Am Ende liegen sie alle hingemeuchelt vor der Felswand der Luisenburg, und auch Hamlet ist nach vielen Leiden gefallen. Warum fasziniert die Figur, die mittelbar oder unmittelbar schuld ist am Tod von fünf Menschen, vier Jahrhunderte nach der Premiere von Shakespeares Rachedrama immer noch?, fragt das Programmheft. Nach dieser Inszenierung wissen wir es auch nicht so recht.

Naturgemäß kann und soll man vom fürs große Publikum konzipierten Freilicht-Theater nicht Bühnen-Avantgarde erwarten. Wenn es gelingt, sieht man eine süffige Aufführung mit schönen Kostümen, dem schlüssigen Umgang mit dem Ambiente, Darstellern, die den großen Räumen gewachsen sind. Dies alles hat Regisseur Christian Nickel, selber erfahrener Schauspieler, nur teilweise erreicht. Sein "Hamlet" bleibt seltsam unentschlossen, schwankt zwischen Tradition (das Stück war auf der Luisenburg mehrmals zu sehen, zuletzt 1988) und Moderne.


Dabei ist fürs Auge einiges geboten, vor allem mit fortschreitender Spieldauer, wenn der Hang in leichenhaft-fahles Zwielicht getaucht ist, wenn mit dem Erscheinen des Geists die Nebel wallen, wenn die Schauspieltruppe auf halber Höhe ihren blutroten Vorhang aufzieht, wenn, und dies ist wirklich ein Kabinettstück, sich zum Schluss Hamlet und Laertes ein filmreif und professionell choreographiertes Degenduell liefern. Nickel hatte klugerweise die Wieland-Übersetzung gewählt, die rauer und realistischer ist als die von Schlegel, den Text gekürzt und Szenen durchaus schlüssig umgruppiert.

Peter N. Schultze flankiert die Felsenbühne mit Blechwänden, auf die im Lauf der Handlung die in den Alltagswortschatz übergegangenen "Hamlet"-Zitate, allerdings auf Englisch, als Graffiti geschrieben werden: Something is rotten ..., There's method in it ..., auf einer Bank steht als übergroßer Hinweis auf des Titelhelden scheinbaren Geisteszustand "Madness", darunter dann wieder "Sadness", so Hamlets psychisches Schwanken dem Publikum einhämmernd. Wozu auch ein Mikrophon dient, in das die Figuren plakative Sprüche deklamieren. Figuren, die meist zeitlose Kostüme (Anja Gil Ricart, Sebastian Thiele) tragen.

Vielleicht gründet die Ambivalenz des Luisenburg-Hamlets darin, dass einigen Schauspielern die Brüche nicht vollständig gelingen. Das fängt mit der Titelfigur an. Holger Bülow beginnt mit schwarzer Kapuze, spielt auch sehr körperlich, aber das Hin- und Herschalten zwischen gespielter Verrücktheit und ganz normalem Wahnsinn nimmt man ihm nicht unbedingt ab.

Ähnlich Maria Weidners Ophelia, deren Stimme mit der großen Bühne nicht immer zurechtkommt. Der Überzeugendste im Ensemble ist der erfahrene Peter Kaghanovitch. Schon die Diktion seines Claudius ist schön zynisch-höhnisch; er läuft zu wahrhaft dämonischer Form auf und schafft auch überzeugend die Transformation vom verheuchelten Intriganten zum Verbrecher, der alle Masken fallen lässt. Peter Albers spielt den Polonius solide, Chris Nonnasts Gertrud bleibt eher blass. Immer wieder schön zu sehen ist das Bühnentier Alfred Schedl, diesmal als Geist und Totengräber.

Schöne Einfälle wie Fortinbras (ebenfalls Maria Weidner) im Fliegeranzug und mit Megaphon und der Knaller zum Schluss, Rosenkranz (William Danne) und Güldenstern (Johann Anzenberger) als lächerliche Hofschranzen kamen wohl beim Publikum unter dem keineswegs voll besetzten Zeltdach an, das reichlich applaudierte. Es war ein zwiespältiger "Hamlet". Das passt gut zur ewig spannenden Figur.