Keine Fußball-EM, abgesagte olympische Spiele, dafür immer wieder diese Bilder von leeren Zuschauerrängen, die irgendwann exemplarisch für dieses verkorkste Sportjahr stehen sollten.

2020 hat eigentlich wenig Anlass gegeben, um es aus sportlicher Sicht in Erinnerung zu behalten. Oder vielleicht doch? Wissen Sie noch, wie sich der 1. FC Nürnberg gegen den FC Ingolstadt zum Klassenerhalt quälte? Wie Kevin Krawietz und Andreas Mies das Kunststück gelang, in Paris ihren Doppel-Titel bei den French Open zu verteidigen?

Das sind unsere zehn fränkischen Sportmomente des Jahres 2020.

1. Als der 1. FC Nürnberg die Passion auf die Spitze trieb

Ich bin explodiert. Ohne Vorwarnung. Dabei war ich doch schon erledigt, kaputt, desillusioniert. Ein Häufchen Elend auf der Pressetribüne im Audi-Sportpark des FC Ingolstadt. In sich zusammengesunken, weil die "Schanzer" Sekunden vor dem Spielende mit 3:0 führten. Gegen meinen Club, der den 2:0-Vorsprung aus dem Hinspiel binnen einer Viertelstunde aus der Hand gegeben hatte, und damit kurz vor dem Absturz in die 3. Liga stand. Eine Tragödie für alle, die den 1. FC Nürnberg im Herzen tragen. Schreibt die Legende mal wieder ein Kapitel in der langen Geschichte des Scheiterns? Dann trifft Fabian Schleusener. Sekunden vor dem finalen Pfiff. Die Rettung. Der Wahnsinn. Das Wunder, an das ich nicht mehr geglaubt habe. Ein Menschen-Knäuel in Ekstase begräbt den Torschützen, ich springe auf und ins Leben zurück, jegliche journalistische Reserviertheit verlierend. Eine Überdosis Gefühle. Und das in einem Geisterspiel.js

2. "Kramies" wehren vor Paris-Triumph Matchbälle ab

Eine Titelverteidigung bei den French Open scheint für den Coburger Kevin Krawietz und den Kölner Andreas Mies nach wechselhaften Leistungen im komplizierten Tennis-Jahr illusorisch. Im Achtelfinale am 3. Oktober droht dieser Traum tatsächlich zu platzen. Die französischen Außenseiter Benjamin Bonzi und Antoine Hoang dominieren den zweiten Durchgang (6:1) und erspielen sich im Entscheidungssatz beim Stand von 5:4 drei Matchbälle. Doch so fehlerhaft die Deutschen zuvor agierten, so nervenstark halten sie in diesem Moment wie Champions dem Druck stand. "Kramies" wehren alle Bälle ab und gewinnen im Tiebreak. Der Rest ist deutsche Tennis-Geschichte.mg

3.Ein Schuss ins Glück für Würzburger Kickers

Fünf Schritte Anlauf, ein Schuss mit links und es steht 2:2. Die Würzburger Kickers steigen am 4. Juli in die 2. Fußball-Bundesliga auf, vor allem, weil Kapitän Sebastian Schuppan in der Nachspielzeit vom Punkt die Nerven behält. Dabei entpuppt sich der Gegner, der Hallesche FC, lange als Spielverderber und führt bis kurz vor dem Ende mit 2:1 am Dallenberg.

Es droht die Relegation. Doch dann kommt Aufstiegsexperte Schuppan. Für den 34-Jährigen war es der vierte Aufstieg in die 2. Liga und ein würdiges Ende seiner aktiven Karriere. Dem Fußball bleibt er aber erhalten: Seit Mitte November ist Schuppan als Sportvorstand bei den Kickers tätig. reu

4.Der "virtuelle" Aufstieg des HSC 2000 Coburg

Einige tanzen im Wohnzimmer, manche sitzen gemütlich auf der Couch. Der eine hat seine Bude beleuchtet wie eine Diskothek, der andere verzichtet gänzlich auf Lichteffekte. Die Meisterfeier der Handballer des HSC 2000 Coburg am 25. April ist außergewöhnlich. Kein rauschendes Fest auf dem Rathausbalkon, keine jubelnden Massen in der Vestestadt. Jeder feiert für sich, in seinen eigenen vier Wänden. Nur per Videochat sind die HSC-Helden verbunden. Auf 22 kleinen Kästchen zeigt sich, wie der HSC im April notgedrungen seine Meisterschaft feiern muss. Kurz zuvor hat die Bundesliga die Spielzeiten in der 1. und 2. Liga abgebrochen. Coburg und Essen dürfen ins Oberhaus - und eine außergewöhnliche Meisterschaft feiern.the

5. Die Zuschauer kehren endlich zurück

Jan Egelseer weiß, welche Knöpfe er drücken muss, um die 1720 Fans in der Nürnberger Arena zum Aufspringen zu animieren. Der Stadion-DJ ist bei Heimspielen des Handball-Bundesligisten HC Erlangen nicht nur für die Einlaufmusik zuständig. "Ich setze Impulse für die Zuschauer. Die Stimmung geht auch an den Spielern nicht spurlos vorbei", sagt der 37-Jährige. Am Abend des 11. Oktober zeigt das Wirkung, obwohl die Halle bei Handballspielen das Fünffache an Publikum aufnehmen kann. Erlangen bezwingt Melsungen mit 31:21. Nach Monaten ganz ohne Handball, etlichen Testspielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Ausarbeitung strenger Hygienekonzepte dürfen die Profiklubs endlich wieder Fans begrüßen. Allerdings nur für sehr kurze Zeit. Nicht nur für den HCE blieb es bislang die einzige Partie vor Zuschauern. "Inzwischen habe ich mich schon fast an die Leere gewöhnt", erzählt Egelseer schwermütig.rup

6.Ringer Hannes Wagner gewinnt EM-Bronze

Die deutschen Ringer-Fans in der Halle in Ostia vor den Toren Roms stehen am 12. Februar hinter Frank Stäbler. Das deutsche Aushängeschild gewinnt Gold. Zwei Kämpfe, bevor der Lichtenfelser Hannes Wagner auf die Matte geht. Wagner kämpft um Bronze. Der 24-jährige Griechisch-römisch-Athlet vom AC Lichtenfels, der im Jahr zuvor den Kampf um Platz 3 verloren hatte, wird von einigen Fans aus Oberfranken und den Stäbler-Anhängern angefeuert. Im Livestream fiebert wahrscheinlich halb Lichtenfels mit.

Gegen den Weißrussen Stanislaw Schafarenka nimmt er mit 8:3 Revanche für die Vorjahresniederlage und sichert sich seine erste internationale Medaille bei den Männern. "Ein unglaubliches Gefühl", sagt Wagner, der tags darauf auf kein Gewichtslimit mehr achten muss und mit Stäbler & Co. in einer Pizzeria feiert. "Da hab' ich meine Hopfenspeicher wieder aufgefüllt", berichtet der fränkische Modellathlet der 82-Kilo-Klasse.us

7.Merlin Hummel: In Braunschweig auf Goldkurs

Im August liegt in Braunschweig eine Sensation in der Luft. Der erst 18-jährige Kulmbacher Merlin Hummel steuert bei der deutschen Meisterschaft im Hammerwurf der Männer mit 69,53 Metern auf Goldkurs. Nur noch ein Wurf steht aus. Titelverteidiger Tristan Schwandke, in Würzburg geboren und nun im Allgäu lebend, geht in den Ring. Der Athlet vom TV Hindelang steigert sich um über zwei Meter auf 70,85 und schnappt dem Kulmbacher noch den Titel weg. Der ist aber auch mit Silber höchst zufrieden, wird wenig später souverän Jugend-Meister und im Dezember zu Deutschlands bestem Nachwuchs-Leichtathleten 2020 gekürt. Hummel ist der kommende Mann unter den deutschen Hammerwerfern - auch wenn die Olympischen Spiele in Tokio 2021 für ihn wohl noch zu früh kommen. cs

8.Medi Bayreuth und das verpasste Final-Turnier

Mittwoch, 11. März 2020, 20.30 Uhr. Medi Bayreuth hat gerade den größten sportlichen Erfolg in seiner Vereinsgeschichte geschafft. Im Rückspiel der Basketball-Europa-Liga schlagen die Oberfranken U-BT Cluj-Napoca aus Rumänien mit 100:87 und machen die 82:83-Niederlage aus dem Hinspiel wett. Für die Spieler und Trainer Raoul Korner ist es schon schade, dass sie den großen Triumph ohne ihre Fans feiern müssen. Denn kurz vor der Partie wurde Corona zur Pandemie und die bayerische Staatsregierung hatte alle Veranstaltungen mit Zuschauern untersagt.

Doch es kommt noch schlimmer. Denn das Turnier der besten vier findet wegen Corona nicht statt. Wie hätte sich wohl das Team von Trainer Raoul Korner im Halbfinale gegen den türkischen Spitzenklub Pinar Karsiyaka geschlagen? Oder im möglichen Finale gegen Bahçesehir oder Bakken? cs

9.Brose Bamberg: Tollhaus fast wie in alten Zeiten

Nach dem Champions-League-Spiel gegen Iberostar Teneriffa am 4. Februar gleicht die Brose-Arena einem Tollhaus. Für Ekstase unter den Fans von Brose Bamberg hat Christian Sengfelder gesorgt. In der Verlängerung der spannenden Partie dreht der Nationalspieler beim Stand von 92:96 in der letzten Minute mit zwei Dreiern die Begegnung. Sein zweiter erfolgreicher Distanzwurf binnen 30 Sekunden zum 98:96-Erfolg flutscht fünf Sekunden vor der Schlusssirene durch die Reuse. Am Ausscheiden aus dem internationalen Wettbewerb ändert das zwar nichts, aber in dieser Partie sorgen die Bamberger Basketballer zum einzigen Mal in diesem Jahr für Gänsehaut-Atmosphäre in der Arena.ps

10.Eltmann bezwingt den Rekordmeister

Es war eine Premiere und ein letztes Hurra einer ansonsten verkorksten Bundesliga-Saison: Die Volleyballer der Heitec Volleys Eltmann bezwingen am 22. Januar den deutschen Rekordmeister VfB Friedrichshafen mit 3:2. Dabei drehen sie sogar einen 1:2-Satzrückstand. Zuvor war den Unterfranken in ihrer jahrelangen Bundesliga-Geschichte kein einziger Satzgewinn gegen den haushohen Favoriten gelungen. Knapp 400 begeisterte Anhänger in der Eltmanner Georg-Schäfer-Halle feiern ausgelassen, die Spieler liegen sich in den Armen, nachdem der entscheidende Punkt auf das Konto des Teams aus dem Landkreis Haßberge gegangen ist. Für einen Augenblick ist die Insolvenz der Spielbetriebsgesellschaft vergessen. reu