Bayreuther Museumsleiter an Lösung von Schildkröten-Rätsel beteiligt
Autor: Redaktion
Bayreuth, Sonntag, 31. Mai 2026
Eine neue Studie zeigt, dass Schildkröten eng mit Archosauriern verwandt sind. Ein Bayreuther Museumsleiter war daran beteilgt.
Die Verwandtschaftsverhältnisse der meisten Wirbeltiergruppen sind heute gut verstanden. Selbst stark abgewandelte Formen wie Wale oder Vögel lassen sich dank genetischer und morphologischer Daten eindeutig im Stammbaum des Lebens einordnen. Anders bei den "Schildkröten": Genetische Studien sehen sie als Verwandte der sogenannten Archosaurier, einer Gruppe, zu der Vögel und Krokodile gehören. Doch eindeutige morphologische Belege dafür fehlten bislang – und frühe Fossilien schienen dieser Einordnung sogar zu widersprechen.
Eine neue internationale Studie unter Leitung von Xavier Jenkins, American Museum of Natural History, New York, und unter Beteiligung des Schildkröten-Experten Serjoscha Evers von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) liefert nun eine umfassende Neubewertung. Die rein auf morphologischen Merkmalen basierende Verwandtschaftsanalyse liefert erstmals belastbare paläontologische Unterstützung für die genetisch vorhergesagte Nähe der "Schildkröten" zur Vogel-Krokodilgruppe.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass "Schildkröten" tatsächlich die nächsten lebenden Verwandten der Archosaurier sind und eine sehr ursprüngliche Position im Stammbaum einnehmen", sagt SNSB "Paläontologe" Serjoscha Evers. "Zugleich können wir die zeitliche Einordnung ihrer Entstehung vor 255 Million Jahren gegen Ende des Perms präzisieren." Im Zentrum der Studie stehen sowohl frühe "Schildkröten" mit bereits ausgebildetem Panzer als auch ihre panzerlosen Vorläufer.
Besonders überraschend ist die Neubewertung von Eunotosaurus africanus, einem rund 260 Millionen Jahre alten Fossil aus Südafrika, das bislang als mögliche "Ur-Schildkröte" galt. Die neuen Daten zeigen, dass dieses Tier nicht zur Stammlinie der "Schildkröten" gehört, sondern ein früher Vertreter der Reptilien insgesamt ist. Ausschlaggebend hierfür sind unter anderem neue Erkenntnisse zum Bau des Hirnschädels.
Das Forschungsteam untersuchte die Fossilien mithilfe hochauflösender Computertomographie und analysierte deren anatomische Merkmale im Detail. "Wir haben ein sehr breites Spektrum potenzieller Schildkröten-Verwandter in unsere Studie einbezogen", sagt Evers. "Entscheidend war die Kombination aus moderner CT-Technologie und der Expertise eines interdisziplinären Teams."
An der Studie waren 15 Forschende aus den USA, Südafrika, Großbritannien, Frankreich und Deutschland beteiligt. Die detaillierten Analysen der Anatomie liefern auch neue Erkenntnisse zur Lebensweise ursprünglicher "Schildkröten". Eunotosaurus war vermutlich eine grabende Echse, das zeigen Anpassungen des Skeletts wie verbreiterte Rippen oder robuste Krallen, wie etwa bei Gürteltieren.
Andere frühe Vertreter der Schildkrötenlinie mit noch unvollständig entwickelter Schale zeigen Anpassungen an ein Leben im Wasser. Möglicherweise hat sich der Schildkrötenpanzer im Wasser entwickelt, vermuten die Forschenden. Serjoscha Evers leitet das Urwelt Museum "Oberfranken" in Bayreuth, eines von zehn Museen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB).