So ganz geheuer ist Dominic Lockhart die Sache nicht. Zögerlich nimmt er die Franken-Fahne auf dem Parkett der Trainingshalle in Strullendorf entgegen und hält diese zunächst etwas skeptisch in die Kamera unseres Fotografen. Nach wenigen Augenblicken arrangiert sich der 26-Jährige aber mit der Situation und lächelt - eingehüllt in rot-weißer Fahne. Lockhart ist gebürtiger Schweinfurter, fühlt sich aber verständlicherweise nicht als echter Franke. "Meine Mutter hat damals eine Freundin in Schweinfurt besucht und ich bin dann einfach einige Tage zu früh gekommen. Geplant war das nicht", klärt der 1,98 Meter große Aufbau- und Flügelspieler auf.

Seine Mutter stammt aus dem rund 200 Kilometer westlich gelegenen Wetzlar in Mittelhessen, wo Lockhart genau wie seine Brüder Sherman (38) und Malcolm (29) aufgewachsen ist. Lockharts Vater ist US-Amerikaner, war damals als Soldat in Aschaffenburg stationiert. Lockharts fränkische Erfahrungen beschränken sich mehr oder weniger auf die Bundesliga-Gastspiele seiner Ex-Vereine, den EWE Baskets Oldenburg und der BG Göttingen, in Bamberg, Bayreuth und Würzburg.

Vor rund zwei Wochen hat der 26-Jährige eine Wohnung in Innenstadtnähe bezogen. Mit der hiesigen Kulinarik ist er aber noch nicht in Berührung gekommen. "Was ist denn typisch für Franken?", erkundigt sich der ruhige Zeitgenosse im Gespräch. "Schäuferla zum Beispiel - ein Stück der Schweineschulter." Die Begeisterung hält sich in Grenzen: "Das ist nicht so mein Ding. Aber ich werde es auf jeden Fall mal probieren. Vielleicht wird es ja mein Ding. Zurzeit esse ich aber ohnehin wenig Fleisch und bin eher auf der Gemüseschiene."

Das wird Trainer Johan Roijakkers gerne hören, schließlich lebt der neue Bamberger Coach eine gesunde Ernährung selbst vor und erwartet das auch von seinen Spielern. Mit Lockhart hatte der Niederländer bereits drei Jahre zusammen in Göttingen (2017 bis 2020) zusammengearbeitet, ehe er ihn nach Bamberg köderte. Neben Roijakkers trifft der 26-Jährige mit Mitspieler Bennet Hundt, Co-Trainer Hylke van der Zweep, Athletiktrainer Domenik Theodorou und Videocoach Julian Meier noch auf eine Reihe weiterer alter Bekannter.

Dreierquote fast verdoppelt

Hat er bei all den vertrauten Gesichtern manchmal noch das Gefühl, in Niedersachsen zu sein? Lockhart grinst. "Nein, gar nicht. Es sind zwar teilweise die gleichen Leute, aber die Trainingshalle, die Stadt und auch die Mentalität der Menschen sind komplett anders. Die Göttinger Fans sind auch basketballverrückt, aber hier ist das noch einmal auf einem anderen Level. Ich wurde schon ein paar Mal im Supermarkt angesprochen, die Leute hier sind näher dran an den Spielern."

Näher gekommen ist Lockhart bereits vor seinem Wechsel nach Bamberg dem Brose-Individualtrainer Stefan Weissenböck. "Dominic kam vor zwei Jahren im Sommer zu mir, weil er mit seinem Wurf Schwierigkeiten hatte", erklärt der 47-jährige Österreicher. "Wir haben an seinem Wurf herumgeschraubt. Er hat sich sehr bemüht und alles gut angenommen. Und es spricht für ihn, wie er sich in dem Bereich in den letzten Jahren verbessert hat."

Die nackten Zahlen unterstreichen das. Nachdem der Guard in seiner ersten Göttinger Spielzeit 2017/18 gerade einmal 23 Prozent (15/64) seiner Versuche von der 6,75-Meter-Linie verwandelt hatte, waren es vergangene Saison starke 40 Prozent (43/109).

Auffällig: Lockhart nahm deutlich mehr Dreier- als Zweipunktwürfe (48). "Diese Entwicklung war so gewollt. Das Spiel verlagert sich immer mehr in Richtung Dreipunktelinie, da muss man sich anpassen. Wenn du einen konstanten Wurf hast, respektieren dich die Gegenspieler und du kannst Räume für andere schaffen", sagt der 26-Jährige, der auf dem Spielfeld als äußerst uneigennützig gilt - manchmal zu sehr. "Ich hatte Spiele dabei, in denen ich zwei Würfe getroffen hatte, dann aber den dritten nicht mehr genommen habe. Dass ich in so einer Phase auch mal weiter werfe, daran muss ich arbeiten."

Vielseitig in Angriff und Abwehr

8,2 Punkte, 3,7 Rebounds und 3,2 Assists in durchschnittlich 28 Minuten in der letztjährigen Bundesliga-Hauptrunde klingen im ersten Moment nicht spektakulär, sind aber letztlich ein veritabler Nachweis für seine Vielseitigkeit. Seine offensiven Qualitäten konnte beziehungsweise durfte Lockhart bei seiner ersten Bundesliga-Station in Oldenburg (2013 bis 2017) noch nicht unter Beweis stellen.

"Meine Rolle in Oldenburg war in erster Linie, für ein paar Minuten reinzukommen und den gegnerischen Point Guard über das ganze Feld zu verteidigen", sagt Lockhart, der im Oktober 2013 mit 19 Jahren sein BBL-Debüt feierte. Er erkämpfte sich zwar bereits in der Saison 2014/15 (acht Minuten pro Spiel) einen Platz in der erweiterten Rotation, trat dann aber in den nächsten Jahren auf der Stelle. Seine letzten drei Partien für die Norddeutschen bestritt er in der Finalserie 2017 gegen Bamberg - auch hier kam er nur durchschnittlich acht Minuten zum Einsatz und erzielte keinen einzigen Punkt.

"Roijakkers gibt mir Vertrauen"

Mit 23 Jahren stand Lockhart am Scheideweg. Bleibt der ehemalige Juniorennationalspieler ein ewiges Talent oder schafft er an einem anderen Standort den Durchbruch? "Ich wollte für mich selbst ausprobieren, ob ich noch mehr draufhabe. Im Nachhinein wäre es schlauer gewesen, Oldenburg ein Jahr früher zu verlassen", meint er.

Lockhart und Göttingen: Das passte auf Anhieb. Knapp zwei Monate nach seinem ersten Pflichtspiel für die Veilchen feierte der Guard sogar sein Debüt in der deutschen A-Nationalmannschaft. Das hatte Lockhart vor allem seinem Förderer Johan Roijakkers zu verdienen. "Johan hat mir das Vertrauen und ein gutes Gefühl gegeben. Ich habe immer gespürt, dass er mich auf dem Platz haben will."

Für den Niederländer war Lockhart eine verlässliche Option im Angriff und die wichtigste Waffe in der Abwehr, da er mit seiner Schnelligkeit und Körpergröße sowie Armspannweite nahezu alle Gegenspieler verteidigen kann. "Ich kann mich an ein Spiel gegen Frankfurt erinnern, als unsere Center verletzt waren und ich auf der Position 5 aushelfen musste. Da musste ich Mike Morrison im Post-up verteidigen. Das war hart", erinnert er sich.

Kobe hat ihn zum Basketball gebracht

Seine zwei sportlichen Vorbilder sind beziehungsweise waren aber auf den kleinen Positionen zu Hause. "Die ersten Basketball-Videos, die ich jemals gesehen habe, waren von Kobe Bryant. Er wird immer mein Idol bleiben", sagt Lockhart und ergänzt: "Faszinierend finde ich auch Derrick Rose. Ich habe, bevor er in die NBA kam, noch nie einen Point Guard gesehen, der so explosiv ist und gut scoren kann. Ich habe immer versucht, ein bisschen wie er zu spielen. Aber das ist unmöglich."

Was Lockhart Mut machen dürfte: Rose erlebte seine mit Abstand erfolgreichste Zeit bei den Chicago Bulls - im rot-weißen Gewand ...

Zur Person: Dominic Lockhart

Die Anfänge Obwohl Dominic Lockhart in der Handball-Hochburg Wetzlar aufwuchs, begann er nach dem Vorbild seiner beiden Brüder mit dem Basketball. Sherman (38) spielte ebenfalls höherklassig, unter anderem für den TV Lich in der 2. Liga. Heute ist dieser im Nachwuchsprogramm der Gießen 46ers tätig. Dort wurde auch Dominic als Basketballer groß (2007 bis 2013). Begonnen hat er mit zehn Jahren beim TV Wetzlar.

Freizeit Neben Basketball kann sich Lockhart auch für Fußball und American Football erwärmen. "Fußball spiele ich ganz gerne selbst, beim Football beschränke ich mich aufs Zusehen. Da wäre die Verletzungsgefahr zu groß." Trikotnummer Lockhart trägt wie in Göttingen auch bei Brose Bamberg die Nummer 3. Ausgewählt hat er sich die Zahl, weil er am 3. Juli 1994 geboren wurde.