Woher stammen die altdeutschen Gemälde der Sammlung Schäfer auf der Coburger Veste? Diese Frage wollen die Kunstsammlungen nun wissenschaftlich gründlich klären lassen. Ein Forschungsprojekt mit zwei Wissenschaftlern soll Aufklärung bringen. Nachdem der Coburger Stadtrat dem Vorhaben inzwischen zugestimmt hat, ist nun nach langwieriger Vorbereitung auch der Antrag bei der in Berlin ansässigen Arbeitsstelle für Proveni enzrecherche offiziell gestellt. Welche Bedeutung das Thema Provenienzforschung für die Coburger Sammlungen, aber auch für andere Museen besitzt, erklärt Klaus Weschenfelder, Direktor der Kunstsammlungen.

Vom Entschluss, die genaue Herkunft der Gemälde der Sammlung Schäfer untersuchen zu lassen bis zur Erteilung eines Forschungsauftrags - wie weit war der Weg?
Es hat allein ein halbes Jahr gedauert, bis ich eine feste Verabredung treffen konnte mit zwei Wissenschaftlern, die sich diesem Thema
widmen. Provenienzforscher stehen nicht einfach so an der Straße. Bei diesem Thema hat Deutschland sicher viel Zeit verstreichen lassen - das stimmt. Aber das Thema Provenienz ist letztlich auch nur gesamtgesellschaftlich zu erforschen.

Was war der Auslöser, jetzt mit einem Forschungsauftrag wissenschaftlich fundiert die Herkunft der Coburger Gemälde der Sammlung Schäfer zu erkunden?
Schon beim Kauf der Gemälde war uns bekannt, dass Ernst Buchner, der seinerzeit Schäfer beim Aufbau der Sammlung beraten hat, in den 30er Jahren in Arisierungsprozesse verwickelt war, auch wenn man ihm im Fall der Sammlung Schäfer nicht von vornherein etwas unterstellen kann. Vor dem Kauf habe ich deshalb die damals verfügbaren Datenbanken abgefragt. Keines der zum Verkauf stehenden Bilder war irgendwo als gestohlen oder gewaltsam entzogen registriert. Als dann die Fördermittel der Arbeitsstelle für Provenienzforschung von jährlich einer auf aktuell zwei Millionen Euro aufgestockt wurden, war das nochmals ein Motivationsschub, dieses Thema anzugehen.

Wie hat sich der Umgang mit diesem Thema verändert seit dem Kauf der Gemälde aus der Sammlung Schäfer 2002?
Ausgelöst durch die Washingtoner Erklärung zur Restitution hat sich der Umgang schon sehr verändert. Datenbanken sind aufgestellt worden, Archivalien wurden erschlossen, annotierte Kataloge sind aufgetaucht - da löst das eine das andere aus. Die Kenntnis in dem gesamten Themenbereich ist deutlich gewachsen, das für die Provenienzforschung benötigte Instrumentarium ist verfeinert worden.

Wie sehen Sie die Situation gegenwärtig?
Die öffentliche Diskussion zu diesem Thema hat zu der paradoxen Situation geführt, dass gerade die Museen, die sich bemühen, die meiste Prügel abbekommen. Vermutlich hat das damit zu tun, dass Kunstobjekte beim Thema Enteignung besonders beachtet werden, weil ehemalige Eigentümer oft einen sehr emotionalen Bezug zu diesen Kunstwerken hatten.

Was hat der Fall Gurlitt bei diesem Thema bewirkt?
Das Beispiel Gurlitt zeigt, wie emotional dieses Thema aufgeladen ist, wie hoch die Wogen schlagen. In der öffentlichen Diskussion wird leider die Komplexität des Themas vernachlässigt. Und die Polemik, die damit oft verbunden ist, scheint die Tendenz zu haben, immer schärfer zu werden. Das, was unter dem Begriff Raubkunst verstanden wird, hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert. Das Washingtoner Abkommen ist allerdings eine freiwillige Vereinbarung, die zudem nur für staatliche Museen gilt, nicht für private Sammler.

Im Zuge der Washingtoner Erklärung sind staatliche Museen in der Pflicht beim Thema Restitution von Kunstwerken. Für Privatpersonen wie die Familie Schäfer ist die Erklärung aber nicht bindend. Was müsste passieren, sollte sich herausstellen, dass es sich bei einem der Gemälde auf der Veste um "entzogenes Kulturgut" handelt?
Ich habe jetzt zunächst einmal die Familie Schäfer darüber unterrichtet, dass wir dieses Forschungsprojekt in Angriff nehmen. Sollten sich bei einem Gemälde konkrete Ansatzpunkte ergeben, dann müssten sich alle beteiligten Parteien an einen Tisch setzen und nach einer Lösung suchen. Die Komplexität zwingt alle dazu, sich in einem solchen Fall gemeinsam zu überlegen, was zu machen ist. Grundsätzlich gibt es natürlich verschiedene Varianten - angefangen bei Entschädigungszahlungen. Theoretisch denkbar wäre zum Beispiel auch eine Rückübereignung, bei der das Werk anschließend als Dauerleihgabe auf der Veste bliebe. Für uns ist entscheidend, dass wir Bilder zeigen können, nicht, dass wir Eigentümer sind.

Welchen Zeitrahmen hat das Vorhaben?
Wir rechnen damit, dass es ein Jahr dauert.

Wie sieht es unter dem Aspekt Pro venienzforschung für weitere Sammlungsbereiche aus?
Für gründliche Provenienzforschung fehlt uns im laufenden Museumsbetrieb die Zeit. Wir als Museumsleute können Provenienzforschung nicht in dem Umfang leisten, wie es Provenienzforscher können. Aber wenn man bei einem Werk einen Verdacht haben sollte, etwa im Zuge der Vorbereitungen für eine Ausstellung, wird man natürlich anfangen zu forschen.

Was bedeutet das für die Bestände des Kupferstichkabinetts?
Beim Thema Grafik ist Provenienzforschung sehr schwierig und oft wenig ergiebig, da grafische Blätter meist keine detailliert belegbare Herkunft haben. Bei wertvollen Zeichnungen ist das etwas anders. Wie viele Blätter in den Beständen der Kunstsammlungen in Frage kommen, kann ich gar nicht genau sagen. Wenn man einfach den Zeitraum von 1933 bis nach dem Krieg nimmt, dürften einige Hundert Blätter theoretisch in Frage kommen.

Das Gespräch führte
Jochen Berger.