Trapsen hört man sie nicht, die Nachtigall. Aber ihre markante Stimme lässt sich im Raum Seßlach schon vernehmen. Beispielsweise am Altwasser der Rodach bei Heinersdorf. Dort wurde ein idyllisches Fleckchen Auenlandschaft erhalten, obwohl - oder gerade - weil es sich in Privatbesitz befindet, wie der Biologe Frank Reißenweber erklärt, wenn er in das jetzt noch gut zugängliche Gebiet führt.

Dass es solche der Natur überlassenen Inseln noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Nicht immer wurde dem Naturschutz die Bedeutung beigemessen, die er heute hat. In den 60er und bis Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden vielfach Flussläufe begradigt, tiefe Gräben gezogen, um Grundstücke zu entwässern oder Bäche in Ortslagen verrohrt. Ehe in den 80er Jahren ein Umdenken einsetzte, erwischte es auch Teile der Rodach. Zwischen Seßlach und seinem Stadtteil Heinersdorf wurde ihr ein neues Bett verpasst. Allerdings blieben die Altarme teilweise erhalten. Sie sind heute ein geschützter Landschaftsbestandteil und Lebensraum für viele selten gewordene Tier- und Pflanzenarten.


Alte Bäume

Mächtige Silberweiden stehen hier und dürfen auch stehen bleiben, bis sie eines Tages fallen und zum Lebensraum der Arten werden, die sich auf die Aufarbeitung organischer Materie spezialisiert haben. Wo Bäume schon vor Erreichen ihres natürlichen Falldatums gefällt wurden, hat einer nachgeholfen, der auch im geschützten Landschaftsbestandteil fällen darf: der Biber. "An der Rodach haben wir mit die ältesten Bibervorkommen im Landkreis. Er ist hier auch sehr aktiv", erklärt Frank Reißenweber, der am Landratsamt für den Arten- und Biotopschutz zuständig ist.

Der geschützte Teil umfasst etwa 1,5 Hektar. "Das ist im Grunde ein Relikt einer Weichholzaue", erklärt Reißenweber. Früher, als die Rodach sich hier noch winden konnte, wie sie es wollte, gab es ein größeres Gebiet dieser Art. Durch Flächen, die vom Amt für Wasserwirtschaft angekauft wurden, ist die Fläche, die sich wieder ungestört entwickeln darf, auf doppelte Größe des Schutzgebiets gewachsen. "Außerdem grenzen noch Wiesen an, die extensiv durch Rinderbeweidung bewirtschaftet werden", ergänzt Reißenweber.


Erlen sterben auch hier

Weiden, Pappeln und Erlen wachsen hier. Doch wie an vielen Orten im Landkreis haben gerade die Erlen ein Problem. Nicht wenige von ihnen sterben ab. Ein Pilz (Phytophthera) lässt ihre Wurzeln faulen. Einmal befallen sterben die meisten Bäume schon nach einigen Monaten ab. Dafür steht am Altwasser der Rodach gerade der Weißdorn in voller Blüte. Der Schneeball, der hier in seiner Wildform vorkommt, braucht noch ein wenig Zeit. Er wird wohl den Weißdorn in der Blüte ablösen. Traubenkirschen entdeckt Reißenweber im langsam dichter wuchernden Grün. Aber auch die Schwertlilie kommt vor, die ebenfalls noch auf ihre Blütezeit wartet. Von Amphibien, die mit einigen Frosch-, Molch- und Krötenarten vertreten sind, über einige Libellenarten bis zu Vögeln wie der Beutelmeise oder dem gerade spatzengroßen Kleinspecht finden viele Tiere hier einen Lebensraum.

Um noch etwas mehr Feuchtigkeit in dem Gebiet zwischen dem Altwasser und dem heutigen Bett der Rodach zu halten, legte der Landschaftspflegeverband schon in den 90er Jahren ein paar flache Mulden an. Die sind inzwischen verlandet. Dass sie sich regelmäßig mit Wasser füllen, kann die Rodach nicht garantieren.


Schwankende Pegel

Das Flüsschen kann launisch sein. Bei Heinersdorf rauschen im mittleren Wert des Abflusses 2,51 Kubikmeter Wasser pro Sekunde am Messpegel vorbei. Die Rodach kann aber auch ganz anders. Ihr niedrigster Durchfluss an dieser Stelle wurde mit gerade noch 168 Litern in der Sekunde gemessen. Der höchste je gemessene Abfluss bei Hochwasser steht mit mehr als 73 Kubikmetern in der Sekunde in den Statistiken der Wasserwirtschaft. Sich bei Hochwasser zu füllen, sollte daher der Zweck der Tümpel sein, den sie zurzeit nicht mehr erfüllen können. "Sie wieder etwas auszubaggern steht zumindest für heuer im Plan", sagt Frank Reißenweber, der auch Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Coburger Land ist. Für ihn gehört dieses kleine Gebiet rund um das Altwasser der Rodach bei Heinersdorf zu den wichtigen Inseln im Landkreis, auf denen sich die Artenvielfalt ungestört entwickeln kann.
Dass dies hier auch durch private Initiative des Eigentümers unterstützt wird, freut ihn besonders.