Das Wetter in Virginia Beach lädt bei Wassertemperaturen von knapp 15 Grad Celsius nicht zum Baden am mit 45 Kilometern längsten Vergnügungsstrand der Welt ein. Ein Spaziergang bei Außentemperaturen von 18 Grad wäre für Devon Hall in der 438 000-Einwohner-Stadt an der Atlantikküste der USA durchaus drin. Doch der 25-Jährige lebt und arbeitet derzeit bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Nebelgrau in Bamberg.

Seit vier Wochen spielt der 1,96 Meter große Aufbau- und Flügelspieler für Brose Bamberg. "Ich gewöhne mich gerade an das Wetter hier", sagt Hall. "Ich bin schon in der Gegend herumgefahren. Die Stadt ist schön, kleiner als meine Heimatstadt. Ich habe schon einige Bilder gemacht - echt cool. Restaurants habe ich leider noch keine kennengelernt - coronabedingt." Bis er seine neue Heimat auf Zeit seiner Familie zeigen kann, wird aufgrund des Lockdowns in den Staaten noch ein paar Monate dauern. "Ich hoffe im Januar", sagt der Familienmensch und denkt an das verpasste Thanksgiving vergangene Woche in Virginia.

Dort ging Hall zur Schule und besuchte auch in Charlottesville - nur eine Autostunde von Virginia Beach entfernt - die Universität, auf die auch sein nur elf Monate älterer Bruder Mark III. ging. Das war für die Eltern praktisch, sie konnten beide Söhne beim Sport sehen, Mark beim Football und Devon beim Basketball.

Verteidigung komplett anders

Das Basketball-Team der University of Virginia, kurz UVA, ist gefürchtet für seine Verteidigung. Der Stil seines damaligen Coaches, Tony Bennett, unterscheidet sich aber deutlich von dem in Bamberg. "Drüben sind wir beim Pick and Roll mehr abgesunken, bei Coach Roijakkers gehen wir viel aggressiver raus und rotieren dann. Mir gefällt das. Wir müssen aber noch dran arbeiten."

Überhaupt sei der Basketball hier ganz anders als im College, der NBA oder der G-League, dem NBA-Unterbau.

"Ich gewöhne mich so langsam daran, werde besser und harmoniere von Tag zu Tag mehr mit dem Team. Die Kurve geht nach oben. Ich muss mich aber noch anpassen." Während in den Staaten die Athletik dominiert, sei hier mehr der Kopf der Spieler gefordert. Vor allem die Physis, die die Schiedsrichter in der Bundesliga und Champions League gestatten, sei größer. "Das gefällt mir, ich kann da mit meinem Körper gut dagegenhalten. Die erlaubte Körperlichkeit kann aber auch ein Nachteil sein, wenn man gegen physisch starke Gegner spielt."

Problem: Schrittfehler beim Andribbeln

Auch mit der Schrittfehler-Regel steht Hall noch auf Kriegsfuß. Die NBA ist beim Andribbeln mit dem Ball großzügiger als die internationalen FIBA-Regeln. "Zwei meiner sechs Ballverluste im Spiel gegen Crailsheim resultierten daraus. Ich arbeite am Open-Step aber schon mit Stefan Weissenböck. Die anderen Turnovers gehen auf Kosten der ungewohnten Aggressivität des Gegners", sagt der Schein-Linkshänder. "Ich werfe nur mit links, alles andere mache ich mit rechts." So verwundert es nicht, dass Hall in Brettnähe viele Körbe mit der rechten Hand erzielt. Als Kind habe er mit beiden Händen geworfen. "Ich musste mich entscheiden, da habe ich halt mit links geworfen", erzählt der Profi, der gerne vom Besserwerden spricht. "Jeden Tag, wenn ich die Halle verlasse, will ich mich verbessert haben, um mich in die für mich bestmögliche Position für meine Karriere zu bringen. Dabei helfen Siege."

Halls Bilanz fällt bisher mit zwei Siegen bei zwei Niederlagen ausgeglichen aus. Auf eine positive Steigerung hoffen nicht nur die Fans. Wenn sich Hall an den europäischen Basketball angepasst hat, könnte er zu einem der schmerzlich vermissten Go-to-Guys im Brose-Team werden, der am Ende den Ball in den Händen hält und die entscheidenden Akzente setzt.

Ungewöhnliches Hobby

Ob die Brose-Verantwortlichen mit Hall den dicken Fisch an Land gezogen haben, wie einst P. J. Tucker, der sich in Franken zum NBA-Spieler entwickelt hat, wird man sicher erst im neuen Jahr sagen können. Apropos Fisch: Mit Co-Trainer Hylke van der Zweep teilt Hall ein für Basketballer eher ungewöhnliches Hobby - das Angeln. Der Niederländer hat einen deutschen Angelschein aus seiner Zeit in Göttingen und versucht sich gerade an der Prüfung für Franken. Hall gehe gerne an den vielen Seen in Virginia fischen, manchmal auch im Atlantik - da ziehe man die dicken Fische an Land. "Zurzeit ist es aber zu kalt", meint er und trottet in die warme Trainingshalle.