Manche Quellen versiegen nie. Wer im Bamberger Staatsarchiv forschen möchte, der muss sich registrieren lassen. Er muss seinen Namen eintragen, sein Forschungsgebiet und am Ende die Dokumente angeben, mit denen er gearbeitet hat. Das war schon immer so. Auch vor gut 150 Jahren.

Klaus Rupprecht sitzt in seinem Büro im ersten Stock, Hainstraße, beste Lage, an der Decke über ihm der Stuck, in den Etagen unter ihm die oberfränkische Geschichte von über 800 Jahren.

Rupprecht ist stellvertretender Leiter des Bamberger Staatsarchivs. Vor ihm auf einem kleinen Beistelltisch direkt am Fenster liegt ein hellblauer Papierumschlag. Rupprecht lächelt, als er vorsichtig beginnt die Papierlagen auseinander zu falten. Dann hält er ihn in der Hand, den Beweis, dass es in Bamberg bereits vor 1516 ein Reinheitsgebot gab.

Der erste Eid der Brauer

"Vertrag über das neue Ungeld" steht auf dem Einband. Rupprecht blättert bis Seite acht. Er muss die Brille holen, um die entsprechende Stelle zu suchen, den meisten würde wohl auch eine Lupe nicht helfen. Die Schrift ist alt und schnörkelig. Die Tinte hat sich in das Hadernpapier gesogen - damals die einzige Art, Papier herzustellen: aus Lumpen, auch Hadern genannt, und Spinnereiabfällen. Vor ein paar hundert Jahren habe es einen kleinen Zwischenfall gegeben, sagt er und zeigt auf die dunklen Flecken auf der Seite: vielleicht Wasser, vielleicht eine andere Flüssigkeit.

"Der Eid der Brauer" steht über Seite acht. Es ist das erste Mal, sagt Rupprecht, dass Brauer in einer Ungeldordnung vorkommen.

Alles begann mit einer Steuer. Bereits vor über 500 Jahren hatte man mit Problemen zu kämpfen, die auch im 21. Jahrhundert nicht ganz unbekannt sind: verschuldete Städte, in die Jahre gekommene Brücken, Tore und Wege, geistliche Ämter die Unterstützung bedurften. Kurz: Die Regierenden brauchten Geld.

Das sogenannte Ungeld war eine Art Vorläufer der Umsatzsteuer: Eine indirekte Steuer, ursprünglich erhoben auf Wein. Bis zum Jahr 1489. In dem Jahr beschlossen der damalige Bamberger Bischof, das Domkapitel und die Stadt, dass das Ungeld fortan auch für Bier zu entrichten sei. Und zwar nur für "gutes" Bier.

Das "schlechte" war von der Steuer ausgenommen. "Gut" sei ein Bier dann, so steht es in der Urkunde, wenn zum Brauen nicht mehr verwendet werde als Malz, Hopfen und Wasser. Das Reinheitsgebot also. Festgeschrieben in Bamberg 1489. 27 Jahre vor dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516.

Allein, das Reinheitsgebot ist keine Bamberger Erfindung, sagt Rupprecht. Es sei eben damals Trend gewesen: Bier habe langsam den Wein als Hauptgetränk abgelöst. Beinahe identische Formulierungen, die das Bierbrauen regeln, fänden sich beispielsweise in Weimar 1348, in Landshut 1409 oder in München 1447.

Du sollst nicht falsch Brauen

Warum auch heute, über 600 Jahre später, noch nach diesen Regeln gebraut wird, darauf hat Rupprecht keine Antwort. Eine Brauerei, sagt er, sei da sicher der bessere Ansprechpartner. Christine Salvatori ist Restaurantleiterin im Klosterbräu, Bambergs ältester Brauerei. Gerade heute, sagt Salvatori, in Zeiten von Lebensmittelskandalen und Bio-Boom, suche der Mensch etwas Reines. Etwas, bei dem man wisse, was drin ist. Ein wenig Stolz sei sicher auch dabei, wenn die Brauer noch heute an dem Gebot festhielten, schließlich sei es eine bayerische Erfindung.

Auch wenn es mittlerweile ein wenig gelockert wurde, beispielsweise darf Hopfen inzwischen auch als Essenz zugeführt werden: "Es ist einfach ein Qualitätsmerkmal", sagt Salvatori. Und Qualität kommt eben nie aus der Mode. Andererseits, sagt Salvatori noch, schränke die Pflicht, sich daran halten zu müssen, auch die Kreativität ein.
Über eine kleine Brücke, die die beiden Gebäude des Staatsarchivs verbindet, geht es von Rupprechts Büro in den Lesesaal. Er geht durch die Tür hinter dem Empfang, durch Gänge und noch mehr Türen. Dann steht er schließlich dort, wo er die Ungeldordnung im Frühsommer gefunden hat.

Zwischen zwei breiten Holzregalen, die von beiden Seiten mit Klappen verkleidet sind, hat er gut einen halben Meter Platz. Öffnet er eine der Klappen, stößt er mit dem Rücken gegen die nächste Regalreihe.

70 000 Urkunden lagern hier, jede hat ihre eigenen Nummer und alle haben einen Bezug zu Bamberg. Rupprecht öffnet die Klappen mit der Nummer 449 und legt die Urkunde zurück.

Nächstes Jahr im Juni wird er sie wieder rausholen. Dann wird sie im Kloster Aldersbach zu sehen sein. Im Rahmen der Bayerischen Landesausstellung "Bier in Bayern". Die Ausstellung, der es zu verdanken ist, dass Rupprecht sich überhaupt auf die Suche nach dem Bamberger Reinheitsgebot gemacht hatte.

Wenn man nicht googeln kann

Irgendwie habe man es immer schon gewusst, dass es ein altes Reinheitsgebot in Bamberg gebe. Es wird mehrmals in heimatgeschichtlichen Büchern erwähnt; auch von 1489 ist die Rede. Eine Quelle, die als Beweis gelten konnte, werde jedoch nirgends angegeben. Auch eine Suche gemeinsam mit dem Stadtarchiv vor einigen Jahren hatte kein Ergebnis gebracht.

Als nun die Organisatoren der Landesausstellung im Frühjahr Einsicht in die Archivale wollten, die ein frühes Bamberger Reinheitsgebot belegen - dort ging man davon aus, dass ein solches Dokument bereits gefunden sei - begann Rupprecht erneut mit der Suche. Zunächst erfolglos. Dann änderte er seine Strategie.

Anstatt wie bisher sämtliche bischöfliche Verordnungen in Bezug auf Bier zu sichten, begann er, sich die Einträge der Benutzer anzusehen, die in den letzten 150 Jahre im Staatsarchiv geforscht haben. Und er begann die Quellen zu sichten, die angegeben waren, wenn die Nutzer zum Thema Bier und Brauwesen forschten.

Nach ein paar Tagen stieß er so auf die Ungeldordnungen. Darunter auch eine von 1489. Er merkte sich die Nummer und suchte die entsprechende Klappe im Holzregal. Der Rest ist Geschichte.