Der Hessenhof in Großwalbur besteht heuer seit 325 Jahren. Das genaue Datum ist nicht bekannt, auch nicht der Name des Familienmitglieds, das den Hof in Neuses 1695 von der Familie Eckstein erwarb. Der Stamm(baum) der Familie endet derzeit noch bei Valentin Heß im Jahr 1738. Neun Generationen sind ihm seitdem gefolgt, und Detlef Heß ist der derzeitige Inhaber und Betreiber des Hessenhofs.

Detlef Heß ehrt die Familientradition, kreiert innovativ und nicht selten gegen den Strom die Entwicklung seines Hofes und hat mit ehrgeizigen Plänen die Zukunft im Blick. Wenn er aus Wissen und Erfahrung heraus von etwas überzeugt ist, kämpft er. Heß engagiert sich für den Tierschutz, wendet sich gegen Spezialisierung in der Landwirtschaft und plädiert für regionale Produkte. Er hat das Käfigverbot bei Hühnern maßgeblich mit in die Wege geleitet. Trotzdem will er nicht in die Bio-Ecke gestellt werden. Dabei ist er ein Quereinsteiger und Querdenker, der mit Argumenten und Sachlichkeit zu überzeugen weiß. Er ging und geht neue Wege und eckt auch mal an.

Wo heute Neuses längst zu Coburg gewachsen ist, steht noch immer das Haus gegenüber der Kirche, an dem eine Steintafel an den einstigen landwirtschaftlichen Hof erinnert. 1968, als Detlef geboren wurde, gab es hier Tiere bis unters Dach: Rinder, Schweine, Pferde, Hühner, Enten, Gänse. 1978, nachdem Detlefs Eltern Joachim und Ute den Hof übernommen hatten, wurde die Milchviehhaltung aufgegeben und sich mehr auf die Schweinehaltung konzentriert. Weiter expandieren war an diesem Standort nicht möglich. So entschied sich die Familie Heß 1980 für eine Aussiedlung vom Ursprungssitz Neuses in den Coburger Ortsteil Bertelsdorf. Mit diesem Schritt spezialisierte sich der Betrieb zugleich auf Ackerbau (circa 100 Hektar) und Schweinemast (650 Mastplätze).1986 wurde die Schweinemast auf 900 Mastplätze erweitert und der Ackerbau auf etwa 125 Hektar. Die drei Söhne Nicol, Detlef und Sebastian erlernten nach der Schulausbildung außerlandwirtschaftliche Berufe. Nach und nach kehrten alle drei in die Landwirtschaft zurück. Der Älteste, Nicol, führte bis 2012 einen eigenen Milchviehbetrieb mit Pferdehaltung in Thüringen, der Jüngste, Sebastian, hat auf dem Betriebssitz in Bertelsdorf einen Gaststättenbetrieb. Der Mittlere, Detlef, der als technischer Zeichner und CAD-Zeichner bei Kaeser gelernt hatte, entschied sich ebenfalls noch einmal für eine Ausbildung: Er wollte Landwirt werden.

Eine zweite Umsiedlung wurde 1998 erforderlich, als Coburg-Nord entstand und immer näher an den Hof rückte. Detlef, der 1993 den Hof übernahm, sah sich dort in einer Sackgasse. Mit Unterstützung der Stadt Coburg, das betont Detlef Heß, habe man den Standort in Großwalbur - übrigens aus dem Land der Familie Heß - geplant und umgesetzt. Eine Chance! In diesen Zeiten, erzählt der Landwirt, sei Spezialisierung großgeschrieben worden. "Es ging darum, Lebensmittel in großen Mengen und billig zu produzieren. Und das war nicht mein Ding." Detlef Heß entschied sich - gegen den Strom und gegen den allgemeinen Rat - für die Diversifizierung und machte aus der ursprünglichen Schweinemast, die 2016 endete, fünf neue Betriebszweige: Hühner, Angusrinder, Schafe, Ziegen, Biogas. Nicht umsonst heißt der Hessenhof "landwirtschaftlicher Tierhaltungs- und Landschaftspflegebetrieb".

Mit eingestiegen ist heuer Detlefs Sohn Jannik, der in diesem Jahr seine Ausbildung zum Landwirt mit Bravour abgeschlossen hat. Dazu beschäftigt der Hessenhof zehn Mitarbeiter und ist somit ein in der familienorientiert betriebenen Landwirtschaft großer Arbeitgeber.

Wie der Prophet im eigenen Land nicht viel gilt, so sieht sich auch Detlef Heß in den landwirtschaftlichen Behördenstrukturen in Bayern. Seit 21 Jahren arbeitet er bei der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft im Ausschuss für ländliche Entwicklung mit und hält Vorträge über seine Art, Landwirtschaft modern und zugleich rentabel zu gestalten. Hat er mit zwei Märkten in Coburg als Abnehmer begonnen, ist er längst überregional in den Lebensmittelmarkt eingestiegen und kooperiert mittlerweile auch mit der Spreenhagener SVB unter dem Dach des Unternehmens Deutsches Frühstücksei, deutschlandweit größtes Eiervermarktungsunternehmen.

Dem Motto Freiland ist und bleibt Heß treu, aber er sagt auch, dass Lebensmittelproduktion nur in Symbiose von Qualität und Rentabilität bestehen könne. In den vergangenen 20 Jahren hat der Hessenhof ein Wachstum von 300 Prozent hingelegt, während die bayerische Landwirtschaft, so Heß, geschrumpft sei. Mit der hiesigen Agrarpolitik ist Detlef Heß nicht im Reinen. Auch deshalb hat er seine Fühler in die Welt ausgestreckt und in Guinea in Westafrika interessierte und aufgeschlossene Partner gefunden. Nach Art des Hessenhofes könne er sich vorstellen, dort einen Geflügelhof aufzubauen, sagt er. "Die ersten Schritte sind getan."