Einen Pokal gab es nicht, von der Auszeichnung erfuhr Deniz Aytekin beim Arzttermin: Der Doktor hatte die frische Ausgabe des "Kickers" bereits gelesen, in der die Wahl des Mittelfranken zum Fußball-Schiedsrichter der Bundesliga-Rückrunde 2019/20 verkündet wurde. Abgestimmt hatten 270 Profikicker. "Ich gehe nicht auf den Platz, um gefeiert zu werden", sagt Aytekin nüchtern. "Die Fans gehen wegen des Spiels und nicht wegen der Schiedsrichter ins Stadion", behauptet der 42-Jährige, der für den TSV Altenberg pfeift und in Oberasbach im Landkreis Fürth wohnt.

Interview-Wünsche erfüllt Aytekin, der jederzeit bei einem der beiden Endturniere der Champions und Europa League zum Einsatz kommen kann, eher selten. So kommunikativ der Franke mit türkischen Wurzeln auf dem Fußballplatz ist, so zurückhaltend gibt er sich am Telefon. "Leider tauchen wir eher in den Medien auf, wenn wir diskussionswürdige Entscheidungen getroffen haben", reflektiert der Elite-Referee. Dieser Artikel ist ein Gegenbeispiel - auch wenn der Vater eines 13-jährigen Sohnes der Meinung ist, die Auszeichnung zum Schiedsrichter der Halb-Saison interessiere bei der nächsten größeren Fehlentscheidung niemanden mehr.

Finden Sie, dass der Fußball in der Corona-Krise eine Sonderrolle einnimmt?

Deniz Aytekin: Nein. Andere Sportarten sind einfach viel mehr von Zuschauereinnahmen abhängig. Da wäre eine Fortsetzung der Saison schlicht nicht vorstellbar gewesen. Viele Menschen haben sich Gedanken darüber gemacht, die Voraussetzungen für einen Re-Start geprüft und enormen Aufwand betrieben. Die Akteure - auch wir Schiedsrichter - waren und sind sich der Verantwortung und Vorbildrolle bewusst. Wenn ich mich an das Derby zwischen Dortmund und Schalke am ersten Spieltag nach der Corona-Pause erinnere: Da haben sich alle vorbildlich verhalten.

Es war aber nicht Ihr erstes Geisterspiel...

Nein, ich habe kurz vor der Saisonunterbrechung die Partie Gladbach-Köln gepfiffen. Es gab zwar keine besonderen Vorkommnisse, angesichts der ungewöhnlichen Atmosphäre wird es mir aber wahrscheinlich länger in Erinnerung bleiben. Ansonsten habe ich gelernt, schwierige Spiele schnell zu verarbeiten und abzuhaken - sonst wird man in diesem Geschäft nicht alt. Je mehr Erfahrung man hat, desto leichter gelingt einem das natürlich.

Eine weitere Besonderheit zu Corona-Zeiten war die Abschaffung der Landesverbandsklausel, um die Reisetätigkeit der Schiedsrichter einzuschränken. Dadurch durften Sie zum Beispiel zwei Begegnungen des FC Augsburg leiten. Wie war das?

Bis auf die kürzere Anreise gab es für mich überhaupt keinen Unterschied. Für mich spielt auf dem Platz einfach nur Rot gegen Gelb, es ist mir egal, woher die Mannschaften und Spieler kommen.

Hätten Sie als Mittelfranke auch Spiele des 1. FC Nürnberg und der SpVgg Greuther Fürth pfeifen dürfen?

Die offizielle Regel besagt, dass man nicht in der eigenen Stadt pfeifen darf. Für mich hätte das bedeutet, dass Fürth ausgeschlossen, der Club aber möglich ist. Da ich ziemlich genau in der Mitte zwischen Max-Morlock-Stadion und dem Ronhof wohne, habe ich aber explizit gesagt, dass für mich beide Vereine aufgrund meiner Nähe nicht in Frage kommen. Ich kann aber versichern, dass ich mit bestem Wissen und Gewissen auch diese Klubs pfeifen könnte.

Sind Sie dafür, dass die Aufhebung des Verbots beibehalten wird?

Ich hätte kein Problem damit. Für mich ist es angenehmer, nach Ingolstadt, München oder Augsburg zu fahren.

Sind Sie Fan einer Profimannschaft?

Nein. Ich bin lediglich Fan des TSV Altenberg, für den ich pfeife und wo mein Sohn Ben in der C-Jugend spielt.

Plant er auch eine Karriere als Schiedsrichter?

Aktuell hat er keine Ambitionen.

Was würden Sie ihm raten, wenn er doch in Ihre Fußstapfen treten will?

Man muss als Schiedsrichter authentisch sein, das heißt: So wie ich im Leben bin, sollte ich auch auf dem Platz sein. Da hat jeder seinen eigenen Stil, seine eigene Persönlichkeit. Das Wichtigste ist, dass man sich nicht verstellt.

Sie gelten nicht nur als authentisch, sondern auch als kommunikativ. Das zeigte eine TV-Doku Anfang dieses Jahres. Ist es das, was die Profis an Ihnen schätzen?

Egal, welche Linie man vertritt, es kommt nie bei allen gleichermaßen gut an. Auf dem Platz muss gegenseitiger Respekt herrschen.

In 25 Spielen der Saison 2019/20 haben Sie keine einzige glattrote Karte gezeigt. Liegt das an Ihrem Stil?

Das ist pauschal schwer zu sagen. Wenn die Spieler das annehmen, lässt sich bestimmt einiges vermeiden. Zu einem gewissen Grad ist es aber einfach Zufall, denn wenn eine Notbremse oder Tätlichkeit begangen wird, ist Rot zwingend. Da hilft kein Stil mehr.

In den letzten Spielen der Rückrunde war die Black-Lives-Matter-Bewegung ein großes Thema. Die Spieler haben vor dem Anstoß am Mittelkreis gekniet. Die Schiedsrichter blieben meistens stehen. Warum?

Es gab keine Anweisung des Deutschen Fußball-Bundes. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Diese Aktionen waren nicht wirklich koordiniert. Jeder hat für sich selbst entschieden. Ob sich jemand daran beteiligt oder nicht, hat aber nichts mit seiner Meinung zu tun. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass Ausgrenzung und Abgrenzung jeglicher Art furchtbar und nicht tolerierbar sind.

Hatten Sie im Laufe Ihrer Schiedsrichter-Karriere jemals mit Rassismus tun?

Noch nie. Wobei es eine Frage der Definition und Wahrnehmung ist. Als ich einmal das Revier-Derby zwischen Dortmund und Schalke pfiff, habe ich im Nachhinein bei Twitter gesehen, dass ein Zuschauer für mich einen Döner in den Signal-Iduna-Park bestellt hat. Ist das Rassismus? Ich fühle mich nicht als Deutscher oder Türke, sondern als Bürger, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.

Das ist Deniz Aytekin

Geboren am 20. Juli 1978 in Nürnberg, aufgewachsen und wohnhaft in Oberasbach im Landkreis Fürth. Seit 1995 Mitglied der Schiedsrichtergruppe Zirndorf, 2006 Aufstieg in die 2. Liga (bisher 74 Spiele), 2008 Aufstieg in die 1. Liga (174), 38 Europapokalspiele und 19 Länderspiele seit 2011, U17-WM 2015, DFB-Pokalfinale 2017. Bei der Beratungsplattform anwalt.de ist Aytekin Aufsichtsratsmitglied. Für fitnessmarkt. de ist er operativ tätig. Zudem hat er einige Internetfirmen aufgebaut und verkauft.