Fast jeder kennt das britische Sprichwort "My Home is my Castle", übersetzt: "Mein Heim ist meine Burg". Dass die Bewohner des Mühlwörths in Bamberg dieses Sprichwort von Sir Edward Coke besonders wörtlich nehmen mussten, zeigt sich an ihren Haustüren. Dort sind nicht etwa Fallgitter, Sperrriegel und Zugbrücken zu finden, sondern Schlitze links und rechts der ganz normalen Türen. Manche sind in den Stein des Türrahmens eingelassen, etwa einen Zentimeter breit, andere als Metallschienen mit der Mauer verbunden.

Diese Schlitze dienten der Sicherheit und verteidigten die Anwohner - aber nicht etwa gegen Menschen mit räuberischer Absicht, sondern gegen die Elemente, genauer: das Wasser. "In diese Schlitze wurden früher Bretter eingelassen, wenn Hochwasser drohte", erzählt die Bambergerin Jutta Behr-Groh. Das war im direkt an der Regnitz gelegenen Mühlwörth häufig der Fall. Und nicht nur dort: In der ganzen Stadt, etwa in der Langen Straße, in der Fischerei, an der Walkmühle und am Hochzeitshaus, sind Hochwassermarken zu finden.

Das größte Hochwasser ereignete sich 1784. Die Seesbrücke wurde von den Fluten weggerissen, Mühlen und Lagerhäuser standen unter Wasser.

Damit das Wasser nicht durch die Tür ins Haus lief, schoben die Besitzer Bretter in die Schlitze und dichteten das Holz mit Lehm ab, bis etwa auf eine Höhe von einem Meter. "Dabei durften die Bretter nicht zu dünn sein, sonst waren sie unter dem Wasserdruck gebrochen und die Bewohner hatten nasse Füße bekommen, ganz zu schweigen von den Schäden", erklärt die ehemalige Journalistin.

Jahnwehr brachte Entlastung

Es gibt Bilder von einem Hochwasser aus dem Jahr 1909, bei dem das Wasser an den Häusern des Mühlwörths bis zur Unterkante der Fenster im Erdgeschoss stand. Dank der Bretter in den Schlitzen blieb es draußen. Indem einzelne Bretter verwendet wurden, war es möglich, die Wassersperre individuell anzupassen und gleichzeitig ein Benutzen der Tür zu ermöglichen.

"Das war nicht optimal, aber bis 1964 die einzige Möglichkeit, sich in der Straße zu schützen", weiß Jutta Behr-Groh. In jenem Jahr wurden das Jahnwehr und das Hochwassersperrtor ein Stück flussaufwärts im Bamberger Stadtteil Bug errichtet. Seitdem haben die Schlitze ausgedient: Droht heute ein Hochwasser, schließt sich das Sperrtor und leitet die Fluten über das Jahnwehr in den Rhein-Main-Donau-Kanal ab. Damit sind der Mühlwörth und die Altstadt Bambergs hochwasserfrei.

Historisches Zeugnis

Die Bretter werden nicht mehr gebraucht, die Schlitze sind überflüssig geworden. Eine Funktion haben sie noch: Sie zeugen von den Schutzmaßnahmen der Bamberger vor dieser Naturgewalt, die über Jahrhunderte die Stadt immer wieder heimgesucht hat. von Mike Durlacher

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