Von Pegida auf die Straße gebracht, von der Pariser Bluttat verschärft und von einer ganzen Riege von Politikern kommentiert - die Diskussionen um die angebliche "Islamisierung des Abendlandes" reißen nicht ab. Auch in puncto Burka-Verbot nehmen die Debatten kein Ende, das strittige Kleidungsstück sorgt fortdauernd für Zündstoff. Wird die Frau von ihrem Mann dazu gezwungen, sich zu verschleiern, oder trägt sie es womöglich, um eine Bombe darunter zu verbergen? Ist sie nicht vielleicht schlichtweg von ihrem Glauben überzeugt und käme sich nackt vor, ginge sie ohne Burka auf die Straße?

Wie dem auch sei, ich wollte mehr darüber erfahren, als ich all den endlosen Wortgefechten entnehmen konnte. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, als Muslima wahrgenommen zu werden.

Ein Perspektivwechsel musste her. Ich verschleierte mich einen Tag lang von Kopf bis Fuß und nahm meine Umwelt nur noch durch jenen schmalen Schlitz wahr, den das Kopfteil der Burka, Niqab genannt, noch frei lässt. Ein schmaler Schlitz, der doch genügte, um eine ganze Flut an Reaktionen einzufangen.

Aufkeimende Schaulust

Mein Tag als strenggläubige Muslima beginnt in der Bamberger Fußgängerzone, die Stände des Wochenmarkts werden nach und nach aufgeklappt. Ich schlendere am Gabelmann vorbei, die ersten Blicke liegen mir im Nacken. Ich drehe mich um und sehe die Leute an - hastig huschen ihre Blicke wieder davon. Ich verharre eine Weile an einem Blumenstand, zwei ältere Damen stehen neben mir und begutachten ein wuchtiges Gesteck. Sie bemerken mich, ihre Blicke wandern an meiner schwarzen Robe entlang und mustern mich von Kopf bis Fuß. Die Frauen schütteln ihre Köpfe und treten ein paar Schritte beiseite.

Der nächste Stand, ein türkischer Gemüsehändler. Seine Frau trägt ebenfalls ein Kopftuch, sie lächelt mich freundlich an und sagt etwas zu mir, das ich nicht verstehe. Ich behelfe mir mit einem kurzen Nicken - ob sie sehen kann, dass ich zurücklächle?

Ich laufe weiter, die Fußgängerzone füllt sich allmählich. Mir folgen immer mehr Blicke - kaum einer scheint umhin zu kommen, mich anzustarren. Ihre Augenbrauen raffen die Gesichter zu eisigen Mienen, die gekräuselten Lippen verhärten den Ausdruck. Aus manch einem Antlitz lese ich Neugierde - Fragen allerdings, die mir leider keiner stellt.

Nase putzen wird zum Problem

Für das immer noch etwas kühle Wetter ist die Burka im Grunde genommen sehr nützlich, selten habe ich in den letzten Monaten so wenig gefroren wie heute. Dass meine Nase läuft, kann ich allerdings weniger gut gebrauchen. Mit der Niqab vor dem Gesicht erweist sich das Putzen als eine ganz schöne Herausforderung - zumal eine strenggläubige Muslima auch ihre Hände verschleiert.

Ich erreiche den Maxplatz und spaziere eine Runde über den Markt. Ein älterer Herr läuft an mir vorbei. Er brummt ein grimmiges "Herrgott, nein wie furchtbar" vor sich her und schüttelt den Kopf.

Ich halte an einem der Verkaufsstände inne, neben mir steht eine Traube tuschelnder Kinder. Sie beäugen mich gespannt - ich erwidere ihre Blicke. Schließlich tritt ein kleiner Junge aus der Menge heraus und kommt herüber gelaufen. Er tippt mich an. "Duhuu, warum hast du dir heute so was angezogen?", fragt er. Zumindest den Kindern scheinen Vorurteile fremd zu sein, ihre Neugierde überwiegt.

Ich setze meinen Spaziergang fort. Als ich die reduzierte Stangenware eines Bekleidungsladens betrachte, folgt eine Vielzahl von Augenpaaren meinen in schwarze Handschuhe gehüllten Händen. Erwidere ich einen Blick, schaut die ins Visier Genommene schnell wieder weg. Wird es nötig, verständige ich mich über Fingerzeige, Nicken und Kopfschütteln - auf meine Mimik verlasse ich mich heute lieber nicht.

Als ich in Richtung Post laufe, begegnen mir zwei ältere Damen. Ihre Kinnladen klappen herunter, mein Anblick scheint auch ihnen keine Freude zu bereiten. Ich schleiche um sie herum, lausche ihrem Gespräch. "Das sollte verboten werden" - "Unheimlich sind mir diese Leute."

Ich gebe mich zu erkennen und bitte die Damen, mir ihre Abscheu zu erklären. "Ich fühle mich bei so einem Anblick bedroht", sagt eine der beiden Damen. "Wenigstens den Mund sollte man sehen können, das ist ja wohl genug Verschleierung", fügt die andere Dame hinzu. "Wir sind so einen Anblick hier nun mal nicht gewohnt."
Ich erreiche das Postgebäude. Auf dem Weg zum Schalter halte ich einem Mann die Tür auf. Widerwillig nickt er mir kurz zu, schreitet mit hastigen Schritten davon. Es geht weiter wie gehabt. Die Menschen reagieren auf meinen Anblick mit Kopfschütteln - schnell raus hier.

Auch da wird es nicht angenehmer. "Grauenvoll!", stößt eine Passantin hervor. Ich hake nach. "Was machen Sie da nur Schreckliches mit sich?", fährt sie mich an und eilt davon. Langsam bin ich etwas frustriert. Eine nette Reaktion für zwischendurch wäre eine schöne Abwechslung.

Ausnahme für einen Mann

Vor dem Postgebäude ist ein Hundemännchen angeleint. Der große, kastanienbraune Rüde wartet wohl auf sein Herrchen. Er guckt aufgeweckt in meine Richtung, ich gehe hinüber und streichle ihn.

Der Hund reicht mir seine Pfote. Eigentlich ziemt es sich für eine Muslima nicht, Männern die Hand zu geben. Doch in diesem Fall mache ich eine Ausnahme und erwidere seinen Gruß - immerhin ist Freundlichkeit heute ein sehr limitiertes Gut, das ich bitter zu schätzen lerne.

Meine nächste Station ist das E.T.A.-Hoffmann-Theater, ich möchte mir eine Ausstellung ansehen. Die achtsamen Blicke der jungen Damen am Empfang folgen mir zunächst auf Schritt und Tritt. Allmählich scheinen sie aber zu bemerken, dass hinter meinem Besuch ernsthaftes Interesse an der Kunst steckt. Als ich das Foyer schließlich in Richtung Tür verlasse, lächeln sie mir freundlich zu, wenn auch noch immer etwas verdutzt.

"Verrecktes Gesindel!"

Etwas fröhlicher gestimmt laufe ich in Richtung Gabelmann. Meine Heiterkeit erfährt ein jähes Ende, als ein Passant mir lauthals "verrecktes Gesindel!" entgegenruft. Andere Passanten werden Zeugen dieser Szene, keiner reagiert. Sie laufen beschämt weiter, blicken mir noch einmal verstohlen hinterher.

Es fühlt sich an, als würden sie alle mich als Feindin wahrnehmen. Ich quetsche mich an einer Gruppe Jugendlicher vorbei, sie stehen in der Runde und plaudern vergnügt miteinander. "Gott, sieht die gruselig aus", spottet ein junger Mann und lacht, seine Freunde stimmen in das Gelächter ein. Dass ich nur einen halben Meter neben ihnen stehe und sie ansehe, stört die Jugendlichen nicht weiter.

Mir reicht es, ich habe genug Eindrücke gesammelt. Ich mache mich auf den Rückweg nach Hause, möchte hier so schnell wie möglich weg und raus aus meiner Montur. Doch eine rote Ampel lässt mich ein letztes Mal verharren.

Neben mir steht eine Gruppe älterer Herren vor einer Imbissbude. Sie scheinen befreundet zu sein, stehen im Kreis und essen Bratwurst. "Was wollen Sie hier? Sie passen hier nicht her!", tönt es plötzlich. Einer der Männer aus der Bratwurst-Runde funkelt mich feindselig an. Die anderen stehen perplex daneben, wissen offenbar nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Ich entscheide mich dazu, das Wort zu ergreifen. Vielleicht zügelt es die Wut des Mannes, dass diese Muslima die Sprache einwandfrei beherrscht, sich offensichtlich schon intensiv mit der deutschen Kultur auseinandergesetzt hat. Fehlanzeige.

"Warum passe ich hier nicht her? Habe ich nicht das gleiche Recht darauf, hier zu leben, wie Sie?", frage ich nach und zwinge mich dazu, einen ruhigen Ton zu bewahren. "Sie passen hier nicht her! Verschwinden Sie!", grölt er zurück. Ich frage erneut, bitte ihn um eine Erklärung. Immer erzürnter wiederholt der Mann seine Aufforderung. Ich bin niedergeschlagen, kann seinen Zorn nicht nachvollziehen.

Eine positive Überraschung

Die Freunde des Mannes treten aus ihren stummen Beobachter-Positionen heraus und schreiten ein - ich bin wahrlich überrascht. Sie reden auf ihren hitzigen Freund ein. "Jetzt wäre aber mal eine Entschuldigung fällig, mein Lieber", fordert einer der Männer. "Ja, genau. Warum sollte dieses arme Mädchen weniger Recht darauf haben, hier zu leben, als du?", fährt ein anderer fort. "Dich zwingt doch niemand, so ein Ding zu tragen. Und sie sollte tragen dürfen, was ihr gefällt." Ein kleiner Lichtblick.

Trotzdem laufe ich frustriert nach Hause, und das nach nur einem einzigen verhüllten Tag. Ich lege die Burka ab und weiß jetzt, um was für eine Art von Montur es sich dabei handelt, wozu dieses Kostüm einen degradiert. Es ist die Robe einer Aussätzigen, einer Feindin - legt man sie an, lehnen die Menschen einen ab. Morgen werde ich ohne Verschleierung auf die Straße gehen, man wird mich anlächeln und mir die Tür aufhalten. Dabei bleibe ich der gleiche Mensch.