Als wüssten sie, worum es geht, stehen Rumex der Ampfer und Cirsium die Distel auf einem kleinen Acker gleich hinter Weickenbach. Dürr und welk lassen sie die Köpfe hängen. Um sie herum stehen Leute, die sie hier nicht haben wollen und anderswo auch nicht, Landwirte eben, denen sie im Weg sind. Ärger gibt es vor allem, weil die Agrarbürokratie noch besser gedeiht, als Ampfer und Distel zusammen.

Für Wolfgang Müller schien es eine gute Lösung, mit seinem kleinen Feldstück von rund 60 Ar Geld zu verdienen. Ackern, eggen und dann fünf Jahre keinen Finger mehr rühren, aber Einnahmen erzielen aus dem Vertragsnaturschutz. "Ich stehe ja dem ökologischen Gedanken im Grunde aufgeschlossen gegenüber", sagt er. Brache mit Selbstbegrünung, nennt sich das Ziel. Und genau das passierte. Die Fläche begrünte sich selbst, wie viele andere, die in dieses Programm aufgenommen wurden.
Zwei Jahre ging es ganz gut. Dann kam der vergangene strenge Winter, ein trockener Frühsommer dazu, und fertig waren die Idealbedingungen für die Distel. Sie bedeckte die Fläche als wäre sie angebaut worden. Ampfer und Quecke kam mit auf, sonst kaum etwas.

Was Wolfgang Müller schon nicht gefällt, weil er weiß, dass er nach der Brache, die dem Naturschutz dienen sollte, zur ganz großen chemischen Keule wird greifen müssen, um den Acker wieder ordentlich bewirtschaften zu können. Das ärgert Helmut Mai erst recht. Er bewirtschaftet den Acker neben Müllers Fläche. "Die Distelsamen verbreiten sich gut über die Luft", weiß er und muss schon jetzt massiv mit Agrarchemie gegen die unerwünschten Pflanzen vorgehen. Abgesehen von den Kosten dafür verbucht er Ertragsrückgänge bei der Ernte.
Wolfgang Müller würde Mai gern helfen. Dazu müsste er nur im kommenden Frühsommer, wenn die Disteln blühen, die Fläche mulchen. Tut er das, muss er das Geld zurückzahlen, das er aus dem Programm bekommen hat. Tut er es nicht, werden die Disteln noch zwei weitere Jahre ihre Samen auf die umliegenden Nutzflächen verteilen.

Weil das Problem an vielen Stellen in der Region auftaucht, und weil es bedingt durch die Witterung extrem geworden ist, fordert der Bauernverband Abhilfe. Kreisobmann Gerhard Ehrlich: "Es kann doch nicht im Sinne des Naturschutzes sein, wenn der Nachbar von solchen Flächen dann um so mehr spritzen muss." Und es geht ihm auch um den Frieden unter den Nachbarn in der Bewirtschaftung, denn "wir wollen nicht, dass die Bauern deswegen aneinandergeraten".

Das hat man an verantwortlicher Stelle wohl eingesehen. Wenn die Programme 2014 neu aufgelegt werden, soll es mehr Flexibilität geben, um auf solche Extreme zu reagieren, wie sie jetzt auf etlichen der rund 800 Hektar Brachflächen im Landkreis Coburg auftreten. Das nützt Mai und Müller wenig. Im Programm "Brachlegung auf Acker mit Selbstbegrünung" dürfte sich Müller allerhöchstens genehmigen lassen, 20 Prozent der Fläche abzuschlegeln. "Das nützt gar nichts", stellt Gerhard Ehrlich klar.

Die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt sieht das Problem und ihr Vertreter Hartmut Puff stellt sich auf die Seite der Landwirte: "Ich gebe gern weiter, dass es hier Probleme gibt und gefordert ist, die Flächen vor Ende des Programms zu mulchen." Versprechen kann er aber nicht, dass eine entsprechende Genehmigung erteilt wird. Dabei sieht auch Landwirtschaftsdirektor Rudolf Schilling vom Amt für Landwirtschaft hier "Höhere Gewalt" gegeben, die durchaus rechtfertigen sollte, ein Vorgehen gegen Distel und Ampfer zu erlauben, ohne den Vertrag für den Landwirt rückgängig zu machen. Die extreme Witterung, die zur Explosion der Distelbestände führte, konnte schließlich keiner der Betroffenen beeinflussen.

Wie auch immer das Ringen um Abhilfe ausgeht. Wenn Wolfgang Müller seinen Acker am Ende wieder als Anbaufläche nutzen will, muss er loswerden, was im Lauf der fünf Jahre im Vertragsnaturschutz dort gewachsen ist. "Er muss alles unterpflügen und wird um einen massiven Einsatz von Spritzmitteln nicht herumkommen. Dann wird es wohl sinnvoll sein, als erstes Mais anzubauen", erklärt Hans Rebelein, Geschäftsführer des Bauernverbands in Coburg. Ob er sich erneut auf eines der Programme zur Stilllegung seiner Flächen einlässt, wird sich Wolfgang Müller dann wohl gut überlegen.