Das hat schon Tradition. Immer dann, wenn die italienische Fußball-Nationalmannschaft einen großen Titel gewinnt, flippt die stolze Fangemeinde der Squadra Azzura in der Bayerischen Puppenstadt aus. Auch in der Nacht von Sonntag auf Montag zog es nach dem Elfmeterkrimi von Wembley wieder mehrere Dutzend Italiener in die Innenstadt von Neustadt. Treffpunkt war Fabio's Eiscafé.

Die euphorisierten Anhänger waren nach dem Schlusspfiff des EM-Finales zu Fuß, mit dem Rad, dem Roller oder mit ihren Autos in den Steinweg gekommen, um gemeinsam diesen Triumph zu feiern. Schon nach dem entscheidenden Elfmeter gegen die Engländer gab es bei denen, die das Endspiel im Außenbereich des Cafés verfolgten, kein Halten mehr. Knapp 20 Italiener fielen sich in die Arme, sangen, tanzten und jubelten.

Mit Tränen in den Augen

"Campione, Campione, Campione - ole, ole, ole" - den EM-Sieg zelebrieren die Anhänger textsicher und lautstark. "Ich bin überglücklich und total stolz. Ich habe gar nicht mehr mit dem Ausgleich gerechnet", sagt Fabio Cannone. Der 35-Jährige hat Tränen in den Augen, seine Stimme überschlägt sich, bevor er sich wieder sammelt und von einer "taktischen Meisterleistung" spricht: "Roberto Manchini ist ein großer Trainer". Der Meistermacher hätte nach der Führung der Engländer alles richtig gemacht, gut gewechselt und die perfekten Elfmeterschützen eingeteilt.

Alle Pizzabäcker und Eisverkäufer kamen

Der 14-jährige Fabi meint: "Donnarumma hat unseren Kasten sauber gehalten". Der Gymnasiast war Sonntagnacht einer der jüngsten im blau-weiß-grünen Pulk. Nahezu alle Pizzabäcker und Eisverkäufer eilten zum Treffpunkt. In diesen Momenten herrscht Lebensfreude pur. Sogar einen Siegerpokal haben die mit Trikots und Fahnen bestens ausgestatteten Italiener dabei.

Ein wenig italienisches Flair bei Brose

Darunter sind auch zahlreiche Frauen. Und Guiseppina Wolf beweist besonderen Fußball-Sachverstand: "Wer Belgien und Spanien raushaut, hat es verdient. Auch wenn wir gegen die Spanier etwas Glück hatten", konstatiert die junge Frau, die sich fest vornimmt, mit Nationaltrikot und einem angemalten Backen am Montagvormittag im Büro aufzukreuzen, um so für ein wenig italienisches Flair bei Brose zu sorgen. Corona ist in diesen Momenten kein Thema, obwohl manch einer eine Maske trägt und so gut es geht auf Abstand achtet.

"Gastgeber" Fabio Pizzato, der fast alle EM-Spiele in seinem Café-Außenbereich auf einem großen Fernseher ausstrahlte, köpft hinterm Tresen eine Flasche nach der anderen und bietet kostenlos Sekt an. Gegen 0.30 Uhr erreicht die Stimmung im Steinweg schließlich ihren Höhepunkt, als sich fast alle Fans zu einem Gruppenfoto positionieren. Dabei singen sie, jubeln und lassen ihrer Freude einfach freien Lauf. Die Feierlichkeiten sind jederzeit freundschaftlich und friedlich - auch mehrere deutsche Fußballfans stimmen in die Gesänge der Tifosis ein.

Zu laut - Anwohner beschwerten sich

Für manch einen waren die Feierlichkeiten allerdings zu laut. Nachdem sich Anwohner bei der Polizei beschwerten, machten zwei Beamte dem bunten Treiben schließlich gegen 0.40 Uhr ein jähes Ende. Über die Art und Weise, wie sich die Polizisten dabei verhielten, ärgert sich Fabio Pizzato noch am Montag: "Keiner der beiden stellte sich bei uns vor oder fragte, wer hier der Chef ist. Erst griffen sie verbal meine Angestellten an und dann ziemlich frech auch mich. Der eine drohte mir sogar mit einer Anzeige und machte mit einer unverschämten Handbewegung unmissverständlich klar, dass die Feier jetzt sofort beendet werden muss".

Nach Überzeugung des Eisdielen-Besitzers, der durchaus Verständnis für die Anwohner hat und sich für die entstandenen Unannehmlichkeiten auch entschuldigt, hätten die Polizisten besser mit einer ruhigeren und besonneneren Art deeskalierend wirken sollen. "Schließlich bestand doch überhaupt kein Grund für so eine harte Vorgehensweise. Fast alle meine Gäste machten sich kurz danach ohnehin auf den Nachhauseweg. Viele mussten schließlich früh zur Arbeit".

Norbert Zipfel, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizei in Neustadt, sieht den Sachverhalt längst nicht so emotional wie der italienische Geschäftsmann und stellt sich demonstrativ vor seine Mitarbeiter: "Über die Art und Weise, wie Polizisten in einer solchen Situation handeln, gibt es oft verschiedene Ansichten. Für die einen ist es zu hart, andere finden es durchaus angemessen. Jedenfalls haben unsere Leute mit bestem Wissen und Gewissen gehandelt", erklärt der erfahrene Ordnungshüter auf Tageblatt-Nachfrage. Zipfel hat schon einige deutsch-italienische Nächte in Neustadt erlebt: "Da ging es oft sehr emotional zu". Ernsthaft passiert sei nie etwas, auch am Sonntag nicht.

Per Autokorso in die Vestestadt

Während sich die Reihen im Neustadter Steinweg also nach dem kurzen, aber strikten Polizeieinsatz zügig lichteten, war für einige italienische Fans immer noch nicht Schluss. Vom Marktplatz aus ging es per Autokorsos mit Hupen und Trompeten Richtung Coburg. Dort wurden die "Neustadter Italiener", die mit sieben voll besetzten Autos vorfuhren, nicht nur von einer Handvoll Landsleuten freudestrahlend empfangen, sondern auch von einem recht großen Polizei-Aufgebot. "Das war alles ganz easy, nur schade, dass auf dem Coburger Marktplatz nicht so viele italienische Fans waren. In Neustadt war deutlich mehr geboten", sagt Melanie Turturro. Gemeinsam wurden italienische Flaggen geschwungen und natürlich noch stolz die Nationalhymne gesungen.

"Die Coburger Polizisten waren echt nett und wirkten völlig entspannt. Sie hatten Verständnis für unsere Freude", sagt Turturro.