Darf sie das? Wuchtig steuert Laura ihren Rollstuhl in den von Christian. Das Sportgerät des 49-Jährigen kippt, der offensichtlich stark gehandicapte Mann fliegt auf den Boden. Sofort fahren die anderen Mit- und Gegenspieler herbei, bilden eine Traube um den "Unfallort". Doch Christian grinst. Es scheint nicht das erste Mal zu sein, dass er beim Rollstuhl-Basketball stürzt.

Bei den Fit4Rollis in Bamberg treffen sich Menschen mit und ohne Behinderung, um miteinander Sport zu treiben. "Gut die Hälfte unserer Mitglieder sind Fußgänger", erklärt Robert Bartsch vom Förderverein goolkids, der mit dem Fit4Rolli e.V. kooperiert. Sportler ohne Handicap werden in integrativen Gruppen Fußgänger genannt.

Bis zu 8000 Euro für Rollstuhl

90 Minuten vorher: Wer als Neuling an einem Freitagabend um 18 Uhr in die alte Baskidhall in der Moosstraße kommt, schnappt sich einfach einen Sportrollstuhl. Gebraucht kostet er um die 1500 Euro. Der Neupreis liegt bei bis zu 8000 Euro. Um seinen "Fuhrpark" zu vergrößern, hat goolkids ein Crowdfunding gestartet (siehe Infokasten). Die meisten Mitglieder sausen gerade übers Parkett und werfen Körbe. Ich setzte mich in eine kleinere Version eines Sportrollstuhls und rolle zaghaft los.

Ehe ich die andere Seite der kleinen Halle erreiche, rast Frank auf mich zu und legt eine zentimetergenaue Vollbremsung hin. Einen Anfänger erkennen die Rollis sofort - und geben ihm eine kostenlose Fahrstunde. Auf dem Rollstuhl verschwimmen die körperlichen Unterschiede. Seine halbseitige Querschnittslähmung fällt mir erst auf, als er mir davon erzählt - so geschickt bewegt er sich mit Ball und Fahrzeug. Nach dem Training geht das Team gemeinsam Essen. "Am Wochenende machen wir zum Beispiel zusammen eine Stadtführung", erzählt der 55-Jährige.

Stuhlkreis für die Passübung

In einem Hütchen-Parcours mache ich meine ersten Fahrversuche. Zu meiner Erleichterung bin ich heute nicht der einzige Anfänger. Die Rollstuhlfahrprüfung würde ich noch nicht bestehen, doch die nächste Disziplin wartet. Wir bilden einen Kreis in der Mitte der Halle. Ohne Vorwarnung wird mir der Ball zugespielt. Wer nicht aufpasst, hat Pech gehabt. Erst recht, wenn der Absender einen Presspass mit beiden Händen ansetzt.

Darf ich das? Als ich die Kugel bekomme, rattern mir 1000 Gedanken durch den Kopf: Kann ich den Mann ohne Beine anwerfen? Was ist, wenn Chris nicht mit meinem Pass rechnet? Denken die behinderten Mitspieler, dass ich sie meide, wenn ich einen Nichtbehinderten anspiele? Die Gruppe macht es mir leicht: Fußgänger und Gehandicapte necken sich mit unerwarteten Aktionen gegenseitig, so dass ich mich schnell wie in einer Trainingseinheit fühle, wie ich sie zum Beispiel vom Fußball und Volleyball kenne. Ich darf das.

Bei der Wurfübung, die ich im Vergleich zu den Stammspielern in Zeitlupe absolviere, habe ich mein erstes Erfolgserlebnis. "Du hast dir schnell was von den anderen abgeschaut", lobt mich Robert von außen. Mannschaftswahl: Sortiert wird nicht nach Grad der Behinderung, sondern nach Spielstärke. Den Sprungball verlieren wir. In der Defense müssen wir zunächst die blau markierte Zone in Korbnähe verteidigen. Dazu postieren wir unsere Rollstühle wie eine Barrikade davor.

Auch Frank nimmt den Zweikampf an. Seit Corona ist der Konstrukteur einer Elektrofirma aus Baunach aber vorsichtiger: "Ich hatte schon zwei Mal eine Lungenembolie und versuche, Abstand zu halten. Die Umarmung zur Begrüßung fällt leider weg", sagt Köhler, der parallel bei den Bamberger Poldis sportelt und dort gelegentlich am offiziellen Spielbetrieb teilnimmt. Handdesinfektion helfe wenig, da man beim Anschieben des Rollstuhls indirekt ständig mit dem dreckigen Boden in Berührung komme.

Zu langsam zum Mitspielen

Unsere Festung hält. Mit dem Ballgewinn sind wir in der Offense. Im ersten Angriff komme ich als Anspielpartner gar nicht in Frage, denn ich fahre viel zu langsam. Ein Pass zurück in die eigene Hälfte ist aber nicht erlaubt. Will ich aktiv am Spiel teilnehmen, muss ich mehr Gas geben. Der Sportler in mir sagt: "Du musst über den Kampf in die Partie finden!" Also blockiere ich fortan den Weg der Gegner. Erlaubt ist Rammen nur seitlich. Eine frontale Berührung gilt als Foul.

Mein Plan funktioniert. Es fängt an, richtig Spaß zu machen. Ob es dem Mitleid meiner Gegenspieler oder meinem Ehrgeiz geschuldet ist: Auf Zuspiel von Dirk gelingt mir ein Korbleger. Der Spielstand ist allen egal. Wer eine Pause braucht, fährt raus. Ich verabschiede mich erst, als ich vom Anschieben Blasen an den Fingern bekomme.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Laura darf das. Nach dem Training klärt sie mich auf: "Das war eine Schwalbe von Chris. Er hat sich mir absichtlich in den Weg gestellt und ist vom Stuhl gesprungen. Er liebt es, andere zu ärgern und zu schocken", sagt die 26-Jährige über den Rollstuhlbeauftragten der Stadt Bamberg. Darf er das? Er darf das!

Rollstuhl-Basketball hat Frank Köhler zurück ins Leben geholt

Dezember 2012: Frank Köhler springt von einer Kinder-Wasserrutsche ins Schwimmbecken und stößt mit dem Kopf auf den Boden. Als er im Krankenhaus aufwacht, hat er halbseitig eine komplette Querschnittslähmung. Der Diagnose folgt der zweite Sturz: in ein mentales Loch. Erst zweieinhalb Jahre später holt ihn der Sport da raus, als er sich den Poldis Bamberg anschließt.

"Es hat mir geholfen, wieder Fuß zu fassen und einfach unter Leuten zu sein", sagt der Baunacher, der vor seinem Unfall keine Sportskanone war. Heute macht der 55-Jährige "so viel Sport wie möglich". Neben dem Rollstuhl-Basketball bei den Poldis, wo er ab und zu auch an Liga-Spieltagen teilnimmt, ist er festes Mitglied bei der Hobbygruppe Fit4Rolli. Ein paar Mal im Jahr fährt der gebürtige Stuttgarter in die Nähe von Heidelberg, wo er unter dem Dach der Manfred-Sauer-Stiftung Badminton spielt.

Genau wie die Poldis und Fit4Rolli setzt sich die Stiftung für das Miteinander von Menschen mit Behinderung und Fußgängern ein. Für Wettkämpfe im Rollstuhl-Basketball - erfunden 1946 von Kriegsverletzten in den USA - gibt es ein eigenes System. Jeder Teilnehmer wird in Abständen von 0,5 mit einer Zahl zwischen 1 (stärkste Beeinträchtigung) und 4,5 (Fußgänger) eingeteilt. Die fünf Spieler einer Mannschaft dürfen nicht über 14 kommen. Frauen erhalten in gemischten Teams generell 1 bis 1,5 Zähler weniger. Köhler hat 3,5.

"Ansonsten sind die Reglen fast wie im normalen Basketball", sagt Köhler: Von der Korbhöhe (3,05 Meter) über die Spielzeit (4x10 Minuten), die Foul- und Punktewertung bis zu den 24 Sekunden, die ein Angriff maximal dauern darf. Sogar das Dribbeln hat Parallelen: "Während du den Basketball auf dem Schoß hast, darfst du nur zwei Mal anschieben. Dann musst du ihn tatzen oder abgeben", erklärt der 55-Jährige.

In der Bayernliga spielt Köhler nicht regelmäßig: "Die Strapazen eines Spieltags, bei dem an einem Ort zwei Duelle mit Teams aus dem ganzen Freistaat stattfinden, ist mir zu groß." Aufgrund der Pandemie findet die Saison 2020/21 ohnehin nicht statt. Bereits die vergangene Spielzeit wurde kurz vor Ende abgebrochen.

Crowdfunding war erfolgreich

Der Bamberger Förderkreis goolkids setzt sich seit 2015 für Inklusion im Sport ein. Dasselbe Ziel verfolgt der Verein Fit4Rolli, der künftig auch auf Sportrollstühle von goolkids zurückgreifen will. Um zwölf neue Modelle und einen Anhänger für den Transport anzuschaffen, lief kürzlich ein Crowdfunding. Die Zielmarke von 15 000 Euro wurde bis zum 12. Oktober knapp übertroffen. Mit Hilfe von Stiftungen sollen letztlich 40 000 Euro zusammenkommen. Die Rollstühle sollen Vereinen, Verbänden, Schulen und Firmen auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden.