Im Pokalspiel gegen die MHP Riesen Ludwigsburg waren gerade einmal elf Sekunden gespielt, da kassierte Norense Odiase sein erstes Foul. Nur 20 Sekunden später schlug der Center von Brose Bamberg Elias Harris auf den Arm und kassierte dafür sein zweites. Fortan schmorte der US-Amerikaner auf der Bank. Es war nicht nur diese Partie, in der es für Odiase, einen von bislang zehn Neuzugängen des neunfachen deutschen Meisters, nicht rund lief. Der 25-Jährige wirkt noch als Fremdkörper im neu zusammengestellten Bamberger Team.

"Wenn man Norense Odiase verpflichtet, weiß man, dass man Defense und Rebounding bekommt", wurde sein neuer Trainer Johan Roijakkers in der Pressemitteilung zitiert, in der die Bamberger Anfang August die Verpflichtung des Centertalents bekannt gaben. Doch nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte das 2,03 Meter große und 113 Kilogramm schwere Kraftpaket aus Texas bislang noch nicht. 3,7 Punkte und 1,3 Rebounds standen für Odiase in den drei Partien des Pokalwettbewerbs in durchschnittlich 6:50 Minuten Einsatzzeit zu Buche.

Mit Foul am Dunking gehindert

Beim Champions-League-Auftaktsieg in Bologna durfte er nur 3:18 Minuten ran, in denen er weder punktete noch reboundete. Mit einem Dunking hätte der Center im zweiten Viertel beinahe spektakulär abgeschlossen, wurde aber mit einem Foul daran gehindert. Die beiden fälligen Freiwürfe warf er daneben, sein Arbeitstag war kurz darauf beendet. "Natürlich würde ich gerne länger auf dem Feld stehen, aber ich bin ein Teamspieler, der nimmt, was der Trainer ihm gibt", sagt Odiase. Eine Hüftverletzung hatte ihn in der Saisonvorbereitung drei Wochen außer Gefecht gesetzt, seine Integration ins Team geriet daher etwas ins Stocken.

Die Rolle des Bankdrückers, über die er bei den Bambergern bislang nicht hinauskam, ist für den US-Amerikaner eine neue. In der vergangenen Saison stand er im NBA-Unterbau, der G-League, im Schnitt über 20 Minuten pro Partie auf dem Feld. In seinem letzte College-Jahr hatte er sogar zu den Anführern seines Teams gezählt.

"Er spielt schon wie ein Profi", sagte sein damaliger Trainer Chris Beard, nachdem Odiase als Kapitän die Raiders der Texas Tech University ins Endspiel der US-College-Liga NCAA geführt hatte. Das Finale am 8. April 2019, einen der Höhepunkte im Sportjahr der Vereinigten Staaten, verfolgten in Minneapolis 72 062 Zuschauer. "Wir haben im Football-Stadion der Vikings gespielt. Aber nicht nur das war unglaublich. Wir hatten ein eigenes Hotel, es waren Tausende von Fans in der Stadt, wir sind uns vorgekommen wie Berühmtheiten", erinnert sich Odiase an seinen bisherigen Karrierehöhepunkt.

Der große Wurf blieb seiner Mannschaft allerdings versagt, die Raiders verloren nach Verlängerung mit 77:85. "Über diese Niederlage rege mich auch heute noch auf. Während des Lockdowns habe ich das Finale noch einmal angeschaut und mich wieder geärgert, weil wir so nah am Sieg dran waren", sagt Odiase. Mit zwei Freiwurfpunkten hatte er seine Raiders 20 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit mit drei Punkten in Führung gebracht. "Alles, was wir brauchten, war ein Stopp. Aber wir haben in der Verteidigung einen Fehler gemacht, Virgina hat einen Dreier getroffen, und wir mussten in die Verlängerung", rekapituliert der 25-Jährige. "Dieser Dreier hat uns den Wind aus den Segeln genommen, denn wir haben dann Fehler gemacht, die gnadenlos bestraft wurden." In der Verlängerung gelang den Cavaliers ein 9:0-Lauf.

Kein Interesse bei NBA-Draft

Wenige Monate später musste Odiase eine weitere Enttäuschung hinnehmen. Obwohl ihm sein College-Coach Beard eine glänzende Zukunft prophezeit hatte ("Er wird sehr viel Geld mit Basketball verdienen"), interessierte sich bei der NBA-Draft im Sommer 2019 kein Team aus der stärksten Liga der Welt für den athletischen Center. "Das hat mich nicht so sehr frustriert. Gott hat mit jedem seinen eigenen Plan, und ich bin dankbar für jede Gelegenheit, die er mir bietet", beteuert Odiase. Im Oktober vergangenen Jahres ging für ihn wieder eine Tür auf. Er heuerte bei den Phoenix Suns an, die Texaner schickten den 2,03-Meter-Mann aber in ihr Farmteam in die G-League.

Als Odiase bei den Northern Arizona Suns ankam, war Retin Obasohan gerade weg. Der belgische Nationalspieler hatte kurz zuvor ein Angebot von Brose Bamberg erhalten, das er annahm. Mit Odiase kam ein dreiviertel Jahr später ein zweiter Spieler von den Northern Arizona Suns zu den Oberfranken. Für Odiase, der seine basketballerische Laufbahn bislang ausschließlich im heimischen Texas bestritt, ist Bamberg seine erste Station im Ausland. "Um ehrlich zu sein, war Corona der Grund, warum ich die USA verlassen habe. Denn in der G-League wird nicht gespielt, deshalb ist es für mich eine großartige Gelegenheit, meine Karriere in Europa fortzusetzen", erklärt er.

Eine ganz neue Welt

Den ersten Kulturschock nach dem Sprung über den großen Teich hat der 25-Jährige bereits überwunden, denn er hat festgestellt, dass in Europa nicht nur anders Basketball gespielt wird ("nicht so athletisch wie in den USA, dafür wesentlich teamorientierter"), sondern auch der Alltag ein völlig anderer ist. "Für mich ist das eine ganz neue Welt. Die Supermärkte sind anders, die Verkehrszeichen sind anders, ich kann das alles gar nicht aufzählen", sagt Odiase. Seine neuen Teamkollegen und alle Mitarbeiter im Verein würden sich aber rührend um ihn kümmern. Daher fühlt sich Odiase, der seinen Geburtstag am 14. September erstmals ohne Freunde und Familie verbringen musste, auch nicht sonderlich einsam. Mit Eltern, Geschwistern und den Kumpeln in Texas tauscht er sich telefonisch oder über die sozialen Medien aus, auch wenn der Zeitunterschied dies erschwert. Doch Odiase ist der soziale Kontakt sehr wichtig: "Ich bin gerne unter Menschen und freue mich immer, wenn ich mit Freunden zusammensein kann. In Zeiten von Corona ist das natürlich tough."

Schade fand es Odiase daher auch, dass sein erstes und bislang einziges Spiel in Bamberg vor nur wenigen Fans stattfinden konnte. Beim Testspiel gegen Filou Ostende am 11. Oktober waren nur 545 Zuschauer in der Brose-Arena. Von der Stimmung war er aber dennoch angetan: "Die Trommler haben ganz schön Lärm gemacht, das war cool."

Zweimal Odiase

Auf Unterstützung durch die Fans müssen Odiase und seine Mitstreiter zunächst verzichten, aufgrund der Corona-Bestimmungen startet die Bundesliga am Wochenende vor leeren Zuschauerrängen in die Saison. Für die Bamberger werden die Spiele gegen Göttingen diesmal Höhepunkte, gab es doch zwischen beiden Teams im Sommer einen regen Personalaustausch. Auch Odiase freut sich auf die Duelle mit den Niedersachsen, denn mit Tai Odiase trägt ein US-Boy gleichen Namens und ebenfalls Center, das Trikot der "Veilchen". Beide sind aber nicht miteinander verwandt. "Wir haben uns im vergangenen Jahr in der G-League kennengelernt. Seitdem stehen wir in Kontakt und machen Scherze darüber. Ich nenne ihn meinen lange verschollenen Cousin", sagt der "Bamberger" Odiase grinsend.

Zur Person: Norense Odiase

Die Anfänge Norense Odiase begann im Alter von sieben Jahren das Basketballspielen. Nach seiner High-School-Zeit in Fort Worth/Texas spielte er von 2014 bis 2019 für die Texas Tech University in Lubbock. Seine College-Laufbahn umfasste fünf statt der üblichen vier Jahre, weil er über ein halbes Jahr wegen eines gebrochenen Fußes pausieren musste. Mit den Raiders erreichte der Center 2018 das Finale der College-Liga NCAA. Bisherige Stationen Nachdem Odiase bei der NBA-Draft 2019 unberücksichtigt blieb, erhielt er einen Platz im Trainingscamp des NBA-Klubs Phoenix Suns. Die Texaner setzten ihn aber in der vergangenen Saison nur in ihrem Farmteam Northern Arizona Suns in der G-League ein. Hier verbuchte er in 35 Spielen im Schnitt 5,5 Punkte und 7,1 Rebounds. Am 4. August 2020 unterschrieb der Center einen Einjahresvertrag bei Brose Bamberg. Die Familie Odiase wurde am 14. September in Forth Worth geboren. Seine Eltern stammen aus Nigeria. Odiases Vater arbeitet als Apotheker, seine Mutter ist Krankenschwester. Der 25-Jährige hat einen Zwillingsbruder ("Nick ist vier Minuten älter als ich") sowie zwei ältere Zwillingsschwestern, die als Buchhalterin bzw. Lehrerin tätig sind. Die Trikotnummer Odiase trägt seit seiner Highschool-Zeit die 32 auf dem Rücken. "Ich sah damals ein Spiel von Shaquille O'Neal mit den Miami Heat, da trug er diese Nummer, und in dieser Partie hat er mich begeistert", sagt der 25-Jährige über seinen prominenten Centerkollegen. Odiases Lieblingsspieler ist aber LeBron James: "Er inspiriert mich, weil er ein Anführer ist."