Die Debatten um Kunst und Begrifflichkeiten in Zusammenhang mit Antisemitismus und Rassismus nehmen heuer breiten Raum in der öffentlichen Diskussion in Bamberg ein. Mohrenhaus und Bayerlein-Bilder prägten in den letzten Wochen und Monaten die Schlagzeilen - der umstrittene Name des Geschäftshauses bleibt, während die Gemälde des Nazi-Anhängers aus dem Rathaus entfernt wurden. Und auch der Domberg bleibt von solchen Vorwürfen nicht verschont. So wird Kritik laut an zwei nicht unproblematischen Statuen im Dom.

Sie kommt aus berufenen Munde, nämlich von Hans Markus Horst, dem Beauftragten für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Bamberg. Geäußert hat sie der Erlanger unter anderem bei einem Vortrag im Frühjahr zum Start der Woche der Brüderlichkeit. "Vom christlichen Antijudaismus zu einem Weltethos der Religionen?" lautet das Thema seines Referats, mit dem sich nun auch das Domkapital ausführlich beschäftigt und dessen zentrale Forderung es negativ beschieden hat.

Hassdelikte erreichen neuen Höchststand

Ausgehend von der aktuellen Situation stellt er fest, dass die Entwicklung des Friedens der Religionen in den vergangenen 20 Jahren nicht besonders positiv verlaufen sei. Die Hassdelikte hätten viel mehr zugenommen, so Hans Markus Horst, besonders die gegen Juden, und hätten im Jahr 2019 einen neuen Höchststand mit 1839 Fällen erreicht.

Das Christentum sei alles andere als frei von Antisemitismus und Antijudaismus. Ausgehend von den Matthäus- und Johannes-Evangelien und Paulusbriefen im Neuen Testament über die Lehren einiger großer Kirchenväter, dem Verhalten der Kirche im Mittelalter und dem von Martin Luther spricht Horst von einer "christlichen Tätergeschichte", die den Boden für 1933 bestens vorbereitet habe. "Aus christlicher Sicht muss man vom nahezu gänzlichen Versagen der christlichen Kirchen und ihrer Mitglieder während des Dritten Reiches sprechen", stellt er klar.

Die Bilanz von insgesamt 2000 Jahren fällt nach Ansicht von Horst eindeutig zu Ungunsten der Christen aus. "Deshalb müssen wir im christlich-jüdischen Dialog nicht nur freundlich miteinander umgehen, sondern auch theologisch ansetzen und die Lehre überdenken", folgert Horst.

Stolz und schön gegen zart, schwach und blind

Dann stellt er die Frage: Was können wir tun? Und er nennt als Wunsch, Anregung, Forderung an das Domkapitel: Das Figurenpaar der Ecclesia (Kirche) und der Synagoge (Judentum) sei aus dem Dom zu entfernen. Es sei nämlich Ausdruck der Substitutionstheologie im engen Sinn, wonach das Volk Israel verworfen und seine spezifischen Verheißungen aufgehoben seien. Die Figuren - Ecclesia stolz und schön, Synagoge zart, schwach und blind (unfähig, Jesus zu erkennen) - künden vom Überlegenheitsgefühl der christlichen Kirche gegenüber dem Judentum im Mittelalter.

Horst betont ausdrücklich den hohen künstlerischen Wert der Statuen, die sich in die Darstellungen von Reims und Straßburg einreihten. Die Figuren standen ursprünglich außen am Fürstenportal des Domes und wurden 1936 zu ihrem Schutz vor weiterer Verwitterung in den Dom gestellt. Außen am Portal sind nun Repliken zu sehen: Abgüsse in gefärbter, kunstharzgebundener Steinersatzmasse

Die Forderung von Horst lautet: "Diese Figuren im Dom sollen in das Diözesanmuseum, um ein augenfälliges Zeichen gegen Antisemitismus und Antijudaismus zu setzen." Das Verbleiben sei ein theologisch verheerendes Signal, weil man weiterhin die alte Geschichte transportiere. Er verweist dabei auf den Geist des II. Vatikanischen Konzils und die neue Theologie des 20. Jahrhunderts.

Damit nicht genug: Es müsse ein Programm gegen Antisemitismus entwickelt und installiert werden, wobei die äußeren Figuren nach der Meinung von Horst bleiben könnten, aber in dieses Programm auch involviert werden sollten.

Für friedliches Miteinander

Diese Forderungen bettet der Beauftragte für Weltanschauungsfragen ein in die Ideen von Hans Küng, dass es keinen Frieden unter den Nationen gebe ohne einen Frieden unter den Religionen: "Wir sollten auch weiterhin für ein friedliches Miteinander eintreten, denn Frieden zwischen den Menschen und Religionen ist immer möglich. Dafür sollen wir uns einsetzen."

Auf Nachfrage erklärt Harry Luck, der Pressesprecher des Erzbischöflichen Ordinariats, dass sich das Domkapitel unlängst eingehend mit dem Thema beschäftigt habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, dass die Originalfiguren im Dom verbleiben und damit der Öffentlichkeit auch ohne Museumseintritt zugänglich bleiben sollen. "Es wird überlegt, einen kommentierenden Hinweis anzubringen, dazu gibt es bereits erste Vorschläge. Darüber hinaus gibt es Ideen, wie das Thema ausführlicher im Diözesanmuseum dargestellt werden kann", erklärt Luck. Beschlüsse seien dazu allerdings noch nicht gefasst worden.

Schick: "Die Synagoge muss bleiben!"

Erzbischof Ludwig Schick äußerte sich bereits im Jahr 2012 in seinem Buch "Was der Bamberger Dom uns sagen kann" ausführlich zu dem Thema. "Die Synagoge muss bleiben!", stellte er damals klar fest. Kunstwerke zu verbannen habe noch nie etwas Gutes bewirkt, aber man müsse sich mit ihnen auseinandersetzen. An der Bedeutung der Synagoge-Figuren - auch in anderen Kirchen - lässt er keine Zweifel: "In heutiger Sicht muss man feststellen: Sie werten die jüdische Religion, das jüdische Volk und den jüdischen Gottesdienst ab." Die Synagoge im Dom zu belassen, bedeutet für Schick auch, eine Mahnung an die Betrachter zu schicken: "Sie soll jedem sagen: 'So nie wieder!' Sie soll uns (...) die 'Schamröte ins Gesicht steigen lassen'."