E s schmiegt sich an die sanften Hänge von Ausläufern der Fränkischen Schweiz wie ein Modellbahndörfchen. Alles ist sauber, alles ist still. Da kommt ein Hase gehoppelt, ganz furchtlos, schnuppert, hoppelt zwei Meter weiter, schnürt bedächtig ins Unterholz. Im Koben liegt ein massiges Wesen. Ist es tot? Nein, man soll die monumentale Sau nicht füttern, heißt es auf einem Schild. Bänke laden zur Ruhe ein, man setzt sich hin, allmählich flattert der Hypophysenlappen kaum spürbar noch, bis sich ein Gefühl allumfassender Tranquillität einstellt.
Diese von Gerhard Polt entlehnte Biergarten-Philosophie lässt sich aufs Schönste in Glashütten nahe Mistelgau im Bayreuther Land nachempfinden. Der Ortsname offenbart Eindeutiges als früher Industrie- oder zumindest Manufakturstandort, oder? Wie man sich täuschen kann! Ein Nikolaus soll hier gelebt haben und des Dorfes Namenspatron sein, Hütte des Klaus oder Klaas, verstehst? Das und noch viel mehr weiß Herbert Zeilmann. Ein gütiges Schicksal - Vorsehung? - hat den Frankenpfeil zwar mitten im Wald weit über Glashütten landen lassen, unzugänglich, doch ganz in der Nähe einer Häusergruppe. Aussiedlerhof wäre zuviel gesagt für das Anwesen des 63-Jährigen mit dem für fränkische Bauernhöfe untypischen Haus. "Alles Holz, alles selbst gemacht", sagt der leutselige Zeilmann, Gemeinderat, Gewerkschafter, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender (bei Kennametal im benachbarten Mistelgau) und inzwischen hauptberuflicher "Landwirt ohne Tierhaltung" laut Eigendefinition. Ein findiger Gemüsebauer, setzt man sein gärtnerisches Geschick in Proportion zur Größe der geernteten Kürbisse. Sie liegen in einem Geländewagen mit der Aufschrift "Frankenwölfe". Wie bitte? Raubtierrudel jetzt schon nahe Bayreuth? Gemach. Tochter Sabrina betreibt eine Hundeschule. Das Übungsgelände der "Frankenwölfe" liegt bergauf, wo sich die Wanderwege kreuzen. Der schönste ist der Große Rundweg, verrät Wanderwart Zeilmann, zuständig für 34 Kilometer, leicht zu erreichen auch von der benachbarten Therme Obernsees. Es sind herrliche Ausblicke, bis, ja bis in östlicher Richtung eine Batterie scheußlicher Windräder das Auge beleidigt. C'est la vie ...


Das einfache Volk hatte zu leiden

Also wieder hinunter ins Dorf, vorbei an dem Landgasthof Opel, "seit 1877 in Familienbesitz", mit großem Biergarten und kleinem Antiquitätenladen im Durchgang, vorbei an disparatesten Baustilen, fachwerkidyllisch bis postmodern, an bepflanzten Wanderstiefeln und Bauerngärten von akkurat gepflegter Ungepflegtheit, bis zu "Fun for You". Jugendliche in gelben T-Shirts vergnügen sich da bei Sport, Spiel, Spannung vor dem ehemaligen Feuerwehrhaus, aber ortstypisch gedämpft. Werner Kirchbach führt das milde Regiment, ein Jugendbeauftragter, der auf irritierende Weise so aussieht wie der frühere Juso-Chef Johano Strasser. Daniela, Zoë, Nina, Annabelle und Dominik sind mit Feuereifer dabei.
Doch dann: Mittagspause. Zeit für einen Rundgang. Originell ist die 1617 erbaute Kirche mit den drei Türmchen. Innen ist sie nicht protestantisch karg, sogar ein Engel figuriert stolz seitlich vor dem Altar. Außen sieht man Namensgeber Nikolaus. Karg waren frühere Zeiten in dieser heute so friedlich-geruhsamen Gegend, karg und grausam. Im 16. Jahrhundert lauerten an der Straße von Nürnberg nach Bayreuth Raubritter, eine heruntergekommene Klasse, die nichts so sehr hasste wie das städtische Bürgertum, dem die Zukunft gehörte. Hans Thomas von Absberg (1477-1531) machte die Gegend unsicher; wenn er einen Nürnberger erwischte, hackte er ihm die rechte Hand ab. Auf zeitgenössischen Darstellungen sieht man Berufskillergesichter, eisern wie ihre Rüstung. Zu leiden hatte das einfache Volk, es wird so gewesen sein, wie es Karlheinz Deschner für ganz Franken feststellte: "Länger als ein Jahrtausend behaupteten Adel und Klerus ihre Privilegien, herrschten sie durch Hoch- und Zentgerichte, durch Blutbann, Stock und Strang."


"Ein Traum"

Tempi passati, zum Glück. Das heißt, ganz ungetrübt ist das Glück Glashüttens nicht. Wenn auch Wirtshaus, Sportverein, zwei Kirchen - eine ultramoderne katholische auch, die man nicht unbedingt gesehen haben muss -, ein Maibaumverein, ein Kreislehrgarten fürs fränkische Flair sorgen. Halt, die Motorradfahrer auf der "Rennstrecke" (Zeilmann) zwischen Volsbach und Glashütten ziehen einigen Unmut auf sich. Gelassen dagegen schaut ein Mann auf einer Holzbank, Zigarettenpause. Alois Neumann betreibt in seiner "Polsterscheune" ein selten gewordenes Handwerk. Fingerfertig bezieht er Sessel und Stühle. Und weiß manches zu erzählen rund um die Möbel. Wie eine Auftraggeberin starb und ihre Stücke noch in der Werkstatt standen. Wie sein Geschäft ziemlich einsam in Glashüttens Unternehmenslandschaft steht, denn die meisten pendeln nach Mistelgau oder Bayreuth. Ein Stichwort: In der "Pension Apart" und anderen Beherbergungsbetrieben übernachten im August auch Festspielbesucher und -akteure. Schau, da fahren Autos mit britischen Kennzeichen vorbei. Es ist Zeit für "Rheingold". Schnödes Gold kann das Glück nicht ersetzen, wenn Zeilmann in der Morgendämmerung vor dem Haus sitzt und beobachtet, wie ein Reh mit seinem Kitz aus dem Wald schreitet und äst. "Ein Traum", sagt er. Man glaubt es ihm.