Bürgermeister Max-Dieter Schneider im Elektroscooter, Pius Schmelzer im Rollstuhl, Jugendbeauftragter Daniel Vinzenz mit dem Rollator: Die Ebracher dachten im ersten Moment wohl an die Folgen eines Massenunfalls, als sie örtlicher Prominenz zuhauf mit Mobilitätshilfen im gesamten Ortskern begegneten. Die Erklärung war dann ebenso erleichternd wie einleuchtend: In Sachen Dorferneuerung verschaffte sich der "Arbeitskreis Ortsbild" einen Eindruck davon, was es heißt, in Ebrach mit Mobilitätseinschränkung unterwegs zu sein. Die Erkenntnisse sollen Barrierefreiheit verbessern.

Orthopädietechniker Norbert Köstler hatte für diese Aktion nicht nur einen Bus voller Hilfsmittel mitgebracht, sondern auch einen Bogen mit 13 Aufgaben aus dem Alltag zusammengestellt. Damit man halbwegs sicher unterwegs war, bestand Pius Schmelzer vom Amt für Ländliche Entwicklung darauf, dass die rund 30 Teilnehmer gelbe Warnwesten trugen.
Das machte Sinn, angesichts dessen, dass alle mit Handicaps unterwegs waren.

Arbeitskreis- und Gemeinderatsmitglieder sowie Kommunalmanagerin Eva-Maria Schmitt sowie interessierte Bürger machten sich in Zweierteams auf den Weg. Warum? "Es interessiert mich, man könnte ja in irgendeiner Form betroffen sein", erklärt Hermann Beßendörfer (75) seine Motivation. Bereits betroffen ist Horst Hillmann. Seine Frau sitzt seit fünfeinhalb Jahren im Rollstuhl. Er kennt die Klippen des Alltags und findet die Aktion gut, "damit die Gemeinde sieht, wo die schweren Stellen sind."

Für die Städteplaner von Joachim Perleths Architekturbüro ist es wie für Schmelzer der erste Feldversuch dieser Art.

Der Start am Rathaus verläuft bereits holprig. Schönes Pflaster bedeutet nicht gleich, dass es auch rollatoren- und rollstuhlfreundlich ist. Man ist gut zwei Stunden unterwegs und soll dabei unter anderem Geld abheben, beim Metzger ein Brötchen besorgen, die Klosterkirche besichtigen, Süßes beim Bäcker holen, die öffentliche Toilette benutzen, Orangerie und Abteigarten anschauen, ins Hotel zum Essen gehen, die Arztpraxis aufsuchen, im Dorfladen eine Besorgung machen.

"Fühlt sich das scheiße an", muss Michaela Oppel immer wieder feststellen. Gewichte an Arm und Bein sollen vermitteln, wie schwer es Ältere mit dem Rollator haben. Etliches ist schlicht nicht machbar. Der Bürgermeister scheitert selbst mit seinem Scooter - an der Rathauszufahrt, zu steil, zu eng. Manches ist vom Ansatz her auch gut, wie die Klingel am Einkaufsmarkt mit zweitem Zugang oder die Barrierefreiheit in der Klosterbräu.
"Bei dem Pflaster, da haut's einem den Magen raus", kommentiert Winfried Dittmann. "Wenn man da drinnen sitzt, das ist so was von beängstigend" schildert Pius Schmelzer seine Erfahrung und fordert sogleich: "Wir brauchen gerade Gehsteige."

Christine Giehl, deren Sohn Niklas auf den Rollstuhl angewiesen ist, hofft, dass "nun einige Sachen entschärft werden", nachdem die Entscheidungsträger am eigenen Leib erfahren haben "wie beschwerlich es ist, auf öffentlichen Wegen vorwärts zu kommen".

"Wir wussten, dass wir Nachholbedarf haben, aber so viel hätten wir nicht gedacht", resümiert der Bürgermeister. Nun dürfen die Planer die Ergebnisse auswerten und Lösungsansätze erarbeiten.