Als die Mutter ihre Aussage vor dem Bamberger Landgericht macht, ist gelegentlich ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu hören: Es geht um einen Vorfall, der vor fünf Jahren großes Unwohlsein in der Familie ausgelöst hatte.

Damals, im Jahr 2010, ist die Tochter nach einem Untersuchungstermin bei Doktor W. ganz benommen und schläfrig nach Hause gekommen. "Sie hat total viel geweint, ist nur Stück für Stück mit der Sprache rausgerückt", sagte der damalige Freund der jungen Frau am gestrigen Verhandlungstag aus.

Dem Freund hatte die heute 23-Jährige - damals Auszubildende am Klinikum Bamberg - erzählt, dass sie an einer Studie ihres Chefs teilnehme. Nach dem Termin bei Heinz W. habe sie den Freund angerufen und erzählt: "Da ist was schief gelaufen. Irgendwas passt nicht"


Angst um Ausbildungsplatz

Zurück im Elternhaus, wo auch der Freund wartete, war die Mutter entsetzt. "Ich hätte am liebsten am nächsten Tag mit dem Arzt sprechen wollen und fragen, wie er sie überhaupt so Auto fahren lassen kann", sagte die Mutter, die selbst Krankenschwester ist. Doch ihre Tochter habe sie gebeten, davon abzusehen, "weil sie Angst um ihren Ausbildungsplatz hatte. Sie wollte das alles nicht. Sie war 18, da habe ich es respektiert".

Manuela (Name geändert) habe vermutet, dass sie das Kontrastmittel, das ihr Heinz W. gespritzt habe, nicht vertragen hat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es sich in Wirklichkeit um ein Betäubungsmittel gehandelt hat. Außer Manuela soll der ehemalige Leiter der Gefäßchirurgie noch elf weitere junge Frauen damit betäubt haben, um Bilder ihres Intimbereichs zu machen oder die Frauen dort zu berühren.

Die Mutter jedenfalls erinnerte sich noch an die Worte ihrer Tochter und zitierte sie wie folgt: "Ich weiß nicht mehr, was da gemacht wurde. Aber als ich aufgewacht bin, hab ich keine Unterhose mehr angehabt."

Die Aussage der Opferzeugin selbst war zum Schutz ihrer Intimsphäre nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt. Nach ihrer Vernehmung gab Gerichtssprecher Leander Brößler immerhin so viel bekannt: Nach der Spritze sei der Zeugin "schwummerig" geworden. Sie könne sich erinnern, dass eine Kamera zur Bildanfertigung ausgepackt worden sei. Sie hätte zwar den Entschluss gefasst, etwas sagen zu wollen, aber habe dies nicht umsetzen können.


Anwalt und Frauenärztin angerufen

Der Angeklagte selbst beharrt seit Prozessbeginn darauf, aus rein medizinischen Gründen, etwa der Dokumentationspflicht, gehandelt zu haben. Anders sieht das Manuelas Stiefvater, dem deren Zustand merkwürdig vorkam. Er habe damals sogar detaillierte Aufzeichnungen gemacht, diese "aber leider zwei, drei Jahre später vernichtet", wie er aussagte. Auch einen Anwalt habe er noch am Abend um Rat gefragt, doch die Familie sah zunächst von einer Anzeige ab. Die Mutter rief wegen einer möglichen Untersuchung außerdem in ihrer Frauenarztpraxis an. "Doch die Arzthelferin hat gesagt: ,Da wollen wir uns lieber raushalten‘", so die Mutter.
Das ist nun fünf Jahre her. Als die heute 23-Jährige im August 2014 plötzlich von den Vorwürfen gegen Doktor W. erfahren hat, "hat es ihr den Boden unter den Füßen weggezogen", wie ihr Anwalt Martin Reymann-Brauer sagte. Bis heute gehe es ihr seelisch sehr schlecht.

Laut ihrer Familie konnte Manuela zeitweise nicht mehr arbeiten und hätte "Horror vor dem Klinikum" gehabt, so die Mutter. "Meine Tochter hat damals gesagt: ,Wenn ich einen Mann im weißen Kittel seh, wird's mir ganz schlecht‘."