Denis R. (Name von der Redaktion geändert) verließ am Mittwoch gegen 17.30 Uhr lächelnd den Sitzungssaal 0.107 des Landgerichts am Wilhelmsplatz. Soeben hatte ihn die Jugendkammer frei gesprochen von einem ganz gravierenden Vorwurf - dem der Vergewaltigung.

Nach zwei Verhandlungstagen in einem Verfahren, das Ende 2010 schon einmal begonnen hatte und für ein Gutachten zur Glaubwürdigkeit der Kronzeugin vorübergehend auf Eis gelegt worden war, hatten die Richter schließlich "nicht bloß einen Restzweifel" an der Schuld des Angeklagten.

Sie sprachen ihn frei und ihm für die erlittene Untersuchungshaft (vom 22. März bis 29. Oktober 2010) einen Anspruch auf Entschädigung zu. Auch die Kosten des Verfahrens muss die Staatskasse tragen.

Wie Vorsitzender Richter Manfred Schmidt in der Urteilsbegründung darlegte, hat die Beweisaufnahme nur "das Kerngeschehen" unzweifelhaft belegt: R.
hatte in der Nacht zum 19. März 2010 mit einer damals 19-jährigen Forchheimerin in deren Wohnung Sex. Ob freiwillig oder erzwungen ist ein Frage, die mit juristischen Mitteln dagegen nicht zu klären war. Insofern standen bis zuletzt Aussage gegen Aussage.

Richter: Zu viele Widersprüche

Warum die Jugendkammer letztlich dem Angeklagten mehr glaubte, begründete der Vorsitzende Richter ausführlich. Er verwies auf das Gutachten einer Psychologin, die zahlreiche Widersprüche in den verschiedenen Aussagen der heute 21-Jährigen herausgearbeitet hat.

So hatte sie bei der Polizei, im ersten Prozess und später bei der Sachverständigen abweichende Angaben zu Details gemacht, die aus Sicht der Richter kein Vergewaltigungsopfer vergessen kann: im konkreten Fall etwa die Art und Weise, wie es vom Peiniger vom Bett zum Sofa im Schlafzimmer geschleppt wurde.

So hatte die Frau ein Mal angegeben, er habe sie an den Haaren gezogen, ein anderes Mal, er habe sei an den Schultern gepackt.

Frau ist psychisch auffällig

Ein wesentlicher Grund für den Freispruch ist die psychische Auffälligkeit der Frau. Sie leidet nach Angaben ihres Hausarztes seit vielen Jahren unter Angstzuständen und Panikattacken, fügt sich immer wieder selbst Verletzungen zu.

Die Gutachterin beschrieb Personen, die an einer Form von "Borderline" leiden, als impulsiv und dazu neigend, sich in etwas hinein zu steigern, das so nicht passiert ist.

Die Sachverständige mochte nicht ausschließen, dass die Forchheimerin einvernehmlichen Sex mit R. hatte, dies am nächsten Tag aber umgedeutet hat.

Dafür seien mehrere Auslöser denkbar: Vielleicht habe sie sich von dem Mann mehr erwartet; vielleicht habe sie sich Freunden gegenüber rechtfertigen wollen; vielleicht sei ihr die Vergewaltigung auch als plausible Erklärung für ihre seelischen und körperlichen Probleme erschienen.

Es entspräche dem Krankheitsbild von "Borderline"-Patienten, dass sie soziale Beziehungen verzerrt wahrnehmen oder interpretieren. Die Gutachterin belegte dies vor Gericht mit Beispielen aus der Vergangenheit der jungen Frau. Sie hielt im Ergebnis die Angaben der Zeugin für nicht zwingend "Erlebnis basiert".

Unstrittig ist, dass R. die Frau flüchtig aus einem Forchheimer Lokal kannte, wo sie sich am Abend des 18. März 2010 auch begegnet waren. Sie war in Begleitung eines Nachbarn dort gewesen. In dessen Wohnung saßen die Drei später noch eine Zeit lang zusammen, bevor die beiden anderen gingen.

Die Richter unterstellen der Kronzeugin und Nebenklägerin keine bewusste Falschaussage. Sie führen die Widersprüche in ihren Angaben vielmehr auf ihre psychische Disposition zurück.

Schmidt sagte aber auch, dass die Frau das Gericht im ersten Prozess "klar angelogen" habe. So habe sie die Frage verneint, ob sie nach dem 19. März 2010 bald wieder Sex hatte. Ihre Antwort sei von zwei ihrer Ex-Freunde, die als Zeugen geladen waren, jedoch eindeutig widerlegt worden.

Video spielte eine Rolle

Auch ein Video von einer Geburtstagsparty spielte eine Rolle bei der Urteilsfindung. Es war von einem Bekannten der Frau wenige Tage nach der angeblichen Vergewaltigung gedreht worden und zeigte den Prozessbeteiligten die Forchheimerin beim Knutschen.
Der Zeuge hatte es der Polizei gebracht, weil er befürchtete, R. könnte zu Unrecht angezeigt worden sein und verurteilt werden.

Nebenkläger-Vertreter beantragt drei Jahre Jugendstrafe

Gerade in einer gewissen Freizügigkeit seiner Mandantin sah dagegen Rechtsanwalt Harald Bleicher (Nürnberg) einen Beweis für die Glaubwürdigkeit der 21-Jährigen. Sie hätte gar kein Motiv gehabt, R. anzuzeigen, wenn es nicht so gewesen wäre, wie von ihr geschildert, meinte er.

Mit seiner Auffassung und dem Antrag auf drei Jahre Jugendstrafe - R. war damals erst 20 Jahre alt und somit im juristischen Sinn Heranwachsender - stand der Vertreter der Nebenklägerin aber allein. Sowohl Staatsanwalt Matthias Kröner als auch R.s Verteidiger Bernhard Eckert (Forchheim) hatten auf Freispruch plädiert. Beide führten die nicht aufzuklärenden Widersprüche in den Aussagen der Frau als Hauptargument an.

Die wenigen objektiven Beweismittel - leicht beschädigte Unterwäsche und blaue Flecken - reichten selbst dem Anklagevertreter als sicherer Tatnachweis nicht aus.