Auf dem Basketball-Parkett sind Entscheidungen in Bruchteilen einer Sekunde gefragt. So wie bei der spektakulärsten Aktion des vergangenen Bundesliga-Spieltags. Diese glückte dem Bamberger Kenneth Ogbe beim Gastspiel in Crailsheim. Anfang des zweiten Viertels ließ der 26-Jährige an der Dreierlinie nach einer kleinen Kopffinte den ehemaligen Brose-Akteur Maurice Stuckey stehen und hämmerte das Spielgerät mit Gewalt über den Crailsheimer Haywood Highsmith in den Korb. "Man kann in so einem Moment nicht groß nachdenken, das war eine intuitive und in dem Fall auch die richtige Entscheidung", erklärt der Shooting Guard, der mit seinem Dunking auf Platz 1 der wöchentlichen Bundesliga-Top-10 landete.

Von weitaus größerem Ausmaß war eine Entscheidung, die Ogbe bei der Auswärtsfahrt zwei Wochen zuvor nach Hamburg treffen musste. "Meine Frau war bei unserer Abfahrt bereits zwei Tage über dem geplanten Geburtstermin. Ich habe ihr gesagt, wenn sie glaubt, dass etwas passiert, soll sie mich sofort anrufen."

550 Kilometer mit dem Mietauto

Während nachts um 1 Uhr bei seiner Frau Jordyn in Bamberg tatsächlich Wehen einsetzten, schlummerte ihr Mann bereits in einem Hamburger Hotel. Als diese eine knappe Stunde später stärker wurden, entschloss sich Ogbe, seinen Zimmerkollegen Christian Sengfelder und sein Team vorübergehend zu verlassen, um bei der Geburt seines ersten Kindes dabei zu sein. "Ich bin um 2 Uhr mit dem Taxi zum Bahnhof gefahren, habe mir dort ein Auto gemietet und bin zurückgefahren", so Ogbe. Als er nach mehr als fünf Stunden Fahrt am Sonntagmorgen in Bamberg angekommen war, hatten die Wehen bei seiner Frau nachgelassen. So machten sich Ogbe und seine Frau, die er während seiner Zeit am College in Utah kennengelernt und im vergangenen Sommer geheiratet hatte, erst am Folgetag auf ins Bamberger Klinikum. "Die Geburt hat sich dann lange hingezogen, aber nach 18 Stunden war es dann so weit. Emilia und meiner Frau geht es gut."

Nach gerade einmal zehn Tagen Vaterglück ging es für Ogbe am Montag wieder auf Reisen - für eine Woche nach Südfrankreich. Mit Urlaub wird der Trip zwar wenig zu tun haben, doch der Anlass ist für Ogbe trotzdem ein erfreulicher. Denn zum ersten Mal wurde der gebürtige Münchner von Bundestrainer Henrik Rödl für die deutsche A-Nationalmannschaft nominiert.

"Ein Leben darauf hingearbeitet"

Bereits am Freitag könnte Ogbe im EM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro (21 Uhr, live und kostenfrei bei Magenta Sport) sein Debüt im DBB-Dress feiern. "Für jeden Basketballer ist das ein großes Ziel. Und ich habe darauf mein ganzes Leben hingearbeitet. Mir bedeutet das sehr viel", erklärt er. Neben Ogbe wurden mit Sengfelder (4 Länderspiele), Bennet Hundt und Dominic Lockhart (je 2) drei weitere Bamberger Akteure in den 13 Mann starken deutschen Kader für das aktuelle Nationalmannschaftsfenster berufen.

Aufgrund der Tatsache, dass die NBA- sowie Euroleague-Spieler für die Qualifikationsspiele nicht von ihren Klubs freigestellt werden, war die Berücksichtigung Ogbes nach seinen guten Leistungen in der Vorbereitung und in den drei Pokalspielen, nur folgerichtig. Das sieht auch Philipp Galewski, Geschäftsführer von Brose Bamberg, so. "Kenny ist ein elektrisierender Faktor für uns, wie mit seinem Dunk in Crailsheim zu sehen war. Wir sind froh, dass wir ihn längerfristig unter Vertrag haben, da er noch viel mehr kann, als er bisher gezeigt hat."

Ogbe selbst übt sich, seinem Naturell entsprechend, in Bescheidenheit. "Für mich war die Nominierung schon eine Überraschung. Coach Roijakkers hat uns nach unseren Pokalspielen in Ulm mitgeteilt, dass ein paar Leute von uns eingeladen sind, unter anderem auch ich. So richtig glauben konnte ich es aber erst, als es auf der Verbandshomepage stand", erinnert sich der 26-Jährige. Kurze Zeit später kam dann auch die WhatsApp-Nachricht des Bundestrainers, den Ogbe bereits aus seiner Zeit bei der A2-Nationalmannschaft gut kennt.

Eine neue Erfahrung für Rödl und seine Spieler ist der Rahmen der Qualifikationsspiele für die Europameisterschaft 2022. Um die Corona-Gefahr aufgrund mehrerer Reisen zu reduzieren, finden alle Spiele der jeweiligen Qualifikationsgruppe an einem festen Standort statt.

Essen, Schlafen und Basketball

Die Nationalteams aus Deutschland, Montenegro, Großbritannien und Gastgeber Frankreich bilden in Pau (knapp 80 000 Einwohner), seit jeher eine Basketball-Hochburg, eine sogenannte "Bubble". Die Spieler dürfen das gemeinsame Hotel nur für die Trainingseinheiten und die Spiele verlassen. Während die Bundesliga-Profis beim Finalturnier in München im Juni zumindest außerhalb der Hotelanlage Spazierengehen und Joggen konnten, ist den Akteuren in Pau lediglich ein kleiner eingezäunter Bereich zum Luft schnappen vergönnt.

Umstände, mit denen Ogbe leben kann, da er ohnehin jede freie Minute dazu nutzt, um mit seiner Familie per Videochat Kontakt aufzunehmen. "Der Abschied war schwierig für mich, aber die Tatsache, dass die Familie meiner Frau in Bamberg hilft, macht es einfacher für mich." Insbesondere wegen seiner jungen Familie bereite ihm auch die Corona-Thematik etwas Sorgen. "Ich bin da übervorsichtig. Aber mehr als alle Hygienevorgaben einzuhalten, können wir nicht tun. Basketball ist eben auch mein Job, die Nationalmannschaft mein Traum."

Eine Einstellung, die auch der 31-jährige Routinier Robin Benzing vorlebt. Am Mittwochmorgen berichtete der deutsche Kapitän Ogbe am Frühstückstisch von seinen Erfahrungen als Vater. Im September 2017 stand Benzing vor der Entscheidung, die Geburt seines ersten Kindes mitzuerleben oder in Israel die komplette EM zu spielen - er entschied sich für Letzteres. "Das zeigt schon deutlich, was ihm die Nationalmannschaft bedeutet", sagt Ogbe.

146 Länderspiele und sieben Teilnahmen an Europa- bzw. Weltmeisterschaften hat Benzing bereits auf dem Buckel. Große Turniere will auch Ogbe erleben, baut sich aber keinen Druck auf. "Im deutschen Basketball gibt es so viel Qualität, so weit möchte ich nicht vorausschauen. Ich kann nur auf mich selbst schauen und versuche, jeden Tag besser zu werden."