Ob es nun Algorithmen sind, die bestimmen, welche Posts im Facebook-Feed angezeigt werden, oder Sprachassistenten wie Siri, Cortana oder Alexa, die mit Nutzern sprechen: Künstliche Intelligenz erreicht heute Bereiche des Alltags, die noch vor einigen Jahrzehnten nur als Science-Fiction vorstellbar waren. So auch Ende der 80er Jahre, als der englische Gesellschaftsdramatiker Alan Ayckbourn sein Stück "Ab jetzt" uraufführte.

Das Stück hat TiG-Regisseurin Nina Lorenz nun ins Ertl-Zentrum geholt. Ihre Inszenierung zeigt: Die Handlung liegt auch heute noch in der Zukunft - sie ist uns aber manchmal auch bemerkenswert nah. In einer Gegend, die die Polizei bereits aufgegeben hat und in der "die Töchter der Finsternis" das Kommando in den Straßen übernommen haben, lebt der Komponist Jerome mit seinen beiden Robotern in einem Künstlerhaushalt. Sein Kontakt zur Außenwelt besteht in einer Video-Leinwand, die Anrufer zeigt und Besucher vor seiner Haustür. Der Künstler arbeitet am Werk "Liebe", in das er Geräusche sampelt, die er seinem Alltag oder der Natur entnimmt.

Während er allerdings aufgrund fehlender Inspiration schon bei der abstrakten Umsetzung des Themas Liebe stagniert, sieht es in seinem Beziehungsleben nicht besser aus. Seine Frau Corinna hat ihn vor vier Jahren mit der gemeinsamen Tochter Geain verlassen. Jerome hofft, das Besuchsrecht beim nächsten Treffen mit dem Jugendamt erhalten zu können.

Valentin Bartzsch stellt ihn als beobachtende Künstlernatur dar, die wahres Interesse an zwischenmenschlicher Interaktion nur aufbringt, wenn sie der eigenen Kunst dient. Ohne Objekt, dem er sich widmen kann, fehlt ihm jede Inspiration. Damit Jerome bei dem Jugendamt-Termin ein gesundes soziales Umfeld zumindest simulieren kann, engagiert er die Schauspielerin Zoe, die eine liebende Verlobte mimen soll. Aline Joers spielt die unbeholfene, emotionale Frau mit hinreißendem Minenspiel, das jede emotionale Schwankung widerspiegelt - und davon hat sie beeindruckend viele.

Das etwas andere Liebesspiel

Die Romanze, die sich zwischen den beiden anbahnt, findet ein bezauberndes stilles Bild im Zuwerfen von Küssen. Als Jerome darauf besteht, die Klänge beim Sex für sein Musikstück aufzunehmen, wird das vorsichtige Liebesspiel allerdings jäh abgebrochen. Zoe verlässt ihn, worauf er seine Roboterin Gou (Ursula Gumbsch) darauf umprogrammiert, sie zu imitieren. Die Androidin war bisher unterfordert, da sie ihrer eigentlichen Bestimmung, Kinder zu versorgen, im Single-Haushalt nicht nachkommen kann. Ihre Ersatzhandlungen, die öfters ins Unheimliche abdriften, sorgen für Situationskomik - und manchmal Gänsehaut.

Im zweiten Teil des Stücks trifft Gou (nun Aline Joers) auf Sozialarbeiter (Stephan Bach), Ex-Frau (Ursula Gumbsch) und Tochter Geain, die inzwischen Sohn genannt werden will. Mutter und Vater stehen ratlos vor ihrem Kind, nur Gou, die in ihrer neuen Aufgabe aufgeht, kommt mit Geain zurecht. In kürzester Zeit leistet er ihren Anweisungen Folge, weicht nicht mehr von ihrer Seite. Martin Habermeyer, der im ersten Teil des Stücks mit stoischer Gelassenheit und Beharrlichkeit den rationalen Roboter Alan spielte, zeigt Geain facettenreich in all der pubertierenden Rebellion, unter der sich tiefe Unsicherheit und der Wunsch nach Akzeptanz oder zumindest ehrlicher Aufmerksamkeit verbirgt.

Das Stück, das bereits mehr als 30 Jahre alt ist, funktioniert auch heute noch als Science-Fiction-Komödie, berührt unser Leben aber auch in einigen (wunden) Punkten. So sorgt die Kommunikation zwischen Jerome und Alan nicht nur für reichlich Situationskomik, sondern lässt zwischen den Zeilen auch ernstere Fragen anklingen. Dass Jerome Alan stoppt, wenn er unangenehme Themen anschneidet, dass er Alans Rat akzeptiert, zum Wohle seiner Gesundheit auf ein Glas Organgensaft zu verzichten, dass Gou die Bedürfnisse eines Kindes besser erkennt und darauf reagiert, ist amüsant.

Facettenreiches Spiel

Die Szenenausschnitte werfen aber auch Fragen auf: Was macht es mit unserem Kommunikationsverhalten, wenn wir unseren Gesprächspartner bei unerwünschten Äußerungen einfach stoppen können? Können Schrittzähler, Ernährungsapps und Kalorienzähler dazu führen, dass nicht mehr Bedürfnisse, sondern das Bild unseres optimierten Ichs unser Verhalten bestimmt? Und: Sind Roboter die besseren Menschen?

Die Inszenierung von Nina Lorenz und die facettenreichen Darstellungen der Schauspieler schaffen es, einen durchweg unterhaltsamen Abend zu bereiten, unter dessen heiterer Oberfläche ernstere Klänge schwingen.

Aufführungen am 30. September sowie an den folgenden Tagen im Oktober: 1., 3., 7., 8., 10., 14., 16., 17., 21., 22., 23. und 24.

Ort Ertl-Zentrum Hallstadt

Tickets BVD (Tel. 0951/ 9808220) und Betten Friedrich (Tel. 0951/27578).

Diskussion Am Sonntag, 4. Oktober, liest Volker Ringe um 17 Uhr im Ertl-Zentrum aus Ian McEwans Roman "Maschinen wie ich und Menschen wir ihr." Anschließend um 19 Uhr diskutieren unter anderem Erzbischof Schick, Bambergers 2. Bürgermeister Glüsenkamp und die informatikprofessorin Ute Schmid über die ethischen Grundlagen vom Künstlicher Intelligenz. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung an kontakt@tig-bamberg ist notwendig.