Mit einer viertel Stunde Verspätung begann am Dienstag (6.10.15) der Verhandlungstag im Chefarzt-Prozess, und nach etwa einer viertel Stunde war er auch schon wieder vorbei. Der Grund: Der Angeklagte, Heinz W., 50 Jahre alt, Mediziner, hat einen Hexenschuss. Der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt gab Folgendes bekannt:
Heinz W. habe sich in der Justizvollzugsanstalt krank gemeldet, die Anstaltsärztin hätte ihn jedoch erst um zehn Uhr vormittags untersuchen können. Deswegen wandte sich Schmidt am Morgen an Amtsarzt Winfried Strauch.

Der fuhr direkt in die JVA und stellte fest: Der Angeklagte ist nicht vernehmungsfähig. Richter Schmidt zitierte den Amtsarzt später mit den Worten: Heinz W. zeige Krankheitssymptome, die nicht willkürlich beeinflussbar seien. Es sei außerdem auch nur zu 50 Prozent wahrscheinlich, dass der Angeklagte beim folgenden Prozesstag am 7. Oktober dabei sein könne.

Der ehemalige Leiter der Gefäßchirurgie am Klinikum soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zwölf Frauen zwischen 17 und 28 Jahren betäubt und vergewaltigt haben. Unter den mutmaßlichen Opfern sind zehn Patientinnen und zwei Klinikmitarbeiterinnen. Dem Mediziner drohen bis zu 15 Jahre Haft.


Termine rücken weiter in Zukunft

Bereits kurz nach Beginn des Mammut-Prozesses war klar geworden: Mit einem Urteil ist nicht, wie ursprünglich angesetzt, im September dieses Jahres zu rechnen. Mittlerweile reichen die Termine bis in den Januar 2016. Nach der Krankmeldung kommen nun wohl weitere Verhandlungstage hinzu. Schon vergangene Woche war ein Verhandlungstag verkürzt worden, weil der Angeklagte am Nachmittag einen dringenden Zahnarzttermin hatte. Zudem hatte sich der Verteidiger des Angeklagten krank gefühlt und um ein früheres Ende der Sitzung gebeten. Im Sommer war das erste Mal ein Gerichtstermin entfallen, weil Heinz W. kurzfristig erkrankt war.

Dieser muss nun seinen Hexen schuss kurieren. Einigen Opfer-Anwälten im Gerichtssaal war ihre Verstimmtheit anzumerken. Sie zweifelten am tatsächlichen Gesundheitszustand des Heinz W. Könne man nicht den Amtsarzt herholen und vor Gericht dazu befragen? Oder den Angeklagten im Gefängnis?

Der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt stellte jedoch schnell klar, dass die Kammer der fachlichen Einschätzung des Amtsarztes vertraue. Schmidt verwies auf das ärztliche Attest von Winfried Strauch, dem Leiter des Fachbereichs Gesundheitswesen am Landratsamt. Strauch selbst möchte sich mit Verweis auf die ärztliche Schweigepflicht weder zum Prozess noch allgemein in der Öffentlichkeit äußern.

Die zweite Strafkammer des Bamberger Landgerichts entschied jedenfalls, auch den für Mittwoch angesetzten Verhandlungstermin zu streichen. Nach aktuellem Stand geht der Prozess am 13. Oktober um 9 Uhr weiter.
Das bringt wiederholt den Terminplan durcheinander. Etliche Zeugen müssen nun neu geladen werden. "Das ist extrem ärgerlich. Wir haben Ärzte als Zeugen, die in Krankenhäusern arbeiten und das erst organisieren müssen", merkte Richter Schmidt an.


Verhandlung in der JVA?

Ein Zuhörer wandte sich nach dem kurzen Prozesstag an den FT und fragte: Warum kann man die Verhandlung nicht einfach technisch in die JVA zum Angeklagten übertragen? Leander Brößler, Leiter der Pressestelle am Oberlandesgericht, erklärt hierzu auf Nachfrage: Generell besage die Strafprozessordnung (STPO), dass der Angeklagte in der Hauptverhandlung anwesend sein muss.

In den Paragraphen 230 und 231 sei die Rede vom Recht, aber auch der Pflicht auf Anwesenheit. Den Angeklagten per Monitor aus der JVA dazuschalten, wie von dem Prozessbeobachter vorgeschlagen, darf man laut Brößler nicht einfach. So etwas sei nur bei einer Zeugenvernehmung möglich, und auch dann nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Und was ist mit der Idee, Heinz W. im Gefängnis zu besuchen und dort weiterzuverhandeln? "Prinzipiell kann ein Gericht in Ausnahmefällen andernorts verhandeln. Das ist etwa in einem Krankenzimmer schon vorgekommen", sagt Brößler. Aber: "Das geht nur, wenn der Angeklagte verhandlungsfähig ist." - Was laut Amtsarzt am Dienstag aber genau nicht zutraf. Brößler: "Ist der Angeklagte verhandlungsunfähig, findet die Verhandlung nicht statt."