Es ist sogar im Internet-Lexikon Wikipedia so nachzulesen: "Der Coburger Taler oder Kusstaler ist eine Münze im Wert eines Talers aus dem Jahr 1599 aus Coburg, die Herzog Johann Casmir von Sachsen-Coburg anlässlich seiner zweiten Eheschließung prägen ließ." Doch bewiesen ist das nicht, sagt Walter Grasser, Numismatiker und sehr mit der Coburger Geschichte vertraut. Er hält den "Kusstaler" für eine religiöse Spottmedaille.

Die These vom "Coburger Kusstaler" lässt sich immerhin halbwegs mit der Geschichte in Einklang bringen: Johann Casimir von Sachsen-Coburg (1564-1633) heiratete 1586 Anna, die Tochter des Kurfürsten August von Sachsen, der auch Johann Casimirs Vormund war. Die Beziehung der Eheleute muss zumindest am Anfang gut gelaufen sein - das belegen neuere Forschungen des Coburger Historikers Christian Boseckert.
"Es war zwar eine gestiftete Ehe, aber es war schon so, dass sich beide gemocht haben."

Doch die Beziehung blieb nicht glücklich: Beide begingen Ehebruch, aber während das bei einem Herzog stillschweigend geduldet wurde, konnte er seine Frau deshalb belangen. Anna konnte Ehebruch mit Ulrich von Lichtenstein nachgewiesen werden. 1593 ließ Johann Casimir sich scheiden und heiratete 1599 Margarethe von Braunschweig-Lüneburg. Diese Hochzeit soll der Anlass gewesen sein, den Kusstaler zu prägen. Anna lebte seit 1593 in Johann Casimirs Gefangenschaft - erst in Eisenach, dann im Kloster Sonnefeld und schließlich, ab 1603 bis zu ihrem Tod, auf der Veste Coburg. Vieles davon ist so schon in der Johann-Casimir-Biografie von Johann Gerhard Gruner von 1787 nachzulesen.

Bei seiner zweiten Hochzeit 1599 soll der Herzog den Kusstaler prägen haben lassen. Bewiesen ist das nicht. Ernst Tenzel (1659-1707) behauptet das zwar in seinem numismatischen Gesamtwerk über die sächsischen Münzen und Medaillen. Aber das erschien über 100 Jahre nach der fraglichen Hochzeit, und frühere Belege für diese Behauptung gibt es nicht. Schon der Numismatiker Johann David Köhler äußert 1744 Zweifel: "... wiewohl es sich doch auch fast nicht zu vermuthen stehet, dass der Herzog selbst mit seinem so empfindlichen Unglücksfall sollte Scherz getrieben haben ...". Diese Zweifel greift die Kunsthistorikerin Franziska Bachner auf, die 2014 die Ausstellung über Herzog Casimir auf der Veste gestaltet hat: Köhler spreche den "tieferen Sinn dieser unbehaglichen ,Kusstaler‘-Deutung an. Denn mit ihr äußert sich nicht nur ewige Rache, sondern auch böse Gehässigkeit."


Rechtsfähigkeit verloren

Walter Grasser hält den Kusstaler für eine zeitgenössische religiöse Protestmedaille gegen den Eheverzicht katholischer Nonnen. "Sie wurde dem Coburger Herzog offensichtlich erst später zugeordnet", nämlich 1705 durch Tetzel.

In der Tat gibt es keinen Beweis dafür, dass Herzog Johann Casimir etwas mit der Münze zu tun hat, sagt auch Christian Boseckert: "Es gibt keine Archivalie, die den Kusstaler mit Casimir in Verbindung bringt, keinen Auftrag oder sonst etwas. Die Münze selbst ist völlig anonym, ohne Prägeort und -jahr." 1599 habe es in Coburg auch noch keine Münzstätte gegeben. Die sei erst ein Jahr später in der Ehrenburg eingeweiht worden.

Walter Grasser führt ins Feld, dass es eine Reihe guter Münzen und Medaillen von Johann Casimir gebe, unter anderem Schützenmedaillen. Aber religiöse oder erotische Medaillen seien von ihm nicht überliefert. Im Verspotten der anderen Konfession per Münze waren Katholiken und Protestanten Grasser zufolge nicht zimperlich. Auch erotische Münzen gab es, bekannt als "Cosel-Dukaten", da sie auf die Gräfin Cosel Bezug nahmen.

"Der Kusstaler lässt sich nicht in das Leben von Herzog Casimir einordnen", ist Grasser überzeugt. Richtig sei, dass der Herzog seine erste Frau ins Kloster gesteckt habe, "damit sie - wie alle Nonnen damals - völlig rechtlos war. Sie verlor mit dem Eintritt in das Kloster ihre Rechtsfähigkeit. Diese Praxis war für die damalige Zeit üblich. Es war auch Brauch politische männliche Gegner mittels dieser Aktion regelrecht auszuschalten." Auch habe die auf der Münze abgebildete männliche Gestalt keinerlei Ähnlichkeit mit anderen Bildern von Herzog Johann Casimir.

Im Ehescheidungsprozess verlor Anna sowohl ihr Wittum (also alle Versorgungsansprüche für den Fall, dass sie den Herzog überlebte) als auch ihre Mitgift. Darin vermutet Christian Boseckert den wahren Grund dafür, dass die geschiedene Ehefrau zeitlebens von ihrem Ex-Gemahl in Haft gehalten wurde. Die kursächsische Familie in Dresden forderte nämlich Anna samt der Mitgift zurück. Noch zehn Jahre nach der Scheidung habe es darüber Verhandlungen gegeben, sagt Boseckert. Weil angeblich ihre Befreiung aus Sonnefeld geplant wurde, sei Anna schließlich auf die Veste gebracht worden.