Viele "echte" Bamberger sind nicht mehr Teil des Bundesliga-Teams. Karsten Tadda ist weg, einer der letzten "Eingeborenen". Wenn auch nicht auf dem Basketball-Parkett, so doch zumindest am Spielfeldrand agiert der Bamberger Dominik Günthner im Trainerstab unter Headcoach Andrea Trinchieri. Zusammen mit den beiden Assistenztrainern, dem Griechen Ilias Kantzouris und dem Italiener Federico Perego, arbeitet Günthner eher im Hintergrund. Seine Arbeit ist meist erledigt, wenn der Schiedsrichter das orangene Leder zum Sprungball hochwirft.


Tabellenvorletzter zu Gast

Der 28-Jährige ist für die Gegner-Beobachtung in der Bundesliga zuständig. Stundenlang sichtet der erst vor wenigen Jahren ins Trainergeschäft eingestiegene Bamberger die Spiele der Gegner. So auch für die Partie am Dienstagabend (20.30 Uhr im Liveticker auf inFranken.de) gegen den Tabellenvorletzten Rasta Vechta.

Zusammen mit Trinchieri, Kantzouris und Perego teilt sich der 28-jährige Bachelor-Betriebswirt im Trainingszentrum in der ehemaligen Hauptsmoorhalle in Strullendorf ein Büro. Dort sitzt Günthner vor seinem Rechner, schaut sich mindestens drei Spiele des Gegners an und analysiert dessen Systeme. Vier bis fünf Tage nimmt das in Anspruch, bis jeder Angriff und jede Abwehr des Gegners im Video markiert ("getagt") sind.


Videos sowie Infos über Mannschaft und Spieler

Das Ergebnis sind ein Playbook mit den Systemen des Gegners und ein Auswertungsbogen, wie oft der Gegner welchen Spielzug anwendet, und mit welchem Erfolg. "Dann schauen wir zwei zusammengeschnittene Videos des Gegners an, eines am Tag vor dem Spiel mit den teamtaktischen Sachen und das andere, etwa zehn Minuten lang, am Spieltag 100 Minuten vor Beginn der Partie mit individuellen Szenen von jedem Spieler. Zum ersten Video bekommt jeder Spieler noch einen Scoutingbogen vom Gegner über Taktik und zwei Zeilen über jeden einzelnen Akteur des Gegners, welche Bewegungen er bevorzugt, wenn er zum Beispiel mit der rechten Hand dribbelt, und was er macht, wenn er mit dem Rücken zum Korb spielt und so weiter", sagt Günthner.


"Aufwändige Fieselarbeit"

Und wenn der Gegner mit einem Neuzugang antritt, wie vor Kurzem die Münchner mit Nick Johnson? "Dann steht uns das Videoportal Synergy zur Verfügung. Dort kann man Spiele, Mannschaften und Spieler aus der ganzen Welt analysieren", erzählt Günthner über das nicht gerade billige Werkzeug, das ihm in solchen Fällen bei der "zeitaufwändigen Fieselarbeit" hilft.

Doch vor Überraschungen ist man nicht immer gefeit. Ins Schwitzen kam Günthner im vergangenen Jahr in Göttingen. Der Gegner hatte sich kurz vor dem Spiel mit einem neuen Ausländer verstärkt. "Ich wurde erst einmal gefragt, warum ich nichts von dem Spieler wusste. Ich saß dann auf der Bank und habe gehofft, dass der nicht 30 Punkte macht" , kann der Bamberger im Rückblick über die Situation lachen. Auf alles kann man das Team auch nicht vorbereiten...


Aufteilung in Bundesliga und Euroleague

Mit Kantzouris, der sich oft noch ein anderes Spiel des Gegner ansieht, ergänzt sich Günthner hervorragend. Das Teamwork steht im Vordergrund. Mit Perego teilt er sich die Video-Arbeit. "Ich mache die Bundesliga, Fede die Euroleague, denn alleine ist das nicht zu schaffen", so der 28-Jährige, der von Elf-Stunden-Tagen berichtet.
Nach der Schlusssirene ist die Arbeit aber nicht getan. Das Analysieren und Archivieren der eigenen Spielzüge in einer Datenbank gehört ebenfalls zu den Aufgaben des jungen Trainers, der bei seiner Arbeit extrem viel lernt. "Nicht nur basketballerisch, die kulturellen Unterschiede im Team, Menschenführung, Gruppendynamik - all' das gibt mir viel", so Günthner.


Vechta - Moskau - Jena

Das kommende Programm mit den drei Heimspielen bietet krasse Gegensätze. Nach Vechta am Dienstagabend kommt am Donnerstag der Euroleague-Champion Moskau in die Arena, ehe am Sonntag Aufsteiger Jena in Bamberg gastiert. Den nächsten Gegner, Rasta Vechta, hat der Video-Scout bereits analysiert. Die Mannschaft von Trainer Andreas Wagner verlor am Wochenende das Kellerduell gegen Tübingen zu Hause nach einem 17-Punkte-Rückstand vor der Pause am Ende knapp mit 76:82 und steht mit nur zwei Siegen auf dem vorletzten Platz mit dem Rücken zur Wand. "Mit dem Amerikaner Scott Machado hat Rasta den besten Assistsgeber der Liga, der das Team zusammenhält. Wir haben analysiert, wie er seine Teamkollegen einsetzt, vor allem die Schützen", sagt der Brose-Video-Scout.


Wiedersehen mit Philipp Neumann

Neben dem Bundesliga-Dino Derrick Allen (36) sind noch Topscorer Frank Gaines und Christian Standhardinger zu beachten. "Besonders weisen wir auf das Zusammenspiel der Großen bei Pick-and-Roll-Situationen hin und deren gute Offensivreboundarbeit", verrät Günthner. Zu den Großen in Vechta zählt auch der Ex-Bamberger Philipp Neumann, der allerdings nach seiner Verletzung zum Ende der vergangenen Saison in Ulm und dem Wechsel zu den Rastanern noch nicht so recht Fuß gefasst hat. Die Bamberger Fans werden den 24-jährigen Center sicher gebührend willkommen heißen.