Kantons Thurgau. Im Mai 1987 war die Gründungsversammlung in einer Käserei, 1988 sind wir dann in die erste Saison gestartet.

Wie kam es denn zu diesem außergewöhnlichen Ort?
Der Ort Fischingen hatte damals so 1500 Einwohner und dort gab's ein Sonderschulheim - meine erste Arbeitsstelle. Die Leute von diesem Sonderschulheim wollten ein Projekt mit den Dorfbewohnern machen. Dann hat man gesagt, lasst uns doch zusammen Guggenmusik machen. Am Anfang waren viele aus dem Dorf und von der Sonderschule dabei, unter anderem auch der Käser vom Dorf. Deshalb hat man die Käserei als Gründungsort genommen. Heute haben wir nur noch einen einzigen aus Fischingen dabei.

Das bist aber nicht Du...
Nein, ich bin auch kein Gründungsmitglied. Ich bin ja erst 1990 gekommen, also im dritten Jahr. Heute sind noch zwei Gründungsmitglieder dabei. Die haben damals beide an dieser Sonderschule gearbeitet und danach komme schon ich. Als ich damals in die erste Probe kam - ich war fünf Tage in der Schweiz, hatte zwei Arbeitstage an meiner neuen Stelle hinter mir - da bin ich in den Bunker runter. Dort haben die geprobt. In der Schweiz ist ja viel verbunkert und das war der Maltherapieraum. Man muss sich vorstellen, ein Bunkerraum voll mit Farbkleksen und darin standen 20 Leute und haben Musik gemacht. Ich bin da rein und dachte: Was ist das denn?! Die haben irgendwie ein Stück angefangen, die haben irgendwie ein Stück aufgehört... das klang brutal schräg. Ich kam aus der Posaunenchor-Tradition in Deutschland! Dann war die Probe fertig - das war Ende Oktober - und die sagten: So! In zwei Wochen ist 11.11., da gehen wir raus in die Kneipen und spielen. Ich fand das geil! Die blanke musikalische Anarchie! Heute klingen wir anders als damals.

Nicht mehr so schräg?
Naja, schon auch immer wieder. Das gehört auch ein bisschen dazu. Wir sind jetzt kein Blasmusikverein.

Aber Ihr beherrscht alle Eure Instrumente.
(Lacht) Mehr oder weniger. Von den jetzt 28 machen zehn Leute regelmäßig Musik. Der Rest nur mit den Quastenflossern.

Man kennt Euch also in der Schweiz...
In der Region Thurgau, St. Gallen, Biel, bis Richtung Winterthur, ja. Die Schweiz ist ja dann doch groß. Was bei uns Quastenflossern auch speziell ist: Normal ist eine Guggenmusik - wie viele Dorfvereine in Deutschland auch - in den jeweiligen Ort eingebunden. Wir proben aber nicht mehr in Fischingen, sondern 60 Kilometer weiter weg. Manche fahren eine Stunde zur Probe. Wenn's die Quastenflosser nicht mehr gäbe, würden sie das gar nicht machen. Das hat mit der Stimmung in der Gruppe zu tun und mit der Musik, die wir machen. Einmal im Jahr zum Sambafest gehen, ist dann auch ein mega Hype für uns. Wobei wir es aber genauso wichtig finden, lokal in der Fastnacht zu spielen, da kommen wir her.

Wie seid Ihr denn zum Coburger Sambafestival gekommen?
Wir waren 1997 auf dem Bremer Karneval. Ich hatte in meiner Jugend zehn Jahre in Bremen gewohnt, und mitbekommen, da gibt es so etwas. Wir haben uns angemeldet, die haben uns genommen, wir sind hingefahren. Und die Quastenflosser... ich hab sie nicht mehr wiedererkannt. Die sind aufgeblüht in der Fremde. Wir sind in unseren Kostümen aus dem Flugzeug raus, weil wir einen Zeitplan hatten, der verlangte, dass wir vom Flughafen direkt ins Rathaus zum Bürgermeisterempfang fuhren, und wir waren andere Menschen. Das war echt toll! Dann hatte mich mein Bruder aus Berlin auf das Sambafestival in Coburg aufmerksam gemacht. Wir haben uns beworben. Ich habe ein bisschen auf die Tränendrüse gedrückt, weil ich Coburg seit meiner Kindheit kenne. Meine Großmutter hat dort ihren Lebensabend verbracht, oben im Pilgramsroth. Wir wurden eingeladen. Das war der Anfang der speziellen Liebe zu Coburg.

Hat Euch das Sambafestival in Eurer Musikausrichtung beeinflusst?
Wir haben 1996 schon angefangen, unsere Percussion umzustellen auf südamerikanisch. Dadurch, dass ich so ein Weltmusikmensch bin und wir noch zwei, drei andere haben, die so ticken, war das schon in den Anfängen und es hat gut reingepasst, diese Bühne zu nutzen. Aber so oder so sind wir sehr offen für Weltmusik.

Was macht für Euch den Reiz des Sambafestivals aus?
Das Familiäre, obwohl es so groß ist. Diese vielen persönlichen Kontakte. Man ist in einer eigenen Welt und hat viel Zeit zum Musikmachen, für Begegnungen, zum Beispiel mit den Veranstaltern, und um Caipis zu trinken.
Meine Freundin Astrid, die seit ein paar Jahren mitkommt, die sagt, wir kommen mit dem Bus an und man ist in einer anderen Welt. Freitagnachmittag um vier Uhr kommen wir an, Sonntagabend um neun fahren wir wieder, und dazwischen ist alles Bummm!
Das sind auch die persönlichen Kontakte, hoch bis zum alten Oberbürgermeister Kastner. Dadurch waren sehr viele spezielle Sachen möglich, Events oder dass wir seit Jahren in der Morizkirche gespielt haben. Das macht's schon auch besonders.

Seid Ihr dieses Jahr wieder in der Morizkirche?
Nein, wir sind jetzt das zweite oder dritte Mal in der Heilig-Kreuz-Kirche, weil die Morizkirche ja renoviert wurde.

Und jetzt wird auch die Heilig-Kreuz-Kirche renoviert.
Ja, das habe ich gehört, von Dekan Kleefeld. Aber zum Glück nur die Empore. Die konnten wir beim letzten Mal schon nicht mehr nutzen, wegen der Statik. Jetzt ist die Morizkirche wieder offen. Aber mit der Renovierung hat sich das ganze Veranstaltungsreglement geändert. Früher hat Peter Stenglein das Konzert unter seinen Fittichen organisiert. Jetzt kommen wir neu von außen als Veranstalter, müssen zahlen, Sicherheitspersonal stellen und alle Verantwortung auf uns nehmen. Weil wir kein Verein sind, muss ich das machen. Das habe ich mir bis jetzt nicht zugetraut. Aber jetzt schauen wir mal nächstes Jahr. In der Heilig-Kreuz-Kirche sind wir freundlich und warm aufgenommen worden. Es ist alles unkompliziert. Es ist akustisch ein bisschen besser. Die Morizkirche ist natürlich gigantisch. Das vermissen wir schon auch. Im Jahr 2000 waren wir, glaube ich, das erste Mal in der Morizkirche. Da waren 150 Leute da. Ein paar Jahre später war die Kirche voll mit 1000 Leuten.

Eure Kostüme sind immer etwas Besonderes. Macht Ihr jedes Jahr etwas Neues?
Alle zwei Jahre haben wir ein neues Motto. Dieses Jahr kommen wir noch mit den alten Kostümen - Wunderland Märchen. Dann ist es so, dass jeder sein Kostüm selber macht oder machen lässt. Deswegen kommen die Kostüme auch sehr individuell daher.

Ihr überlegt Euch also ein Motto und dann schaut jeder, wie er das umsetzt?
Ja, es gibt ein Motto und eine gewisse Stoffvorgabe, damit wir Gemeinsamkeiten haben und damit auch die Farben ein bisschen aufeinander abgestimmt sind. Was dann jeder für eine Figur daraus macht oder welche Ideen er hat, das bleibt jedem selbst überlassen. Man hat immer etwas zu gucken. Hier in der Schweiz haben viele Guggenmusiken Einheitskostüme. Da gibt's auch tolle Sachen, gigantisch aufgebaut, aber es wiederholt sich. Das hören wir immer wieder, hier in der Schweiz und in Coburg: Bei den Kostümen der Quastenflosser kannst du immer wieder Neues entdecken.

Allein Dein Kopfschmuck ist schon gigantisch!
Was hab ich denn auf dem Kopf? Ach ja, diese Keks-Ausstechformen. Ich bin König Keks (lacht). Den Hut habe ich selber gebastelt. Der Rest des Kostüms ist eine Zusammenarbeit meiner Astrid mit der Mutter meines Patenkindes. Die ist Handarbeitslehrerin. Da hab ich Glück, dass sie das auch beim sechsten Mal noch immer macht. Die hat eben diese kreativen Ideen und kann das umsetzen. Toll!

Ist in 20 Jahren Sambafest eigentlich schon mal ein Quastenflosser abtrünnig geworden und ganz in Coburg geblieben?
Najaaa, es gab da vielleicht das eine oder andere Techtelmechtel... (lacht) Aber so ganz in Coburg geblieben? Nein. Klar, einige Leute waren auch schon mal unter dem Jahr in Coburg und fanden es ganz beeindruckend, wie anders die Stadt plötzlich wirkt. Oder was auch toll ist, die Veranstalter, der Christoph, der Rolf und die Irene, laden im März immer zum Vorbereitungstreffen ein. Das finde ich eine ganz geniale Sache. Man lernt sich kennen, man schwätzt miteinander und dann sieht man sich am Sambafest wieder. Dann hat man schon einen Link und das gibt trotz der wahnsinnigen Größe eine familiäre Atmosphäre. Für mich ist Coburg inzwischen durch Samba meine zweite Heimat. Ich war in keiner Stadt in Deutschland so oft wie in Coburg. Aber das ist auch wirklich toll!
Für uns geht dieses Jahr ein längerer Traum in Erfüllung: Wir spielen am Freitagabend (14. Juli, 17.30 Uhr) ein erstes kleines Jubiläumskonzert im Innenhof von Schloss Callenberg. Das kostet keinen Eintritt. Das ist eigentlich ein Geschenk an meine Quastenflosser und an alle, die da sind.


Hier sind die "Quastis" zu hören und zu sehen

Freitag, 14. Juli

17.30 Uhr - Schloss Callenberg - Innenhof
19.30 Uhr - Wein Oertel
21.30 Uhr - Albertsplatz
23.30 Uhr - Hofgarten

Samstag, 15. Juli

11 Uhr - Heiligkreuzkirche
21.30 Uhr - Josias Biergarten
0.30 Uhr - Marktplatz

Sonntag, 16. Juli

14 Uhr - Samba-Umzug

"Und sonst irgendwo unerwartet"