Druckartikel: Coburg: Frühchen-Zentrum droht Schließung - Klinik sieht Patientensicherheit in Gefahr

Coburg: Frühchen-Zentrum droht Schließung - Klinik sieht Patientensicherheit in Gefahr


Autor: Isabel Schaffner

Coburg, Dienstag, 03. Mai 2022

Im Perinatalzentrum am Klinikum Coburg werden Mütter und ihre Babys bei Risikoschwangerschaften, Komplikationen und (drohenden) Frühgeburten versorgt. Doch wegen einer neuen Mindestmengenregelung für Behandlungen droht die Schließung des Zentrums.
Das Klinikum Coburg möchte, dass Eltern längere Fahrtzeiten zu ihren Frühchen erspart bleiben. Das könnte bei einem Wegfall des Perinatalzentrums drohen.


  • Klinikum Coburg bangt um sein Frühchen-Zentrum
  • Bundesausschuss hebt Mindestmenge von Behandlungen an
  • Klinikum sieht "erhebliche Auswirkung auf die Patientensicherheit"
  • "Das wäre schrecklich": Zweifache Frühchen-Mutter bestürzt

Das Perinatalzentrum am Klinikum Coburg ist auf die Behandlung von Müttern und ihren Kindern insbesondere bei Komplikationen, Risikoschwangerschaften und (drohenden) Fehlgeburten ausgerichtet. Susanne Trier hat hier gleich zwei Frühchen erfolgreich zur Welt gebracht und lobte im Gespräch mit inFranken.de die schnelle Versorgung und kurzen Wege innerhalb des Klinik-Gebäudes. Genau dieser Vorzug scheint jetzt in Gefahr zu sein.  

Frühchen-Zentrum des Klinikums Coburg vor dem Aus? "Bestandteil regionaler Identität"

Eine perinatale Behandlung betrifft den Zeitraum vor, während und kurz nach der Geburt. Vor der Geburt kann laut dem Klinikum beispielsweise eine Wehenhemmung durchgeführt werden, um eine bevorstehende Frühgeburt herauszuzögern. Sehr kleine Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1.250 Gramm könnten hier bestmöglich versorgt werden. Kinderärzte würden gemeinsam mit den Eltern abwägen, ob ein Kaiserschnitt oder eine natürliche Geburt für sehr leichte Kinder am besten ist. Außerdem habe das Zentrum verschiedene Möglichkeiten der geburtsmedizinischen Intensivüberwachung und biete mehrere Leistungen nach der Geburt, wie eine Elternwohnung in direkter Nähe zum Perinatalzentrum.

Video:




"Mit seiner Tradition und engen Einbindung in die Klinik ist es fester Bestandteil regionaler Identität und geschätzter Standortfaktor für junge Familien. Entbindungsstation, Operationssäle und Neugeborenen-Intensivstation sind eng miteinander vernetzt. Die beteiligten Fachdisziplinen, von Geburtshilfe über Anästhesie und Neonatologie arbeiten professionell verzahnt, rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr unter einem Dach zusammen", schreibt das Klinikum Coburg in einem öffentlichen Beitrag am 8. April 2022.

Mutter Susanne Trier erzählt, sie habe am eigenen Leib erfahren, wie wichtig es sei, in solch einer nervenaufreibenden Zeit, das eigene Frühchen leicht erreichen zu können. Nur ein paar Treppenstufen hätten sie von ihrem Zimmer bis zu der Frühchenstation getrennt.

Wegen höherer Mindestmenge: Klinikum Coburg fürchtet "Ausdünnung der Standorte"

Nun drohe aber eine schwerwiegende Veränderung, informiert das Klinikum. "Der Gemeinsame Bundesausschuss möchte die Mindestmenge an Behandlungen für die Versorgung im Sinne eines Level-1 Perinatalzentrums, deutlich anheben." Im Dezember 2020 veröffentlichte der Bundesausschuss den stufenweisen Plan zur Erhöhung: Für das Jahr 2022 muss ein Krankenhaus eine jährliche Mindestmenge von 14 Leistungen für Frühchen von unter 1250 Gramm vorweisen. 2023 wird die Zahl auf 20 erhöht. 2024 müssen dann 25 Leistungen vorgewiesen werden. 

Einer der Gründe für die Erhöhung sei eine "Verbesserung der Ergebnisqualität", die mit der Erfahrung des medizinischen Personals einherginge: "Die Versorgung von kleinen Früh- und Reifgeborenen stellt eine komplexe Team-Leistung dar, deren notwendige Voraussetzung die Qualifikation der pflegerischen und ärztlichen Mitarbeiter und auch die zahlenmäßige Erfahrung mit den seltenen, aber immer möglichen Komplikationen beinhalten muss." So sei die festgelegte Mindestmenge "für die erforderliche Erfahrung des Teams auch im Umgang mit Komplikationen im Interesse der Behandlungssicherheit" nötig.

Das Klinikum Coburg hält dagegen. "Anders als in Ballungsgebieten mit mehreren Maximalversorgern im Umkreis würde die Umsetzung der neuen Mindestmengenregelung zu einer Ausdünnung auf wenige Standorte mit erheblicher Auswirkung auf die Patientensicherheit durch deutlich schlechtere Erreichbarkeit im ländlichen Raum führen." Höhere Transportwege wären die Folge. Zudem sei "die Nähe zwischen Neugeborenem und der Familie für dessen weitere Entwicklung maßgeblich."

Klinikum Coburg hofft auf Ausnahmeregelung - "wäre schrecklich"

Der Gemeinsame Bundesausschuss dementiert die Kritik an den verlängerten Fahrtzeiten: Auf die Schwangeren und ihre Kinder kämen "keine wesentlichen zusätzlichen Risiken" durch die veränderten Fahrtzeiten zu. Der "Zugewinn an Qualität und Sicherheit" wiege schwerer und eine durchschnittliche Wegstrecke von 24 Kilometern zum nächstgelegenen Krankenhausstandort für die Nachsorgung sei zumutbar.

Susanne Trier hat eine eindeutige Antwort auf einen eventuellen Wegfall des Coburger Level-1-Zentrums: "Es wäre schrecklich, wenn ich kilometerweit von meinem Kind entfernt wäre. Es kann ja auch bei der Geburt was passieren." Das Klinikum Coburg mit seinen durchschnittlich 15 Fällen von unter 1250 Gramm hofft, dass das Perinatalzentrum erhalten bleiben kann und hat daher beim Bayerischen Gesundheitsministerium einen Antrag auf Ausnahmeregelung gestellt.