Die "Violetten", wie die Basketballer des 1. FC Bamberg früher genannt wurden, sind zurück in der Stadt - zumindest ein wenig. Der neue Brose-Trainer Johan Roijakkers, der acht Jahre für die "Veilchen" aus Göttingen aktiv war, brachte jede Menge für ihn bekannte Gesichter aus Niedersachsen nach Franken. Neben seinem kompletten Trainerteam folgten dem Niederländer auch die ehemaligen Göttinger Spieler Bennet Hundt, Dominic Lockhart, Joanic Grüttner Bacoul und zumindest für einige Wochen als Probespieler Elias Lasisi.

Roijakkers und sein Trainerteam müssen sich in Bamberg nicht nur an eine neue Krawattenfarbe, sondern auch an eine gesteigerte Erwartungshaltung gewöhnen: Zielsetzung Play-off-Halbfinale statt Klassenerhalt. Bei der Kadergestaltung hatte der Niederländer mehr oder wenige freie Hand. Aus dem letztjährigen Brose-Team blieben nur Christian Sengfelder sowie die beiden Talente Mateo Seric und Moritz Plescher übrig.

Die Spielzeit bei Brose Bamberg verteilte Roijakkers in der Vorbereitung und in den ersten vier Pflichtspielen (drei im Pokal, eins in der Champions League) sehr ausgeglichen auf seine zehn vorgesehenen Rotationsspieler. Die Hierarchien im Kader sind flach, einen Star oder offensichtlichen Anführer auf dem Parkett gibt es nicht. Das Kapitänsamt teilen sich zwei Spieler: Point Guard Tyler Larson und Power Forward Chase Fieler. Beides auch Kandidaten, die in der Schlussphase den entscheidenden Wurf bekommen könnten.

Doch Roijakkers stellte bereits nach dem Sieg im Pokalspiel gegen Würzburg klar: "Unser Go-to-Guy ist der offene Mann, und den müssen wir immer finden."

Point Guards

Brose probierte es in den vergangenen zwei erfolglosen Jahren mit unterschiedlichen Spielertypen auf der Point-Guard-Position: Tyrese Rice, der vor allem auf seinen eigenen Abschluss schaute, und Paris Lee, der in erster Linie seine Mitspieler in Szene setzen wollte. Dass Tyler Larson in keine dieser Schubladen einzuordnen ist, unterstreichen nicht nur seine Statistiken der ersten vier Pflichtspiele (12 Punkte und 7 Assists im Schnitt). Der 28-Jährige hat beim Pick-and-Roll ein tolles Gespür für das Timing und harmonierte in der Vorbereitung besonders gut mit David Kravish. Wird allerdings nach dem gestellten Block viel Druck auf Larson ausgeübt und seine starke rechte Seite "zugemacht", wie es die Bayern im Vorbereitungsspiel taten, lässt Larson teilweise einen kühlen Kopf vermissen und neigt zu Ballverlusten.

Allgemein war die Anfälligkeit für Turnover im Bamberger Team auffällig: 17 Ballverluste im Schnitt in den bisherigen Pflichtspielen sind zwar deutlich zu viel, aber müssen bedingt durch die Maxime, den Ball nach Fehlwürfen der Gegner möglichst schnell zu machen, einkalkuliert werden. Für die richtige Balance im Spiel müssen vor allem Larson und sein Back-up Bennet Hundt sorgen. Nachdem der 22-Jährige beim BBL-Finalturnier im Göttinger Trikot fast ununterbrochen auf dem Parkett stand, muss er sich nun mit weitaus weniger Minuten begnügen.

Von der Möglichkeit, Larson und Hundt gemeinsam auf das Feld zu schicken, machte Roijakkers zuletzt kaum Gebrauch. Obwohl es wohl kaum jemanden gibt, der härter im Fitnessraum schuftet, ist Hundt mit seinen 1,78 Metern defensiv ein Handicap. Wenn ihn körperlich stärkere Aufbauspieler auf den Rücken nehmen, muss die Hilfe von einem großen Spieler kommen. Die weiterführenden Rotationen in der Defensive sind dann insbesondere für eine neu formierte Mannschaft anspruchsvoll.

Shooting Guards / Small Forwards

Rotieren wie kein anderer im Bamberger Kader kann Dominic Lockhart. Der gebürtige Schweinfurter ist für Roijakkers wie ein Schweizer Taschenmesser. Gegen Bologna agierte der 26-Jährige unaufgeregt für einige Minuten als Point Guard, wenige Tage zuvor half er im Pokal zeitweise als Power Forward aus. Der Defensivspezialist gibt der Mannschaft das, was sie braucht - und das sind nicht die großen Statistiken. Die 19 Punkte (bei 100 Prozent Feldwurfquote) und sechs Assists gegen Bologna waren eine schöne Belohnung für ihn, dürften sonst Seltenheitswert haben. Vier Monate jünger ist sein deutscher Landsmann Kenneth Ogbe. Seine Entwicklung in den kommenden Monaten dürfte mit die spannendste sein. Behält der bald 26-Jährige den Stempel des "ewigen Talents" oder schafft er es in Bamberg, sein riesiges Potenzial, was ihm seit Jahren nachgesagt wird, auszuschöpfen? Das Vertrauen von Roijakkers bekommt Ogbe jedenfalls. Knapp über 20 Minuten stand der Shooting Guard in den bisherigen Partien auf dem Parkett - doppelt so lange wie in der vergangenen Saison bei Alba Berlin unter Coach Aito. Doch die spanische Basketball-Schule war nicht umsonst: Ogbe bewegt sich offensiv auch abseits des Balles sehr gut. Eine Sache, die er mit Lockhart, aber auch Michele Vitali auf der Flügelposition gemein hat. Durch einfache Cuts durch die "Hintertüre" kamen die Bamberger immer wieder einfach zu Punkten in der Zone. Eine Komponente, die im Brose-Spiel der vergangenen Jahre fast gänzlich fehlte.

Das gleiche gilt für einen Ausnahmeschützen, wie es der italienische Neuzugang Vitali ist. Im Gegensatz zum letzten seiner Art im Brose-Trikot, Luca Staiger, lebt der Nationalspieler aber nicht nur von seinem Wurf. Sein Ballhandling und seine Penetration zum Korb sind solide. Gegenspieler, die ihm zu eng auf den Füßen stehen, kann der 29-Jährige also jederzeit bestrafen. 23 Freiwürfe bekam Vitali in den vier Spielen im Pokal und in der Champions League zugesprochen, fast immer wurde er dabei während eines Dreierversuchs gefoult. Genauso wie Vitali und Lockhart nahm die jüngste Bamberger Neuerwerbung, Devon Hall, in der vergangenen Spielzeit mehr Dreier- als Zweierversuche. Fast sieben Mal pro Partie drückte der 1,96 Meter große Shooting Guard in der G-League, der Entwicklungsliga der NBA, ab - bevorzugt aus dem Dribbling. Beim Zug zum Korb ist der 25-Jährige schwer auszurechnen, da er beidhändig abschließen kann.

Die individuellen Qualitäten des Linkshänders, der den ausgebooteten Gerry Blakes ersetzt, dürften nicht nur aufgrund seiner elf NBA-Einsätze unbestritten sein. Doch der Sprung von der G-League, in der es faktisch keine schlechten Würfe gibt, in den gutklassigen europäischen Vereinsbasketball ist groß. Der Spagat, sich in den nächsten Wochen einen neuen "Go-to-Guy" zu erschaffen, den alten ("der freie Mann") aber nicht aus den Augen zu verlieren, ist es ebenso.

Alles andere als eine Wundertüte für Roijakkers ist Joanic Grüttner Bacoul. Der Deutsch-Franzose ist gerade erst von einem Mittelfußbruch genesen und froh, bei einem ambitionierten Verein trainieren und gelegentlich auch spielen zu dürfen. Seine Aufgabe: Defensiv Intensität und Energie aufs Parkett - wenn nötig auch mal mit ein oder zwei Fouls.

Power Forwards / Center

Roijakkers war bekannt dafür, zuvor relativ unbekannte Center in Göttingen groß herauszubringen. Beispiele: Raymar Morgan, Scott Eatherton und zuletzt Dylan Osetkowski. Gelingt das dem Niederländer auch in Bamberg? Mit Norense Odiase gäbe es zumindest einen Kandidaten. Das 25-jährige Kraftpaket verbrachte seine erste Saison nach dem College in der G-League, ist in Europa noch ein unbeschriebenes Blatt. Erfolgsgeschichten brachte er in seinen knapp drei Monaten in Bamberg noch nicht aufs Papier.

In seinen Kurzeinsätzen (sechs Minuten pro Pflichtspiel) fehlte Odiase noch merklich die Bindung zum Team. Seine Athletik ließ er nur sporadisch aufblitzen, präsentierte sich dazu sehr foulanfällig. Leise Erinnerungen an Gabe Olaseni werden wach, der 2015 als Europa-Rookie sein Potenzial zumindest in Bamberg nicht entfalten konnte. Nach neun Bundesliga-Partien zog es ihn nach Gießen. Centerkollege David Kravish präsentiert sich in Bamberg, wie bei seinen zurückliegenden Stationen auch, als "Mister Zuverlässig". Mit 10 Punkten und 8,5 Rebounds kratzt der 28-Jährige an einem Double-Double im Schnitt. Im Angriff setzt er auf Höhe der Dreierlinie sehr stabile Blocks und kann nach dem Abrollen aus der Mitteldistanz oder in der Zone abschließen.

Eine gute Abstimmung hat Kravish bereits mit Power Forward Chase Fieler gefunden. Beides sind starke Passgeber und haben beim Aufposten stets den Blick für den freien Schützen. Kravish hat zwar ein weiches Handgelenk, verfügt aber über keinen ernstzunehmenden Dreipunktewurf. Für das Öffnen des Spielfelds sind Fieler und Christian Sengfelder zuständig, die beide gute Dreierschützen sind. Mindestens genauso sicher aus der Distanz ist Mateo Seric, dessen Vertrag im Februar bis 2022 verlängert wurde. In den Planungen von Roijakkers spielt der 21-Jährige aber vorerst keine Rolle. Er muss sich über gute Leistungen in Coburg für Minuten in Bamberg empfehlen.

Seine Rolle unter dem neuen Trainer noch nicht so richtig gefunden hat Sengfelder, der in der Saison 2019/20 im Schnitt 26 Minuten auf dem Parkett stand.

Co-Kapitän Fieler ist der Gewinner der Vorbereitung und spielt, obwohl er bislang von der Bank kommt, zu recht die erste Geige auf Position 4. Sengfelder rückt zuweilen auf die Centerposition, kann dort seine Stärken aber nur bedingt ausspielen. Als potenzieller Hilfsverteidiger am Brett schüchtert der 25-Jährige keinen ein. In der zurückliegenden Saison glückte Sengfelder in 27 BBL-Spielen kein einziger Block. Eine echte "Block-Party" feierten dagegen Fieler und Kravish zuletzt in Bologna (je drei Blocks).

Eine starke Ausbeute, die aber nicht außer Acht lassen sollte, dass die lange Bamberger Garde mit schnellen und wendigen "Big Men", wie sie vor allem in der Bundesliga herumlaufen, Probleme bekommen könnte. Einen großen Spieler wie im vergangenen Jahr Louis Olinde, der nach dem Pick-and-Roll den Gegenspieler wechseln kann, hat Brose in diesem Jahr nicht im Kader.