Wer schon mal eine echte Grippe hatte, weiß, dass das kein Spaß ist. Sie kommt meist schlagartig und streckt ihr Opfer förmlich nieder. Man fühlt sich schwer krank und derart schwach, dass selbst der Gang auf die Toilette als kaum machbares Unterfangen erscheint. Nun haben die Auslöser der Grippe, die Influenza-Viren, wieder Hochzeit. Rund 6000 Menschen in Bayern sind derzeit als grippekrank gemeldet. Und es werden täglich mehr. Für manche von ihnen, oft alte oder geschwächte Menschen, wird sie tödlich enden. Es gab Jahre, in denen 20.000 Menschen daran gestorben sind - allein in Deutschland.

Grippewelle 2018: Aktuelle Entwicklungen im Grippe-Ticker

So schlimm das ist: Im Vergleich zu der Grippewelle, die vor 100 Jahren weltweit grassierte, nimmt sich die derzeitige Influenza-Saison harmlos aus. Damals neigte sich der Erste Weltkrieg dem Ende. Er forderte 17 Millionen Menschenleben. Die Spanische Grippe, die dann wütete, hatte noch katastrophalere Folgen. Je nach Schätzung starben zwischen 25 und 50 Millionen Menschen daran. Wie kam es dazu? Und: Kann es eine solche Pandemie heute wieder geben? Die Meinungen darüber gehen auseinander.


Fieber bis zu 41 Grad Celsius

"Der Anfang der Grippe ist vielen Quellen zufolge im riesigen Militärlager "Camp Funston" in den landwirtschaftlich geprägten Weiten des US-Bundesstaates Kansas zu finden. 56.000 zumeist junge Männer waren dort zusammengepfercht und warteten auf ihren Marschbefehl nach Europa. "Als Kronzeuge dieser Ursprungshypothese wird der Landarzt Loring Miner im Haskell County aufgerufen", schreibt Dr. Harald Salfellner, ein in Prag ansässiger Arzt, Verleger und Medizinhistoriker, der nun seine jahrelangen Recherchen in dem Buch "Die Spanische Grippe - Eine Geschichte der Pandemie von 1918" zusammengefasst hat. War es wirklich so? Salfellner hat zumindest Zweifel daran.

Landarzt Miner jedenfalls, so die bisher gängige Meinung, hatte im März 1918 beobachtet, dass in dem Camp eine Grippewelle grassierte, an der binnen kurzer Zeit immer mehr Menschen starben. Das meldete er der US-Gesundheitsbehörde. Die Symptomatik war grausam. Nach einer Inkubationszeit von nur ein oder zwei Tagen stellten sich hohes Fieber bis 41 Grad und schwerstes Krankheitsgefühl mit unerträglichen Kopfschmerzen ein. Die Betroffenen wälzten sich in den Betten und vegetierten nur noch wimmernd dahin. Ihre Gesichter wurden rot bis bläulich und waren aufgedunsen. Dazu traten sehr häufig zwei Formen der Lungenentzündung auf: die "Primärpneumonie", bei der die Lungenentzündung direkt von den Grippeviren ausgelöst wird, oder - was häufiger vorkam: Der Patient erkrankte an einer von Bakterien hervorgerufenen Lungenentzündung, die zur Grippe hinzukam und den ohnehin geschwächten Patienten malträtierte. Das nannte sich "Sekundärpneumonie".


Qualvolle Atemnot

Die Erkrankten litten unter entsetzlichen Schmerzen. Salfellner beschreibt es so: "Die unter qualvoller Atemnot leidenden Kranken sind bis zum Schluss bei klarem Bewusstsein, beobachten die vergeblichen Rettungsversuche der Ärzte und erkennen mit Entsetzen das bevorstehende Ende. (...) In diesen Fällen macht ein Herzversagen dem Todeskampf ein Ende." Im Frühjahr 1918 waren zunächst noch vergleichsweise wenige Menschen von der Krankheit betroffen.In diesen Tagen wurden denn auch weiterhin US-Soldaten nach Europa gebracht, wo sie - so eine gängige medizinhistorische Deutung - dann den Kriegskontinent "infizierten".
Und wie kam es zu dem Namen "Spanische Grippe" und nicht etwa "Amerikanische Grippe"? Die Zensurbehörden der kriegsführenden Länder untersagten zunächst, darüber zu berichten, um die Kampfmoral nicht zu torpedieren. Spanien war aber neutral, und dort gab es nur relativ wenig Zensur. So berichteten spanische Medien Ende Mai, dass acht Millionen Spanier an Grippe erkrankt seien. Plötzlich war der Name "Spanische Grippe" in der Welt.
Eine Pandemie, die grob skizziert in drei Wellen verlief: der ersten etwas weniger schweren im Frühjahr 1918, einer zweiten extrem tödlichen im Spätsommer und Herbst 1918 sowie einer dritten Anfang 1919.

Zwei Drittel der Bevölkerung des Deutschen Reiches waren angeblich erkrankt. Je nach Schätzung starben davon zwischen 250 000 und 460 000. In den USA verloren allein in der Woche vom 17. bis zum 23. Oktober 210 000 (!) Menschen ihr Leben.
Die Schätzungen, wie viele Menschen überhaupt ihr Leben lassen mussten, gehen auseinander. Sehr zahlreich sollen die Opfer in Russland gewesen sein. Doch in dem revolutionsgeschüttelten Land, nunmehr Sowjetunion genannt, hatten die führenden Kommunisten andere Themen auf der Agenda. Die meisten Toten soll es in Indien gegeben haben: 14 Millionen, was durch eine Volkszählung 1921 belegt worden sein soll.

Wo die Grippe tatsächlich ihren Ursprung nahm, ist bis heute nicht genau geklärt. Ebenso wenig ist klar, warum sie bevorzugt nicht Kinder und Alte dahinraffte, sondern gerade gesunde Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Fakt ist, dass es sich um ein Influenzavirus des sogenannten Subtypen A/H1N1 handelte. Dieser stammte Experten zufolge von einem Vogelgrippe-Virus ab und war kurz vor dem Ausbruch der Seuche mehrfach mutiert.
Kann sich eine Katastrophe von diesem Ausmaß wiederholen? Während Salfellner dies grundsätzlich bejaht, ist man beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, der zentralen Stelle für Infektionskrankheiten in Deutschland, vorsichtig mit einer solchen Aussage.


Fehlende Antibiotika

Susanne Glasmacher, Biologin und Pressesprecherin des RKI, sagt: "Eine ähnliche Pandemie wie 1918 ist heute bei uns nicht denkbar." Weil: Die Menschen seien 1918 kriegsbedingt oft in einem schlechten Gesundheitszustand gewesen. Vor allem habe es damals weder Antibiotika gegen die Sekundärpneumonie gegeben noch antivirale Mittel. Auch eine leistungsfähige Intensivmedizin, bei der man Patienten zur Not übergangsweise außerhalb des Körpers beatmen kann, existierte nicht.
Medizinhistoriker Salfellner dagegen sieht dieses Thema in einem düstereren Licht: Von den bald acht Milliarden Menschen lebe nur ein kleiner Teil in gut versorgten Wohlstandsgebieten wie Deutschland. Der andere, weitaus größere Teil der Menschheit, lebe in schlecht versorgten Gebieten. Deshalb ist er überzeugt: "Die nächste Pandemie kommt bestimmt."

von unserem Mitarbeiter Markus Bär